„Touched grass, tried and failed to find god, fell in love, knew peace and knew hatred. My third album, Violins, is out now and is yours forever.“
– Blondshell, Instagram, 25.09.2026
Mit diesen Worten hat “Blondshell” am vergangenen Freitag die Veröffentlichung ihres dritten Albums auf Instagram kommentiert. Und viel besser könnte man „Violins“ eigentlich kaum einleiten: ein Album über Liebe und Hass, über Schönheit und Gewalt, über Identität, Heilung und die ziemlich widersprüchliche Realität des Erwachsenwerdens. Die wohl größte Stärke von „Violins“ ist: Die Texte sind tiefgründig, metaphorisch, gesellschaftlich und manchmal ziemlich düster. Dennoch funktioniert das Album hervorragend als Nebenbei-Album für den Alltag. Man kann es beim Spazierengehen, Zugfahren oder Kochen hören und einfach die Gitarren laufen lassen. Wenn man sich aber die Zeit nimmt und genauer hinhört, entdeckt man dann plötzlich PMS, toxische Freundschaften, Religion, Körperbilder, Gewalt, Identität und die Frage, wie man mit Ende zwanzig eigentlich sein Leben auf die Reihe bekommen soll. Vieles davon bietet die Möglichkeit zur Identifikation, fast als läse man die Tagebücher einer jungen Frau.
Foto: Reese Layton
Hinter Blondshell steckt die New Yorker Singer-Songwriterin Sabrina Teitelbaum (geb. am 28.April 1997), die inzwischen in Los Angeles lebt. „Violins“ ist ihr drittes Album nach dem selbstbetitelten Debüt von 2023 und „If You Asked For A Picture“ von 2025. FM4 nennt es ziemlich treffend „Singer-Songwriter-Musik mit Grunge-Einschlag“.Grungiger Rock, Indie und Pop treffen aufeinander. Schon der Titel „Violins“ ist dabei interessant: Er klingt fast wie „Violence”, also Gewalt. Dieses wohl zufällige Wortspiel passt erstaunlich gut zum Album. Denn „Violins“ beschäftigt sich immer wieder mit der Frage: Wie kann etwas gleichzeitig wunderschön und schmerzhaft sein?
Und musikalisch klingt genau das auch so. Das Album ist teilweise episch, könnte fast als Filmmusik dienen. Dann kommen wieder lässige Gitarren, eingängige Melodien oder ruhigere Singer-Songwriter-Momente. Wuchtige Drums treffen auf fragile Melodien, auf Klavierballaden. Es ist rockig und spannend, ohne dabei permanent nach „großem Rockalbum“ klingen zu wollen.
Blondshells eigene Persona ist vielschichtig. Sabrina Teitelbaum hat früher unter dem Namen BAUM eher poporientierte Musik gemacht, fühlte sich damit aber nicht mehr wohl und erfand sich künstlerisch neu: Den Namen Blondshell entwickelte sie bei einem Abendessen mit ihrer Schwester: Die beiden warfen sich Wörter hin und her, ungefähr wie Scrabble-Steine. Teitelbaum beschreibt diesen Prozess als „brain association“. Am Ende war Blondshell das Wort, das am besten gefiel. Denn für Teitelbaum ist es ein Name, der sich für sie gleichzeitig „vulnerable and protective“, also verletzlich und schützend, anfühlt.
„an alias both vulnerable and protective“
– Sabrina Teitelbaum im Interview Magazine, 2025
Weg also von BAUM und den Pop-Konnotationen, hin zu Blondshell und Indie-Rock. So auch auf “Violins”: Die Songs sind persönlicher als klassische Gesellschaftskritik, aber gleichzeitig größer als reine Tagebucheinträge. Statt nur von romantischen Beziehungen zu erzählen, geht es um Freundschaften, Körper, Religion, Identität, Heilung und die Frage, wie man sich selbst in einer ziemlich komplizierten Gegenwart zurechtfindet.
