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Zu hören in Münster 90,9 MHz Steinfurt 103,9 MHz

Violins- Blondshell

Rezensiert von on 29. September 2026

       
Foto: Reese Layton
Foto: Reese Layton

Weg also von BAUM und den Pop-Konnotationen, hin zu Blondshell und Indie-Rock. So auch auf “Violins”: Die Songs sind persönlicher als klassische Gesellschaftskritik, aber gleichzeitig größer als reine Tagebucheinträge. Statt nur von romantischen Beziehungen zu erzählen, geht es um Freundschaften, Körper, Religion, Identität, Heilung und die Frage, wie man sich selbst in einer ziemlich komplizierten Gegenwart zurechtfindet.

@blondshell

Will be insufferable for a while ♥️

♬ original sound – Blondshell

Die elf Songs auf “Violins” weisen eine gemeinsame Klangwelt auf. Trotzdem gibt es laute und leise Momente, Banger und Balladen, Humor und ziemlich schwere Themen. Inhaltlich unterscheiden sich die Titel also schon deutlicher, weshalb es eigentlich keinen Song gibt, den man skippen möchte. Und so wäre es schade, nicht zu jedem Song dieses Albums etwas zu schreiben.

„Violins“ eröffnet das Album und funktioniert gleichzeitig als musikalisches Manifest. Zwischen Grunge-Akkorden, Akustikgitarre und verzerrten Gitarren entsteht genau diese Mischung aus Zärtlichkeit und Härte, die das Album insgesamt prägt. Der Song handelt von Gewalt, Geduld und Heilung und macht sofort klar: Hier wird nichts schöngeredet, aber das Schöne wird eben auch nicht aufgegeben.

„Heart Has To Work So Hard“ ist dann der erste richtige Banger. Wütend, aufgeregt und ziemlich nachvollziehbar erzählt der Song von einer ungesunden Freundschaft, von Verrat und davon, in einer Dynamik festzustecken, die einem eigentlich nicht guttut. Teitelbaum beschreibt selbst, dass es um Freundschaft, Betrug und das Feststecken in einer solchen Dynamik geht. Dazu kommt ein Gitarrenpart, der definitiv Ohrwurm-Potenzial hat.

„Lucky“ ist dagegen deutlich ruhiger. Der Song fühlt sich fast wie eine kleine Pause an: entspannt, ehrlich und gefühlsbetont. Blondshell singt davon, dass sie Glück gehabt hat, sich gerade schön und erholt fühlt und diesen Zustand am liebsten nicht herausfordern möchte.

Mich erinnert das an Ottessa Moshfeghs My Year of Rest and Relaxation: an die etwas absurde Vorstellung von Schönheit und Ruhe als Privilegien einer jungen Frau im 21. Jahrhundert in den USA. „Lucky“ klingt zunächst entspannt und sonnig, aber unter dieser Oberfläche steckt die Erkenntnis, dass Glück eben nicht selbstverständlich ist. 

„Sea Legs“ ist anschließend wieder etwas größer und komplexer. Der Song zeigt, dass Blondshell nicht nur über Grunge-Dynamik funktioniert. Hier wird aufgezählt, was sie mag, fast wie eine kleine persönliche Bestandsaufnahme. Musikalisch wirkt der Song verträumt und gleichzeitig sehr indie-rockig.

„New Shape“ setzt den persönlichen Blick fort, bleibt aber etwas offener. Gerade hier zeigt sich, dass Blondshell lyrisch zunehmend weniger alles erklären möchte. Stattdessen arbeitet sie mit Bildern und Metaphern. Das macht ihre Texte simpel und klar, aber gleichzeitig nicht banal. Blondshell erzählt von der Frustration, in einer unberechenbaren Beziehung festzustecken, in der sich der Partner ständig verändert und man nie echten Halt findet. Musikalisch bleibt es aber eher entspannend als dramatisch.

