Selbst wenn euch Dua Saleh als musikschaffende Person zunächst nichts sagt, dürfte dey zumindest denjenigen bekannt vorkommen, die die Netflix Serie “Sex Education” geschaut haben. Dort verkörpert Saleh nämlich über zwei Staffeln hinweg den ebenfalls nicht-binären Charakter Cal Bowman. Während die Dreharbeiten der Serie in Wales stattfinden, kämpft Saleh jedoch mit vielen Unsicherheiten. Insbesondere der Krieg in deren Heimatland Sudan belastet dey stark. Gleichzeitig wachsen bei Saleh Sorgen über das Absterben der Natur durch die Klimakrise, sowie die voranschreitende Entwicklung von künstlicher Intelligenz, auch im Hinblick auf die Zukunft des eigenen Berufs. All diese Ängste und Überforderungen verdichten sich schließlich zu einem starken Gefühl von Weltschmerz.
“While pondering the demise of Earth, I reflected on the ways that people would operate if modern society completely collapsed.”
Aus genau dieser Gedankenspirale heraus entsteht “Of Earth & Wires”. Auf dem Album entwirft Saleh eine postapokalyptische Welt, inmitten dessen erzählt dey eine queere Liebesgeschichte. So stellt sich Dua Saleh eine Zukunft vor, in der die aktuellen Krisen, Kriege und Naturkatastrophen zu einem unvermeidbaren Zusammenfall der modernen Zivilisation geführt haben, nach welchem die Natur ihren Raum zurückerobert. Zwischen Ruinen, Verlust und Unsicherheit stellt sich Saleh die Frage, wie Menschen wieder lernen können, miteinander und mit der Erde in Harmonie zu leben. Die Menschheit muss ihren Platz auf der Erde neu definieren: alles, was übrig geblieben ist, nutzen, um neue Wege finden, Verbundenheit und Liebe mit der Erde sowie untereinander zu teilen. Dabei geht es nicht nur um Zerstörung, sondern vor allem um die Suche nach Identität, Nähe und Hoffnung.
“As a Sudanese-American, I often feel as though my world has already begun collapsing as a result of the ongoing conflict in the region. I imagine what it would be like after all have been lost to the war.”
Diese Gedanken spiegeln sich auch in der Musik wider. In der Musik baut Dua Saleh so auch viele musikalische Elemente aus deren Heimatland ein. Dey sagt dazu: “If my world were to disappear, I would bring it back to life with aspects of home. For me, this means bringing in elements of sound that feel like home.” Besonders deutlich wird dieser Einfluss auf “I Do, I Do”. Dort integriert dey deren sudanesische Kultur nicht nur durch das Zupfen einer arabischen Laute, der Oud, sondern auch durch das Singen des sudanesischen Sprichworts “He who makes some poison/ Licks their fingers”. Der Song ist laut Saleh so eine Homage an deren Heimatland und im selben Zuge eine Kritik an Kapitalismus und Gier. Musikalisch gehört “I Do, I Do” dabei zu den ruhigeren, fast schon schwerelosen Momenten des Albums, ganz wie “Anemic”.
Diese Zusammenarbeit mit der ebenfalls aus dem Sudan stammenden Sängerin Gaidaa ist meiner Meinung nach ein Highlight der Trackliste. Die Stimmen der beiden Sänger*innen ergänzen sich dabei so sanft und selbstverständlich, dass das Lied eine fast hypnotische Wirkung hat. Die Stimmung, die so geschaffen wird, lässt es so wirken, als ob die Musik einfach vor sich hin schweben würde.
Deutlich unruhiger wird es dagegen auf „5 Days“, dem Opener von “Of Earth & Wires”. Der Song beginnt mit zarten Gitarren und zurückhaltendem Gesang, bevor er plötzlich in aggressive, verzerrte Sounds kippt. Genau diese Dualität prägt die Klangwelt des Albums: “Of Earth & Wires”, also organische Instrumente treffen auf elektronische Sounds, warme Melodien wechseln sich mit verzerrten und beinahe chaotischen Momenten ab. Auch „Cállate“ lebt von solchen Gegensätzen: Während tanzbare Rhythmen und baile-funk-inspirierte Beats den Song leicht wirken lassen, tritt ungefähr in der Mitte des Songs ein Bruch mit diesen auf. Eine schärfere, beinahe herausfordernde Passage, die sich klar von dem melodischen, sanften Flow des restlichen Songs abhebt.
