Audio88 & Yassin – Todesliste

Rezensiert von on 21. Februar 2021

       

Früher waren sie Deutschraps schlechtes Gewissen, spätestens seit ihrem sechsten Album sind sie das schlechte Gewissen Deutschlands. Audio88 & Yassin haben ihre „Todesliste“ veröffentlicht und das Fadenkreuz hat nicht mehr nur „schmutzige Rapper“ im Visier. Dieses Album ist eine gelungene Anklageschrift an die Gesellschaft.

Die selbsternannte Kultband, hat aus musikalischer Perspektive ihr neues Album wieder etwas poppiger und allgemeinverträglicher gestaltet als die Vorangegangenen und gehen den Weg, der sich bereits bei „Normaler Samt“ 2015 angedeutet hat, konsequent weiter. Nichtsdestotrotz ist das Album ein Brett, und klingt trotz sehr unterschiedlicher Produzenten, wie aus einem Guss. Neben altbekannten Wegbegleitern wie Yannic, Suff Daddy, Farhot und Torky Tork tummeln sich auch neue und teils unerwartete Produzenten auf Todesliste. Neben Dienst & Schulter die maßgeblich an Yassins Soloalbum „Ypsilon“ mitgewirkt haben, gibt sich die erste Garde deutscher Produzenten auf Todesliste die Klinke wie bspw. die Drunken Masters, Ghanaian Stallion und Haftbefehl Hausproduzent Bazzazzian. Auf den dreizehn Tracks wechseln sich düstere und minimalistischere Songs mit bombastischen Produktionen und schließlich ruhigeren Songs ab. Auch überraschend ist der Umstand, dass es nur ein offizielles Feature gibt: Die Rapperin Nura steuert die Hook zu Garten bei. Allerdings verstecken sich drei Gastauftritte u.A. von Mitgliedern einer befreundeten Band sowie die deutsche Stimme von Tali´Zorah aus Mass Effect.

Mehr Features sind aber auch nicht nötig, denn die beiden brauchen dieses Mal jeden Raum um ihre Kritik an Gesellschaft, Politik und Kultur unterzubringen. Womit wir nach den hard facts auch schnell zum eigentlichen Kern dieses Albums kommen. Die hervorragenden Texte und ihr Inhalt. Zu Beginn ihrer Karriere haben sich Audio88 & Yassin an verschiedenen Themen abgearbeitet. Zum Teil an ihren eigenen Lebensumständen, oder existentiellen Fragen mit einer Prise Gesellschaftskritik. Später zu Normaler Samt (2015) und Hallelujah (2016) wurde die Hip-Hop-Landschaft vorrangig aufs Korn genommen. Zu Todesliste hat sich der Fokus wieder verändert. Zwar finden sich wieder klassische Disses auf dem Album aber dieses Mal trifft es vor Allem die deutsche Gesellschaft in ihrer Gänze. Treffend benannt ist der Opener mit „Schlechtes Gewissen“ in der sich auch die Line von Yassin findet „Doch die Liste ist, und bleibt lang, Du bist dran, ist nur eine Frage der Zeit, wann.“ Sie halten Wort, denn auf dem Album kommt keiner gut weg. Plus 1 klingt wie ein inoffizieller Titeltrack und konkretisiert die Liste z.T. auf Namen oder Typen von Menschen inklusive Seitenhieb auf den Rapper Absztrakkt, der eine fragwürdige Entwicklung vom „Buddhisten-Rapper“ zu klar rechten Positionen durchgemacht hat und anschließend abtauchte.

„Vater Mutter Kind“ arbeitet sich an der medialen Inszenierung von „Hartz-4 Familien“ und der Überheblichkeit des gemeinen Konsumenten solcher Reality-TV Sendungen ab, sowie der Reproduktion menschenfeindlicher oder verschwörungstheoretischer im familiären Umfeld. Die Kulturlandschaft kriegt auch im hervorragenden „Lauf“ ihr Fett weg. So wird angeklagt, dass in Talkshows absurde Diskussionen über Menschenrechte geführt werden. Aber in dem Rundumschlag kriegen auch Politiker, die im Zusammenhang mit rechtem Terror ständig von „Einzelfällen“ reden und stellen den treffenden Vergleich in dem Raum: „Stell dir vor statt Stefan hätte Mahmood geschossen“ im Bezug auf den Tod des CDU-Politikers Walter Lübcke. Wie dann wohl die öffentliche Diskussion gelaufen wäre? Und wie wäre das gesellschaftliche Echo? Eine Frage die Audio88 mit „Lübcke wäre immer noch tot, aber Polen wär´ weit offen“ beantwortet. WUP kurz für „Weiß und Priviligert“ ist ein Mittelfinger an die ignorante, sexistische und unreflektierte Haltung der vielbeschworenen „alten weißen Männer.“ Apropos Mittelfinger: Ein Highlight des Albums ist der Solotrack von Audio88 namens „Cottbus.“ Eine gnadenlose Abrechnung mit der Heimatstadt von Audio88. Seit 2019 ist die AfD mit 22 Prozent stärkste Kraft in Cottbus und wenn man Audio´s Geschichten hört, ist es keine Überraschung. Dieser Track fühlt sich an wie Kool Savas´s „Das Urteil“ umgemünzt auf eine Stadt. Viereinhalb Minuten wie eine persönliche Anklageschrift nicht nur an Cottbus, sondern alle die solche Zustände bundesweit zulassen. Jede*r mit Rassismuserfahrung wird sich irgendwo in diesem Song an sein eigenes Leben erinnert fühlen. Todesliste ist, trotz oder gerade wegen der allgegenwärtigen Gesellschaftskritik, persönlicher als die Vorgänger. Fast wie eine Erlösung kommt zum Schluss der Solosong von Yassin „Ein Ende in Sicht.“ Großartig und gefühlvoll eingesungen und trotzdem gewohnt bissig. Gerade da trifft es erneut den Einzelnen besonders: Vom Instagram-User bis zu den Amazon Prime-Kunden unter uns.

Die „Todesliste“ ist wohl das politisch relevanteste deutschsprachige Hip-Hop-Album der neueren Zeit und generell das politisch und gesellschaftlich relevanteste deutsche Musikalbum des letzten Jahres. Todesliste ist, verglichen mit seinen Vorgängern, wesentlich bissiger, zynischer und legt den Finger gezielt in die Wunde. Gleichzeitig verlieren sie nicht ihren Humor und Witz, der seit Anbeginn ihrer Karriere ein Markenzeichen von Audio88 & Yassin ist. Nicht nur das, es ist auch ein musikalisch rundes und abwechslungsreiches Album. Die beiden machen verdammt viel richtig, unter Anderem indem sie aufzeigen, wie verdammt viel wir falsch machen.

rezensiert von Yunus Gündüz.


Label: Normale Musik
Veröffentlicht am: 12.02.2021
Interpret: Audio88 & Yassin
Name: Todesliste
Online: Zur Seite des Interpreten.

Coverbild: Valentin Hansen

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