Auch ihr kultureller Background passt dazu. Teitelbaum ist queer, jüdisch, vegan und in New York aufgewachsen- also eine Persönlichkeit, in der ziemlich viele zeitgenössische amerikanische Identitäten zusammenkommen. Über ihre Religion hat sie beispielsweise gesagt, dass sie ihr wichtig sei und sie sich stark damit identifiziere, auch wenn sie nicht wisse, ob sie persönlich an Gott glaube. Dazu kommt eine ausgesprochen breite Popkultur-Expertise: In einem Independent Bookstore in ihrer Wahlheimat Los Angeles hat Blondshell sogar ein eigenes Bücherregal nach ihrem Geschmack zusammengestellt- mit namhaften Autorinnen wie Joan Didion, Patti Smith, Lena Dunham und Elena Ferrante. Das passt ziemlich gut zu dem Bild einer amerikanischen, feministischen und popkulturell sehr gebildeten „Zillennial“-Künstlerin. Und wenn man sich anschaut, wie viele unterschiedliche musikalische und literarische Einflüsse sie nennt, könnte man fast eher fragen, wer sie eigentlich nicht inspiriert.
Die elf Songs auf “Violins” weisen eine gemeinsame Klangwelt auf. Trotzdem gibt es laute und leise Momente, Banger und Balladen, Humor und ziemlich schwere Themen. Inhaltlich unterscheiden sich die Titel also schon deutlicher, weshalb es eigentlich keinen Song gibt, den man skippen möchte. Und so wäre es schade, nicht zu jedem Song dieses Albums etwas zu schreiben.
„Violins“ eröffnet das Album und funktioniert gleichzeitig als musikalisches Manifest. Zwischen Grunge-Akkorden, Akustikgitarre und verzerrten Gitarren entsteht genau diese Mischung aus Zärtlichkeit und Härte, die das Album insgesamt prägt. Der Song handelt von Gewalt, Geduld und Heilung und macht sofort klar: Hier wird nichts schöngeredet, aber das Schöne wird eben auch nicht aufgegeben.
„Heart Has To Work So Hard“ ist dann der erste richtige Banger. Wütend, aufgeregt und ziemlich nachvollziehbar erzählt der Song von einer ungesunden Freundschaft, von Verrat und davon, in einer Dynamik festzustecken, die einem eigentlich nicht guttut. Teitelbaum beschreibt selbst, dass es um Freundschaft, Betrug und das Feststecken in einer solchen Dynamik geht. Dazu kommt ein Gitarrenpart, der definitiv Ohrwurm-Potenzial hat.
„Lucky“ ist dagegen deutlich ruhiger. Der Song fühlt sich fast wie eine kleine Pause an: entspannt, ehrlich und gefühlsbetont. Blondshell singt davon, dass sie Glück gehabt hat, sich gerade schön und erholt fühlt und diesen Zustand am liebsten nicht herausfordern möchte.
I feel lucky, I got lucky I’ve been beautiful and rested My eternal sunny day’s arrived And I’m not gonna test it
– Blondshell, „Lucky“, Violins
Mich erinnert das an Ottessa Moshfeghs My Year of Rest and Relaxation: an die etwas absurde Vorstellung von Schönheit und Ruhe als Privilegien einer jungen Frau im 21. Jahrhundert in den USA. „Lucky“ klingt zunächst entspannt und sonnig, aber unter dieser Oberfläche steckt die Erkenntnis, dass Glück eben nicht selbstverständlich ist.
„Sea Legs“ ist anschließend wieder etwas größer und komplexer. Der Song zeigt, dass Blondshell nicht nur über Grunge-Dynamik funktioniert. Hier wird aufgezählt, was sie mag, fast wie eine kleine persönliche Bestandsaufnahme. Musikalisch wirkt der Song verträumt und gleichzeitig sehr indie-rockig.
„New Shape“ setzt den persönlichen Blick fort, bleibt aber etwas offener. Gerade hier zeigt sich, dass Blondshell lyrisch zunehmend weniger alles erklären möchte. Stattdessen arbeitet sie mit Bildern und Metaphern. Das macht ihre Texte simpel und klar, aber gleichzeitig nicht banal. Blondshell erzählt von der Frustration, in einer unberechenbaren Beziehung festzustecken, in der sich der Partner ständig verändert und man nie echten Halt findet. Musikalisch bleibt es aber eher entspannend als dramatisch.
„Stone Fruit“ gehört zu den intensiven Stücken des Albums. Die Gitarren werden lauter und der Song bekommt fast etwas Post-Grunge-artiges. Gleichzeitig geht es um menschliche Verbindung, also wieder um eine sehr große Frage, die Blondshell in eine ziemlich konkrete, persönliche Sprache übersetzt.
