Shallow Hits – Ebbb
Rezensiert von Leah Schorsch on 18. Juli 2026
Zwischen Euphorie und Überforderung: Mit Shallow Hits liefert das Londoner Trio ein Debüt voller Ideen und fordert seine Hörer*innen vom ersten bis zum letzten Song heraus.
Noch bevor Ebbb überhaupt eine einzige Single veröffentlicht hatten, hatte sich das Londoner Trio bereits einen Namen gemacht. Nicht über Streamingzahlen oder Social Media, sondern dort, wo sich Bands ihren Ruf noch erspielen müssen: auf kleinen Bühnen, in verschwitzten Clubs und in der lebendigen Underground-Szene der britischen Hauptstadt. Im legendären Windmill Brixton, aber auch in Clubs wie dem George Tavern oder dem Shacklewell Arms entwickelten sich die Auftritte von Produzent Lev Ceylan, Sänger Will Rowland und Schlagzeuger Scott MacDonald schnell zu einem Geheimtipp. Wer die Band live gesehen hatte, erzählte weiter von ihr – lange bevor überhaupt Musik veröffentlicht wurde.
Diese ungewöhnliche Entwicklung prägt Ebbb bis heute. Im Gespräch mit Clash beschreibt Schlagzeuger Scott MacDonald die Konzerte als den eigentlichen Ausgangspunkt der Band. Songs wurden immer wieder vor Publikum getestet, verändert oder sogar verworfen.
“Live has always been the thing that we care about the most […]”
Erst wenn ein Stück auf der Bühne funktionierte, hatte es auch eine Zukunft im Studio. Dass Shallow Hits trotz seiner aufwendigen Produktion eine enorme Dynamik besitzt, überrascht deshalb kaum.
Dabei könnten die Hintergründe der drei Musiker kaum unterschiedlicher sein. Lev Ceylan kommt ursprünglich aus Deutschland und zog für die Musik nach London. Will Rowland wurde an der Westminster Abbey Choir School ausgebildet und bringt einen klassischen Gesangsstil mit, der sich deutlich von den elektronischen Klangwelten unterscheidet, in denen sich Ceylan bewegt. Ergänzt wird das Duo durch Scott MacDonald, dessen Live-Schlagzeug den Songs eine zusätzliche Wucht verleiht und auf dem Debütalbum deutlich stärker in den Mittelpunkt rückt als noch auf der EP All At Once aus dem Jahr 2024.
Gerade diese Gegensätze machen den Sound von Ebbb aus. Die Band bewegt sich ständig zwischen verschiedenen Polen: Schönheit und Lärm, Kontrolle und Chaos, Melodie und Geräusch.
„Brian Wilson meets Death Grips.“
Ein Satz, der schnell zum Markenzeichen wurde. Heute sehen sie diese Einordnung allerdings selbst als überholt. Lev Ceylan erklärte zuletzt, die Beschreibung habe damals geholfen, die Extreme ihrer Musik zu erklären. Mittlerweile sei der Sound aber deutlich vielschichtiger geworden. Jede Idee solle maximal ausgeschöpft werden, jedes Stück möglichst viele Facetten besitzen.
Genau dieser Maximalismus zieht sich durch Shallow Hits. In einem Interview beschreibt Will Rowland, dass für die Band jede Sekunde eines Songs wichtig sei. Man wolle keine Zeit verschwenden, sondern selbst ruhigen Passagen möglichst viel Bedeutung geben. Das Album sollte größer, weiter und ambitionierter klingen als alles zuvor. Gleichzeitig entstand es nicht als klassisches Konzeptalbum. Vielmehr versteht die Band die zwölf Songs als Momentaufnahmen der vergangenen zwei Jahre – musikalische Schnappschüsse verschiedener Lebensphasen, die erst durch ihre Reihenfolge zu einem Ganzen werden.
Diese Dramaturgie war Ebbb besonders wichtig. Während Streamingdienste oft einzelne Songs in den Vordergrund rücken, wollten sie ein Album schaffen, das bewusst von Anfang bis Ende gehört werden kann. Die Reihenfolge der Stücke wurde deshalb genauso sorgfältig gewählt wie die Songs selbst. Höhen und Tiefen wechseln sich ab, ähnlich wie in ihren Liveshows.
