Vienna Vienna – “Entertain Me” (EP)
Rezensiert von Fee Briesemeister on 29. Januar 2026
Die einerseits von Zweifeln und Verwirrung, andererseits auch von Spaß und Erkenntnis definierte Lebensphase der 20er versucht J aka Vienna Vienna mit “Entertain Me” einzufangen und das klingt – dem Thema und Js Gespür für musikalische Feinheiten sei Dank – alles andere als langweilig.
Raus aus der Isolation, rein in die Überstimulation. So sieht die Realität für einen Großteil der jungen Gesellschaft aktuell aus. Irgendwo zwischen Party und Post-Party-Depression scheint man zwischendurch in einem Loop aus Einsamkeit und Selbstzweifeln und dem Verlangen nach wahrhaftigen zwischenmenschlichen Beziehungen aller Art festzuhängen. Dabei kann das eigene Selbstwertgefühl schon mal auf der Strecke bleiben. Trotzdem entscheiden wir uns zur Befriedigung unserer sozialen Bedürfnisse immer wieder dafür, in Kontakt mit der Außenwelt zu treten und das meist auf digitalem Weg. Aus oberflächlichen Unterhaltungen und Posts auf Social Media lässt sich dabei jedoch nur selten ein langfristiger Mehrwert ziehen. Aber vielleicht lässt sich das Problem ja bei der nächsten durchzechten Nacht mit Kippen, Keta und Krawall lösen? Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und ja, kurzfristig lässt sich hier ein gewisses Freiheitsgefühl erzwingen, was einem durchaus beim Durchstehen der von Unsicherheiten geprägten 20ern helfen kann.
Die sechs Songs auf “Entertain Me” sind eine Reise durch Js Empfinden nach der Corona-Pandemie und wirken wie ein befreiendes Erwachen. Nicht nur aus der Corona-Isolation, sondern auch aus einer von Einsamkeit geprägten Jugend. Ein Narrativ, welches sich schon immer und gerade jetzt nach der Pandemie häufig in Songtexten wiederfindet. Nichts Neues, sollte man also meinen. Vienna Vienna schafft es jedoch, Frustration, Ungewissheit und das Gefühl, den durch die Gesellschaft implizierten Standards nicht gerecht zu werden, in ein extrem motivierendes und vor allem tanzbares Paket zu verpacken. Die opulente “Glimmer-Rock”-Produktion, deren Theatralik Assoziationen mit Bands wie Nothing But Thieves und Fall Out Boy sowie einer gewissen Glam-Rock-Ästhetik hervorruft, trägt dazu bei. Die Verbindung zu Fall Out Boy reicht dabei etwas weiter, denn die EP ist unter Pete Wentz’ (Bassist Fall Out Boy) Label DCD2 erschienen.
Hauptmotive der EP sind Akzeptanz und Community. Der erste Song “Idle Hands” akzeptiert den Zustand, von externen Anforderungen und Erwartungen überfordert zu sein und macht Mut zur Selbstakzeptanz bei herunter geschraubten Ansprüchen an die eigene Person. Außerdem soll die 80s-inspired Indie-Pop-Hymne dazu aufrufen, wieder mehr soziale Verbindungen außerhalb der digitalen Bubble einzugehen. J selbst sagt dazu in einem Interview:
“change lies at your footsteps, not your fingertips”.
Auch in “Coolest Thing Alive” ist diese Prämisse wiederzufinden. Die Lyrics sprechen hier eine jüngere Version des Artists an, der die gut gemeinten Ratschläge für mehr Leichtigkeit im Leben wahrscheinlich gut hätte gebrauchen können. An dieser Stelle der Platte zeichnet sich zum ersten Mal die Schwere der Thematiken ab, die hinter den spaßigen Pop-Melodien verborgen sind. Vienna Vienna kombiniert generationsübergreifende Probleme mit sehr persönlichen Erfahrungen und sensiblen Themen wie Depressionen und Selbstzerstörungstendenzen. Wichtig zu beachten: Es findet keine Schwarzmalerei statt, sondern vielmehr ein Zurückblicken und Anerkennen der eigenen Stärken in einer Zeit, in der diese für die Person selbst nicht sichtbar waren.
“While you were dead set on dying/ You were the coolest thing alive”
Im zweiten Drittel der EP findet ein Mood-Shift statt. Der treibende Sound wird gegen cleanere Gitarren und etwas langsamere Rhythmen ausgetauscht. Nicht ohne Grund, denn “Molly” und “Company Hunting” sind der Reality-Check der Platte, der ein bisschen weh tut. Hier besingt J “Molly” aka MDMA, die Partydroge oder vielleicht doch ein Love-Interest? Unklar. Deutlich wird jedoch: Die intensive Beziehung basiert auf einem weniger gesund klingenden Abhängigkeitsverhältnis.
“Tie me up to the tracks / I’m yours and you’re mine”
“Company Hunting” fällt klanglich etwas aus dem energetischen Emo/Pop/Indie-Rock-Raster. Hier wird das eingangs erwähnte Verlangen nach zwischenmenschlicher Bindung und Intimität aufgegriffen und in eine mit sanfteren Gitarren untermalte Ballade verpackt. Vienna Vienna spricht hier wahrscheinlich einigen Personen aus der Seele, die sich von einer oberflächlichen Begegnung zur nächsten Situationship hangeln und sich davon ausgelaugt fühlen.
“Twenty-something's been a real killer/ Full of shit I can't remember”
Die letzten zwei Songs der EP “Buzz” und “Monarch” folgen inhaltlich im Grunde ähnlichen Narrativen und können sich als Abfolge intensiver, von Eskapismus geprägten Party-Erfahrungen und den darauffolgenden Crashs lesen lassen. Auch der Sound intensiviert sich hier erneut und zur “Glitzer”-Rock-Stimmung gesellen sich treibende, schon fast industrielle Post-Punk-Elemente.
Die Platte balanciert auf dem schmalen Grad zwischen der Akzeptanz der eigenen Schwächen und Vergangenheit und der immer wiederkehrenden Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit. Am Ende steht die Frage: “Was will ich eigentlich wirklich?”. Vienna Vienna vermag, eine Antwort darauf zu geben, denn die EP schafft es, Bewusstsein für Dunkelheit zu schaffen, dieser jedoch klanglich mit eindrücklicher Lebensfreude zu begegnen.
Label: Pulse Records. DCD2 Records Veröffentlicht am: 16.01.2026 Interpret: Vienna Vienna Name: Entertain Me (EP) Coverbild: Vienna Vienna