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Antony Szmierek – Decoding Birdsong

Rezensiert von on 2. September 2026

       

Mitreißende Raversounds treffen auf eindrucksvolle Poesie über Liebe, Einsamkeit und Zufalls- und Glücksspieltheorien. Anthony Szmierek beeindruckt auf seinem zweiten Album Decoding Birdsong mit einem unverkennbaren Mix aus Rap und Spoken Word, der auf verträumte Elektrobeats trifft.

Anthony Szmierek stammt aus der Literaturszene Manchesters. Er schreibt eigentlich Romane wie The Albatross oder The Hypocrate und tritt regelmäßig mit Spoken Word bei Open-Mic-Nights auf. Die Corona-Pandemie ist es nun, die ihn zur Musik bringt. Szmierek arbeitet zu diesem Zeitpunkt als Englischlehrer an einem College für Schulabgänger und Kinder mit besonderem Inklusionsbedarf. Die Schulen werden geschlossen und er hat Zeit. Er kauft sich ein elektrisches Piano und beginnt, seine ersten Beats zu bauen. Seine ersten Singles wie etwa „The Hitchhiker’s Guide to the Fallacy“ schlagen in Fachkreisen gleich große Wellen und gipfeln im vergangenen Jahr in seinem Debütalbum Station at the End of the Universe. Jetzt präsentiert er uns mit Decoding Birdsong ein großartiges Sophomore-Album, das seinen Status als einfühlsamer Rave-Poet weiter festigt.

Credit: Zak Watson

Der erste Song Chalk beginnt mit dem Soundeffekt eines Billardstoßes, ehe ein hypnotischer Beat uns durch den Song führt. Wir sind direkt mitten in einem zentralen Thema des Albums: der Glücksspieltheorie. „Chalk“ ist die Kreide, die man vor dem Billardstoß auf den Queue aufträgt. Und genau wie Anthony Szmierek haben wir uns sicher auch schon mal alle gefragt: Was bringt das Kreiden überhaupt? Kann man damit sein Glück beeinflussen? Fallen dadurch mehr Kugeln? Szmierek kommt zu dem Ergebnis, dass selbst kleinste Veränderungen große Auswirkungen haben können. Der Track Heron führt uns zu einem zweiten zentralen Leitmotiv: dem Reiher. Er begegnet uns im Albumkontext häufiger – nicht zuletzt sehr präsent auf dem Albumcover. Er repräsentiert eine Art Gegenentwurf zur beschleunigten Gegenwart. Der Reiher wartet geduldig, bis ein Fisch kommt. Geduld und die Fähigkeit, still zu bleiben, werden hier zu einer Art Mantra. Fast im Gegensatz zu den Lyrics lässt uns ein treibender Beat mit ordentlich House-Piano diese Botschaft der Entschleunigung verinnerlichen.

Die helle UK-Garage-Hymne Bookie’s Favourite beschäftigt sich mit den Konsequenzen des Glücks. Vor allem der von Ellur gesungene Refrain sorgt hier für eine schöne Abwechslung im Song. Mit Godzilla Hotel lässt Anthony Szmierek das Spielerische zumindest thematisch hinter sich. Hier erwartet uns eine Trennungsgeschichte, die in Japan spielt. Ob sie wirklich passiert oder nur fiktiv ist, lässt sich nicht ganz ausmachen. Auf einmal rückt das zentrale Motiv der Einsamkeit auf dem Album in den Vordergrund. Auch Seminal tendiert in die gleiche Richtung. Ein Song über Kontrollverlust und die Fantasie, in alltäglichen Dingen, wie etwa der Uhr einer Mikrowelle, irgendwelche Zeichen des Universums zu erkennen. Flight Simulator arbeitet die Geschichte einer gescheiterten Beziehung auf – der Versuch, das Flugzeug als Beziehungsmetapher sicher zu landen, aber dabei zu scheitern.Einen kleinen Bruch dazu stellt wiederum der Song Dave’s Angling Superstore dar. Der wirkt durch die mantraartig wiederholte Textzeile „Find something to love and get lost all in it“ wie eine Art Selbstreferenz auf Szmiereks eigene Poesie.

Eines der absoluten Highlights des Albums ist der Song The First Five Minutes of Magnolia, sowohl vom Beat als auch von textlicher Seite. Zudem sorgt die Sängerin Pretty Girl für einen eindringlichen melodischen Chorus. War das bisherige Album eher noch voll von kryptischer Metaphorik, wird Szmierek hier auf einmal sehr konkret. Hier geht es um den Film Magnolia von Paul Thomas Anderson, insbesondere um die ersten fünf Minuten. Ein Machwerk über die Macht von Zufällen. Wer sich von der Inspiration des Künstlers einmal überzeugen möchte, hat dazu HIER die Chance. Das Motiv des Reihers begleitet uns abermals auf The Heron Again. Während Szmierek von verspäteten EasyJet-Flügen singt, taucht die Metapher für Geduld wieder auf. Commune hingegen lässt einen in eine nächtliche Stimmung zwischen Telefonaten mit dem Crush und stiller Sehnsucht eintauchen. Verbunden wird das mit der spannenden philosophischen Frage: Wenn du pro Tag nur 100 Wörter zur Verfügung hättest, welche wären das und mit wem würdest du sie austauschen?

Der Song You’re Not Supposed To Do This Forever handelt von der Vergänglichkeit des Lebens – nicht in einem negativen Sinn, sondern ermutigend dazu, auch mal etwas Neues auszuprobieren, bevor die Chance dazu abgelaufen ist. Das Ende des Albums wird von dem titelgebenden Track Decoding Birdsong eingeleitet. Ein Song, der irgendwo eine Traurigkeit in sich trägt. Hier prallen Liebe und Sorge zusammen, ein Erinnern daran, dass man nicht ewig Zeit auf Erden hat. Den Schluss bildet Aussie Gold Hunters und konfrontiert uns noch einmal, fast schon zusammenfassend, mit allen Leitmotiven des Albums. Letztendlich endet das Album, wie es begonnen hat: mit dem Geräusch eines Billardstoßes.

Anthony Szmierek liefert mit Decoding Birdsongs ein Album voller Poesie. Tolle elektronische Beats, die mal befreiend mächtig klingen und manchmal doch kalt und melancholisch sind, treffen auf einen Mix aus Rap und Spoken Word, der sich so organisch perfekt in die Musik einfügt, dass man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Gerade die Texte sind die besondere Stärke des Albums. Mal ganz konkret Bilder vor dem inneren Auge zeichnend, mal kryptisch-metaphorisch und Platz für eigene Gedanken lassend, kreisen sie um spannende Leitmotive, die das Grübeln über das eigene Sein auf eine ganz eigene Art befeuern.


Label: Mushroom Music
Veröffentlicht am: 21.08.2026
Interpret: Antony Szmierek
Name: Decoding Birdsong
Online: Zur Seite des Interpreten.


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