Auch inhaltlich verbindet die Songs ein gemeinsamer Faden. Immer wieder geht es um Selbstzweifel, Unsicherheit, Beziehungen und den Versuch, den eigenen Gedanken zu entkommen. Statt große Geschichten zu erzählen, richtet Rowland den Blick nach innen. Seine Texte wirken häufig wie innere Monologe – persönlich, verletzlich und manchmal fast unbeholfen ehrlich. In einem früheren Interview sagte er einmal, dass es eine besondere Kraft habe, den eigenen inneren Monolog nach außen zu tragen. Genau dieses Gefühl zieht sich durch Shallow Hits: Die Songs wirken weniger wie fertige Antworten als wie Gedanken, die während des Singens überhaupt erst Form annehmen.
Musikalisch bleibt das Album dabei kaum einen Moment stehen. Synthpop bildet zwar häufig den Ausgangspunkt, doch Ebbb verlassen vertraute Strukturen immer wieder. Chorähnliche Gesänge treffen auf Industrial-Einflüsse, warme Popmelodien auf kalte elektronische Texturen, Ambient-Flächen auf treibende Drum-and-Bass-Rhythmen. Mal wirkt die Musik beinahe schwerelos, im nächsten Moment baut sie eine enorme Wucht auf. Gerade diese ständigen Kontraste verleihen dem Debüt seine eigene Identität – sie verlangen den Hörerinnen und Hörern aber auch einiges ab.
Schon der Opener “Come Alive” zeigt, worauf sich Hörer*innen bei Shallow Hits einstellen müssen. Der Song beginnt beinahe schwerelos: ruhige Synthflächen, eine zurückhaltende Melodie und Rowlands sanfter Gesang erzeugen zunächst eine fast verletzliche Stimmung. Erst nach und nach öffnet sich der Song, immer mehr elektronische Elemente kommen hinzu und entwickeln sich zu einem überraschend hellen, fast sonnigen Synthpop-Stück.
Inhaltlich beschreibt der Song den Weg aus einem Zustand von Angst und Orientierungslosigkeit. Zeilen über lähmende Unsicherheit lösen sich im Refrain langsam auf und machen Platz für den Moment, in dem man wieder “zum Leben erwacht”. So eröffnet der Song nicht nur das Album, sondern führt auch direkt in dessen zentrales Thema ein: den ständigen Wechsel zwischen inneren Konflikten und Hoffnung.
.Mit „Pander“ schlagen Ebbb anschließend etwas andere Töne an. Der Song gehört zu den zugänglichsten Momenten von Shallow Hits. Eine eingängigere Synthpop-Produktion und ein treibender Rhythmus sorgen dafür, dass sich die Melodie schneller festsetzt als bei vielen anderen Stücken des Albums. Hinter dieser vergleichsweise leichten Oberfläche verbirgt sich allerdings erneut ein persönlicher Text. Rowland beschreibt das Bedürfnis, sich für andere Menschen zu verbiegen, Erwartungen erfüllen zu wollen und dabei Stück für Stück die eigene Identität aus den Augen zu verlieren. Gerade dieser Kontrast zwischen eingängigem Sound und emotionaler Unsicherheit gehört zu den größten Stärken von Ebbb. Sie schreiben keine traurigen Songs im klassischen Sinne, sondern kleiden schwierige Themen häufig in überraschend helle Produktionen.
Ähnlich entwickelt sich „Moving On“, allerdings deutlich zurückhaltender. Der Song beginnt beinahe minimalistisch. Erst nach und nach erweitern Synthesizer, elektronische Beats und zusätzliche Stimmen das Klangbild, bis sich die zunächst fragile Stimmung immer weiter verdichtet. Auch textlich bleibt der Blick nach innen gerichtet. Es geht um den Versuch, Vergangenes hinter sich zu lassen, während Selbstzweifel und Unsicherheiten immer wieder dazwischenfunken. Die Musik greift dieses Gefühl auf: Sie wächst kontinuierlich, ohne jemals vollständig zur Ruhe zu kommen. Gerade hier wird deutlich, wie eng Produktion und Text auf Shallow Hits miteinander verzahnt sind. Die Arrangements begleiten die Emotionen nicht nur – sie verstärken sie.
