RAYE – THIS MUSIC MAY CONTAIN HOPE.
Rezensiert von Roxana Zambon on 4. April 2026
Das, was uns Raye da präsentiert, ist riesig! This Music may contain Hope ist nicht einfach ein Album aus 17 Songs. Es ist eine perfekte Komposition, von Sekunde eins an durchdacht, wissend um seine Wirkung, große Gefühle auszulösen.
Von gesprochenen Parts über zarte Töne und dramatische Solos, die den perfekten Soundtrack für große Leinwände bieten. Ihr Portfolio reicht von Rap-Anteilen, über R&B, Soul und Jazz bis hin zu House, Orchester und Big Band. Immer dabei: starkes Storytelling und absolute Ohrwürmer! Was kann diese Frau eigentlich nicht?
“Allow me to set the scene”
Raye eröffnet ihr zweites Studioalbum mit einer gesprochenen Szene. Filmisch und pointiert lädt sie uns ein, in das, was uns die nächste Stunde erwartet: Paris im November, eine junge Frau kämpft sich durch ein Unwetter zurück in ihr Hotelzimmer. Sie ist betrunken, ihr Herz ist schwer, ihre Emotionen tief.
Das Intro geht fließend in den ersten Song über: I will overcome.
Direkt mit den ersten Worten ist klar, Raye selbst ist die Frau aus der pariser Nacht und sie beschreibt, woraus das Unwetter besteht: Aus Erwartungshaltungen an sie als Künstlerin, Vergleiche mit Amy Winehouse, aus zu scharfer Selbstkritik. Aber… egal was es ist, sie wird es bewältigen, sich herauskämpfen und bestehen, ohne Zweifel. Das Orchester, das Rayes Erzählung und klaren Gesang begleitet, verleiht dem ersten Song des Albums nicht nur eine beachtliche Dramatik, sondern setzt den Ton für die folgenden Tracks: Musik mit Größe und Tiefgang!
Mit I will overcome macht Raye von Beginn an klar, der Titel ihres Albums ist ganz bewusst gewählt, denn der Schleier aus Hoffnung und Zuversicht zieht sich wie eine unverkennbare Färbung durch die Songs.
“There’s a thin grey veil over her horizon
And it is the wall between hope and despair
She exists behind it, she will overcome”
Mit Beware.. The south london loverboy. warnt uns Raye vor etwas, das man in der Popkultur wohl performative Male nennt. Der Song strotzt vor Sarkasmus, beschreibt Männer mit selbstgeschriebenen Gedichten und atemberaubenden Charisma als komische Kreaturen, tierisch und primitiv, ohne dabei die Gefahr zu verkennen, die in ihnen schlummert. Toxische Männlichkeit, die versucht wird elegant zu kaschieren und trotzdem schlichtweg ein ernstzunehmendes Sicherheitsrisiko für Frauen darstellt. Der Song macht Spaß, er ist frech, ein hörbares Augenrollen. Die Einflüsse von Soul und Jazz vermitteln Leichtigkeit, aber der Schein trügt – ganz wie sein Thema.
Und wir lassen das Thema problematischer Männlichkeit noch nicht hinter uns. In The Whatsapp Shakespeare. präsentiert uns Raye, wie sie selbst sagt: a modern-day tragedy (eine moderne Tragödie). Mit biblischen Bildern und spitzen Metaphern erzählt sie von einer selbst erlebten Dating-Geschichte. Raye bedient sich der bekanntesten Bibelerzählung des Alten Testaments: Eva wird im Paradies von einer Giftschlange verführt, greift zur verbotenen Frucht und fällt in Ungnade. Wer in Rayes Geschichte nun das hinterlistige Reptil darstellt, ist wohl selbsterklärend… In ihrer Stimme schwingt Eleganz, Selbstsicherheit, aber auch bewusste Distanz mit, wenn sie uns Mister Whatsapp Shakespeare vorstellt. Vom Teufel gesandt, spielt er sein Theater, wie ein Wolf im Schafspelz, lockt seine Beute auf falsche Fährten der Liebe. Schickt Liebesbriefe per Textnachricht, umwirbt sie in langen Telefonaten. Doch Raye entlarvt sein falsches Spiel als egozentrische Selbstdarstellung. Juliet aka Raye bleibt nichts anderes übrig als zu verschwinden, sich selbst vor Romeo und seinen Maschen zu retten.
Rayes Begabung für Storytelling ist dabei nicht Neues. Schon in 2022 bewies Raye, die mit bürgerlichem Namen Rachel Agatha Keen heißt, auf ihrer Single Escapism einen besonderen Flow mit hohem Wiedererkennungswert. Auch auf This Music May Contain Hope. lassen sich rap-ähnliche Parts mit raye-typischer Betonung wiederfinden.
Ein besonderes Schmuckstück in dieser musikalischen Schatztruhe ist der 6. Song des Albums: Click click symphony.
Bereits eine Woche vor Release des Albums veröffentlichte Raye mit click click symphony eine Hommage an weibliche Freundschaften. Denn sie sind der Ausweg aus der Einsamkeit, helfen dir auf, zeigen dir deinen Wert und bringen deinen Stolz zurück. Dass sich dieses Meisterwerk so gigantisch und mächtig anhört, ist nicht nur Raye zu verdanken, sondern überrascht wenig, schaut man auf das Feature des Songs: Kein geringerer als der legendäre Filmkomponist Hans Zimmer himself. Neben der musikalischen Untermalung für Interstellar, Fluch der Karibik und Inception zaubert er nun mit Raye eine Hymne starker Frauenbünde. Das ist die Liga, in der Raye spielt: Filmmusik, Preisverdächtig!