„Stone Fruit“ gehört zu den intensiven Stücken des Albums. Die Gitarren werden lauter und der Song bekommt fast etwas Post-Grunge-artiges. Gleichzeitig geht es um menschliche Verbindung, also wieder um eine sehr große Frage, die Blondshell in eine ziemlich konkrete, persönliche Sprache übersetzt.

„Two Fried“ ist dann ein kleiner Perspektivwechsel. Der gemeinsam mit Samia (Songwriterin) geschriebene Song ist leichter und humorvoller und beschäftigt sich unter anderem mit Selbstliebe und dem eigenen Körper. Nach den schwereren Themen wirkt er fast wie ein kurzes Durchatmen.

„New Age Trojan Horse“ ist einer der Songs, an denen man besonders gut merkt, wie gegenwärtig Blondshell schreibt. Schon der Titel spielt mit dem Trojanischen Pferd aus der Odyssee (die aktuelle Inszenierung von Christopher Nolan ist wohl der Film des Jahres). Inhaltlich geht es dann aber nicht um antike Helden, sondern um PMS, Körper und den männlichen Blick darauf. Eine Zeile lautet:

Das ist gleichzeitig lustig, direkt und ziemlich politisch: Männer können Gewalt oder sogar Krieg romantisieren, aber mit der Realität eines weiblichen Körpers haben sie dann plötzlich ein Problem. Genau diese Verbindung aus persönlichen Erfahrungen und größeren gesellschaftlichen Themen macht „Violins“ so zeitgemäß.

„Knotted“ ist mein persönlicher Favorit. Der Song ist sentimental, ruhig und einfühlsam. Das näheste an einem Liebeslied, was dieses Album zu bieten hat. Die Reime wirken fast beiläufig, und trotzdem bleibt einiges hängen. Besonders schön:

Das klingt wie ein müdes, süßes Eingeständnis: Ich weiß eigentlich, dass diese Beziehung verheddert ist ,aber ich hänge trotzdem noch drin. Traurig, aber musikalisch gleichzeitig mit einer gewissen Leichtigkeit.

„Reinstall“ nimmt dieses Motiv des Sich-neu-Erfindens noch einmal auf. Dafür sorgt schon der Titel: etwas ist kaputt, also muss es neu installiert werden. Musikalisch wird es wieder ruhiger und suchender. Der Song passt damit auch zur größeren Frage des Albums: Wie wird man eigentlich eine neue Version von sich selbst, ohne die alte komplett loswerden zu müssen?

Und dann kommt „Fur Elise“, der Abschluss des Albums. Der Titel verweist natürlich auf Beethovens berühmtes Klavierstück, nur spielt Blondshell hier nicht einfach „Für Elise“ nach. Sie benutzt das Stück vielmehr als Bild für eine Zukunft, die man sich noch gar nicht richtig vorstellen kann: Hochzeit, Erwachsenwerden, die Frage, wie das eigene Leben eigentlich aussehen soll. Sie beschreibt den Gedanken dahinter sinngemäß als den Versuch, herauszufinden, welches Leben man möchte und welches Lied auf der eigenen Hochzeit laufen soll. Auch rein musikalisch ist der Song mit seinem eingängigen Rhythmus ein ziemlich guter Abschluss.

Gesanglich lässt sich Blondshell ebenfalls gut in die aktuelle amerikanische Indie-Rock-Landschaft einordnen. Man kann an Fiona Apple denken, an Maggie Rogers, Clairo oder Phoebe Bridgers. Gleichzeitig steckt in manchen Songs auch etwas von Avril Lavigne oder Olivia Rodrigo. Man könnte sie auch als eine grungiger Version der Britin Suki Waterhouse bezeichnen, mit der sie bereits gemeinsam auf Tour war. Auch zu “Violins” hat Blondshell gerade eine eigene Tour durch Nordamerika und Europa angekündigt.


Label: Partisan Records
Veröffentlicht am: 25.09.2026
Interpret: Blondshell
Name: Violins
Online: Zur Seite des Interpreten.

Coverbild: C.M. O'Keefe