„Two Fried“ ist dann ein kleiner Perspektivwechsel. Der gemeinsam mit Samia (Songwriterin) geschriebene Song ist leichter und humorvoller und beschäftigt sich unter anderem mit Selbstliebe und dem eigenen Körper. Nach den schwereren Themen wirkt er fast wie ein kurzes Durchatmen.
„New Age Trojan Horse“ ist einer der Songs, an denen man besonders gut merkt, wie gegenwärtig Blondshell schreibt. Schon der Titel spielt mit dem Trojanischen Pferd aus der Odyssee (die aktuelle Inszenierung von Christopher Nolan ist wohl der Film des Jahres). Inhaltlich geht es dann aber nicht um antike Helden, sondern um PMS, Körper und den männlichen Blick darauf. Eine Zeile lautet:
When I PMS, my face looks different Ah, sometimes I see men romanticize war
– Blondshell, „New Age Trojan Horse“, Violins
Das ist gleichzeitig lustig, direkt und ziemlich politisch: Männer können Gewalt oder sogar Krieg romantisieren, aber mit der Realität eines weiblichen Körpers haben sie dann plötzlich ein Problem. Genau diese Verbindung aus persönlichen Erfahrungen und größeren gesellschaftlichen Themen macht „Violins“ so zeitgemäß.
„Knotted“ ist mein persönlicher Favorit. Der Song ist sentimental, ruhig und einfühlsam. Das näheste an einem Liebeslied, was dieses Album zu bieten hat. Die Reime wirken fast beiläufig, und trotzdem bleibt einiges hängen. Besonders schön:
If I’m honest I’m in your pocket
– Blondshell, „Knotted“, Violins
Das klingt wie ein müdes, süßes Eingeständnis: Ich weiß eigentlich, dass diese Beziehung verheddert ist ,aber ich hänge trotzdem noch drin. Traurig, aber musikalisch gleichzeitig mit einer gewissen Leichtigkeit.
„Reinstall“ nimmt dieses Motiv des Sich-neu-Erfindens noch einmal auf. Dafür sorgt schon der Titel: etwas ist kaputt, also muss es neu installiert werden. Musikalisch wird es wieder ruhiger und suchender. Der Song passt damit auch zur größeren Frage des Albums: Wie wird man eigentlich eine neue Version von sich selbst, ohne die alte komplett loswerden zu müssen?
Und dann kommt „Fur Elise“, der Abschluss des Albums. Der Titel verweist natürlich auf Beethovens berühmtes Klavierstück, nur spielt Blondshell hier nicht einfach „Für Elise“ nach. Sie benutzt das Stück vielmehr als Bild für eine Zukunft, die man sich noch gar nicht richtig vorstellen kann: Hochzeit, Erwachsenwerden, die Frage, wie das eigene Leben eigentlich aussehen soll. Sie beschreibt den Gedanken dahinter sinngemäß als den Versuch, herauszufinden, welches Leben man möchte und welches Lied auf der eigenen Hochzeit laufen soll. Auch rein musikalisch ist der Song mit seinem eingängigen Rhythmus ein ziemlich guter Abschluss.
Gesanglich lässt sich Blondshell ebenfalls gut in die aktuelle amerikanische Indie-Rock-Landschaft einordnen. Man kann an Fiona Apple denken, an Maggie Rogers, Clairo oder Phoebe Bridgers. Gleichzeitig steckt in manchen Songs auch etwas von Avril Lavigne oder Olivia Rodrigo. Man könnte sie auch als eine grungiger Version der Britin Suki Waterhouse bezeichnen, mit der sie bereits gemeinsam auf Tour war. Auch zu “Violins” hat Blondshell gerade eine eigene Tour durch Nordamerika und Europa angekündigt.
Insgesamt ist „Violins“ Grunge, Indie und Pop, aber vor allem ein Album, in dem Gegensätze nicht einfach nur gegenübergestellt werden, sondern als zentrales Motiv funktionieren: Schönheit und Gewalt, Verletzlichkeit und Stärke, Ruhe und Wut. Blondshell hat sich mit ihrem Künstlernamen eine Persona geschaffen, die gleichzeitig vulnerabel und tough sein soll. Auf “Violins” bringt sie diese beiden Seiten gekonnt zusammen.
Label: Partisan Records Veröffentlicht am: 25.09.2026 Interpret: Blondshell Name: Violins Online: Zur Seite des Interpreten.