Auch das dazu erschienene Musikvideo enttäuscht nicht. Es hat etwas komisches, fast magisches und erinnert an Alice im Wunderland, wie Raye gemeinsam mit anderen Frauen zum kraftvollen Klang des Orchesters tanzt. Ab dem Moment, an dem sie es schafft, mit Hilfe ihrer Freundinnen ihr düsteres Haus zu verlassen, wächst die Energie und damit auch die Hoffnung. Ab da trägt sie das rote Kleid, das auch auf dem Albumcover zu erkennen ist. Nichts ist zufällig. Und so spielt das Finale in den Weiten grüner Hügel: Der Himmel grau verhangen, dynamisch einzeln bricht das Blau hindurch. Die Szenerie des Covers. Der Wind weht Raye ihre Haare ins Gesicht, als sie die vierte Wand bricht und direkt in die Kamera spricht: “The cold never lasts, my darling. It just teaches the heart how to burn.” Sie läuft los in die Weite, Gänsehaut und Tränen vorprogrammiert, absolute Perfektion!
Es folgen weitere Juwelen. Jeder Song ist auf seine eigene Art voller Glanz, wie ein Edelstein in goldener Fassung.
Mit I know you’re hurting. fallen wir in das nächste Stück großer Emotion.
Aus tiefstem Herzen singt Raye über den Schmerz
eines geliebten Menschen. Geliebt zu werden, bedeutet gesehen zu werden, nichts könnte passender sein. Denn Raye sieht hin und erkennt ihn, den Schmerz. Auch hinter der Maske, die versucht wird, zu bewahren, hinter dem Lächeln und der Liebe für andere. Ihr Gesang im Refrain ist nicht einfach groß, er leuchtet vor ehrlichem Mitgefühl. Der Song trägt die Unterstützung aus click click symphony weiter: du musst das Gewicht deiner Verletzungen nicht alleine tragen. Dazu die Bläser, die immer kraftvoller werden und die behutsame Begleitung des Klaviers und der Streicher ablösen. Raye hält an der Hoffnung fest. Sie glaubt an glücklichere Tage, dann, wenn man es selbst nicht kann. Der Song schließt mit den liebenden Worten:
“don’t you give up on life, stay with me”
und leitet damit ein weiteres Mal fließend über in den nächsten Song: Life Boat.
Denn das Placement könnte nicht besser sein. Life Boat ist der benötigte Peptalk mit passendem Genrewechsel. Der Housebeat gibt Leichtigkeit, ist weich, lebendig. Ganz natürlich verleitet er dazu, sich zu bewegen, ihm zu folgen. In Life Boat hören wir nicht Raye allein. Jung und alt, viele Stimmen der Hoffnung schließen sich zusammen und ihre Message ist klar: Wir geben noch nicht auf!
Die nächsten Songs erzählen weitere Geschichten des Lebens. I hate the way i look today – Jazz pur, über die Tage, an denen Selbstliebe schwerfällt in einer Welt, in der sich Schönheit mit Geld kaufen lässt.
Nightingale Lane. Ein wunderschöner Song über die erste Liebe und den großen Herzschmerz danach, nostalgisch, melancholisch und so R&B!
Mit WHERE IS MY HUSBAND? schenkte uns Raye bereits im vergangenen September einen absoluten Ohrwurm. Der Jazzy Pop Hit landete in Großbritannien Platz eins und erklomm auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern die Top Ten Charts. Mit Big Band und beeindruckendem Gesang wünscht sich Raye die große Liebe. Es ist keine Bitte, keine Verzweiflung, sondern ihr eigener Stolz und ein starkes Selbstbewusstsein, aus dem heraus nach einem würdigen Mann verlangt wird.
Raye zeigt uns verschiedene Gesichter der Liebe. So singt sie in Fields. gemeinsam mit ihrem Großvater Michael über das Leben und die Vergänglichkeit der Zeit. Sie und ihr Großvater teilen sich die Leidenschaft für die Musik und zwischen Rayes Zeilen schwingen Dankbarkeit und Liebe. Sie schwelgt in Erinnerungen und träumt vom Gefühl der Freiheit. Es ist der zarteste Song dieses Albums, ohne großes Orchester, mit weicher Gitarre und Klavier, unterstützt von einem wunderschönen Gospelchor. Michael transportiert mit seinen warmen Worten nur noch zusätzliche Hoffnung.
Wir nähern uns dem Ende und das Tempo zieht an! Joy. ist eine große Party! Gemeinsam mit ihren Schwestern Amma und Absolutely reißt Raye uns mit. Mit tiefster Zuversicht und voller Vorfreude erwarten die drei Schwestern selbst nach dem stärksten Regen die Rückkehr der Sonne. Ein absoluter Moodboster!
Raye präsentiert uns mit This Music May Contain Hope ein absolutes Meisterwerk! Sie legt sich nicht fest, zögert nicht, Genregrenzen zu durchbrechen und den Raum bis in die letzte Ecke mit großem Orchester zu füllen. Ihre Stimme überzeugt nicht nur mit ihrer unendlichen Weite, sondern transportiert auch die zarten Töne und echte Emotionen!
Man hört dem Album an, dass es ein Projekt vieler ist. Das Orchester, der Chor, die Features, Raye und ihre Familie, diese Musik ist nicht allein entstanden. Musik verbindet, schafft Gemeinschaft, eine Form der Liebe. Und dort wo Liebe ist, lässt sich auch Hoffnung finden. Genau das schafft Raye und beschenkt uns mit einem lebensbejahenden Album. Denn wo Schatten liegt, wird auch die Sonne hinkommen.
Label: Human Re Sources Veröffentlicht am: 27.03.2027 Interpret: RAYE Name: THIS MUSIC CONAIN HOPE.