Ein weiteres Highlight ist „Flood“, ein Duett mit “skinny love”-Sänger Bon Iver. Mit insgesamt drei Features auf den elf Tracks des Albums und noch weiteren Credits als Producer etc. ist dieser ein zentraler Kollaborationspartner für das Projekt. Auf den Songs hört man auch, weshalb die Zusammenarbeit so gut funktioniert. Dua Salehs und Bon Ivers Stimmen haben eine ganz eigene Harmonie und ergänzen sich gegenseitig. Auch auf „Keep Away“ und besonders auf „Glow“ entfalten die beiden eine spürbare Chemie, die sich dem Erzählen der erwähnten Liebesgeschichte leit.
“Having Justin Vernon aka Bon Iver involved in this album was really astounding to me. It really was shell shocking to me.”
Inhaltlich ist “Flood” geprägt von Salehs eigenen Erfahrungen mit klimabedingten Überflutungen. So erlebte dey während der Filmarbeiten von “Sex Education” in Wales nach eigenen Aussagen ca. zehn Überflutungen. Viele der Tracks behandeln ähnliche Thematiken. So zum Beispiel auch „Firestorm“, bei dem Bon Iver auch als Produzent involviert war. Das Lied entstand unter dem Eindruck der Waldbrände in und um Los Angeles, während Dua Saleh in Glendale, Kalifornien, gelebt hat. Trotzdem wirken die Songs nie vollkommen hoffnungslos. Dey verbindet diese Bilder von Zerstörung, ob durch Feuer oder Flut, mit der queeren Liebesgeschichte. Auch die Vocals und die warme Produktion schaffen Momente von Nähe mitten im Chaos.
Den Abschluss bildet schließlich „ALL IS LOVE“ gemeinsam mit aja monet. Am Ende des Albums wirkt der Song beinahe wie ein vorsichtiger Lichtblick. Monets Gedicht am Ende des Liedes beendet das Projekt auf einer tröstenden Note. Statt einfacher Antworten hinterlässt “Of Earth & Wires” vielmehr die Hoffnung, dass Menschlichkeit und Liebe selbst dann bestehen bleiben können, wenn alles andere auseinanderfällt.
Auch Lieder wie “B r e a t h e” oder “Speed Up” sind eher schwungvoll und tanzbar, trotz der eher schweren Thematik des Albums, geprägt von Verlustängsten und apokalyptischen Bildern. Damit macht Saleh klar: Im Kern ist “Of Earth & Wires” kein Album über den Weltuntergang, sondern eines über das, was Menschen trotz allem zusammenhält. Über Verlust und Herkunft, aber genauso über Nähe, Erinnerung und die Entscheidung, sich selbst in schwierigen Zeiten die Fähigkeit zum Fühlen nicht nehmen zu lassen. Aber insbesondere auch ein Aufruf, auf unsere Welt zu achten.
“It’s not all about grief. We also have to celebrate earth because she is mother Gaia, you know. And do you do with a mother, but you know, celebrate her.”
Schlussendlich ist “Of Earth & Wires” ein ambitiöses und komplexes Album, das definitiv das Reinhören wert ist. Obwohl es in seinem Konzept und Umsetzung des Inhaltes etwas abstrakt bleibt, ist es in seiner Ambition und Message so interessant, dass sich ein achtsames Zuhören lohnt. Und auch musikalisch gibt es viel zu genießen, von Dua Salehs Vocals über der Chemie mit Kollaborationspartnern bis hin zu den tanzbaren und einzigartigen Beats des Albums. Genau aus diesen Gründen ist “Of Earth & Wires” auch unser Album der Woche.
Label: Ghostly International Veröffentlicht am: 15.05.2026 Interpret: Dua Saleh Name: Of Earth & Wires