Mit „Youth“ nimmt das Album das Tempo anschließend wieder etwas zurück. Schwebende Harmonien und mehrstimmige Gesänge verleihen dem Stück eine beinahe nostalgische Atmosphäre. Inhaltlich kreisen die Lyrics um Erinnerungen, Vergänglichkeit und die Frage, was von vergangenen Lebensabschnitten eigentlich bleibt. Anders als viele nostalgische Popsongs verklärt der Song die Vergangenheit jedoch nicht. Stattdessen schwingt in jeder Zeile eine gewisse Unsicherheit mit – als würde der Blick zurück ebenso viele Fragen aufwerfen wie beantworten. Musikalisch bleibt der Song dabei ständig in Bewegung. Elektronische Texturen, Chorgesänge und Synthesizer greifen ineinander und erzeugen eine dichte Klanglandschaft, die gleichzeitig vertraut und fremd wirkt.
Den Schlusspunkt setzt schließlich „I’m Not Enough“ – und passender hätte Ebbb ihr Debüt kaum beenden können. Schon der Titel bringt die zentrale Gefühlswelt des Albums auf den Punkt. Immer wieder wiederholt Rowland den Satz „I’m not enough“, bis daraus weit mehr wird als nur eine Songzeile. Zweifel, Selbstkritik und das Gefühl, den eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden, ziehen sich bereits durch die vorherigen Stücke und finden hier ihren emotionalen Höhepunkt. Gleichzeitig wirkt der Song überraschend reduziert. Statt eines großen Finales lassen Ebbb den Text wirken und geben den Emotionen mehr Raum als der klanglichen Wucht. Gerade dadurch hinterlässt der Song einen nachhaltigen Eindruck. Nicht als spektakulärer Abschluss, sondern als leises Nachhallen dessen, was das Album zuvor aufgebaut hat.
Wer Shallow Hits hört, merkt schnell, dass Ebbb kein Interesse daran haben, Erwartungen zu erfüllen oder sich auf einen bestimmten Stil festzulegen. Stattdessen wechseln sich euphorische Momente und fragile Passagen ständig ab. Synthpop, Industrial, Ambient, Chorgesang und elektronische Clubmusik existieren oft innerhalb eines einzigen Songs nebeneinander. Diese Vielseitigkeit macht das Debüt unverwechselbar und zeigt den Mut der Band, bewusst Risiken einzugehen. Gleichzeitig fordert sie den Hörer*innen einiges ab. Shallow Hits ist kein Album, das sich beim ersten Durchlauf vollständig erschließt.
Der Maximalismus des Albums ist letztlich die größte Stärke, aber auch die größte Herausforderung von Shallow Hits. Das macht es zu einem Album, das Aufmerksamkeit verlangt. Es erschließt sich nicht nebenbei und verzichtet bewusst auf einfache Strukturen oder klare Genregrenzen. Wer sich auf diese Klangwelt einlässt, entdeckt mit jedem Durchlauf neue Details. Von kleinen Produktionseinfällen bis hin zu den fein ausgearbeiteten Gesangsharmonien. Gleichzeitig dürfte genau diese Komplexität nicht jeden sofort abholen. Die vielen stilistischen Richtungswechsel und die dichte Produktion können mitunter überfordernd wirken und erschweren es, einen klaren roten Faden zu erkennen.
Dennoch zeigt das Debüt eindrucksvoll, welches Potenzial in Ebbb steckt. Die drei Musiker folgen keinem Trend und scheinen auch kein Interesse daran zu haben, ihre Musik möglichst leicht konsumierbar zu machen. Stattdessen setzen sie auf Experimentierfreude, starke Kontraste und den Mut, Erwartungen bewusst zu unterlaufen. Nicht jede Idee geht dabei vollständig auf, doch gerade dieser kompromisslose Ansatz macht Shallow Hits zu einer Veröffentlichung, die sich dem schnellen Urteil entzieht.
Unterm Strich ist Shallow Hits kein Album für den flüchtigen Konsum. Es fordert Geduld, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich auf eine ebenso vielschichtige wie unberechenbare Klangwelt einzulassen. Für die einen dürfte genau das den Reiz des Debüts ausmachen, andere werden sich mit seiner Dichte und seinem permanenten Ideenreichtum schwertun. Sicher ist aber: Ebbb legen mit ihrem ersten Album eine selbstbewusste Visitenkarte vor, die zeigt, dass sie lieber Risiken eingehen, als den einfachen Weg zu wählen. Und genau das macht Shallow Hits zu einem Debütalbum, über das man auch nach dem letzten Song noch weiter nachdenkt.
Label: Ninja Tune Veröffentlicht am: 10.07.2026 Interpret: Ebbb Name: Shallow Hits Coverbild: © Mike Six