Interview mit Mouhanad Khorchide zum Fest des Fastenbrechens

Written by on 16. Mai 2021

Zum Ende des Ramadan, am 13. Mai haben wir live im Coffeeshop mit Professor Mouhanad Khorchide gesprochen. Leider gab es bei dem Telefoninterview technische Probleme und die Tonqualität wollen wir euch nicht antun. Deshalb könnt ihr das Gespräch mit ihm jetzt vollständig hier nachlesen.

Radio Q: Ich habe jetzt einen ganz interessanten Gesprächspartner in der Leitung, nämlich Mouhanad Khorchide. Er ist nicht nur Münsteraner Professor für Islamische Religionspädagogik, sondern auch Buchautor, Soziologe und damit auch einer der wichtigsten Vertreter eines zeitgenössischen und liberalen Islams. Mit ihm möchte ich jetzt über den Ramadan bzw. das Ende des Ramadans sprechen. Herr Khorchide, das Ende des Ramadans hängt von der Sichtung des Mondes ab. Manche Muslim:innen feiern das Fest des Fastenbrechen schon heute, manche erst morgen. Was hat es damit auf sich? Und wie ist das Ganze bei Ihnen? Fasten Sie noch oder feiern Sie schon?

Mouhanad Khorchide: Also ich persönlich feiere heute schon. Die Frage ist ja und da diskutieren in unterschiedlichen islamischen Ländern die Gelehrten: Reicht das, wenn man das vorher berechnet, also wann der neue Monat beginnt oder muss man das mit dem bloßen Auge sehen? Also es gibt Länder wie zum Beispiel Saudi Arabien, wo man bis heute darauf besteht, dass man den Neumond mit den Augen sieht. Und deshalb gelten nicht die vorausgehenden Rechnungen. Und so unterscheiden sich die Länder. Es geht bis zu drei Tage. Manche diskutieren jetzt, ist heute, am Donnerstag Feiertag oder am Freitag, manche sogar Samstag. Aber die meisten Länder feiern heute schon am Donnerstag das Fest.

“Ein Monat der Askese, der Welt-Läuterung, wo man auf Sparflamme geht, weniger isst und trinkt. Man distanziert sich von materiellen Werten.”

Radio Q: Warum ist denn dieser Festmonat genau jetzt? Und was ist genau der religiöse Hintergrund? Also hat das auch irgendwas mit dem Mond zu tun?

Mouhanad Khorchide: Also es hat nichts mit dem Mond an sich zu tun. Es hat mit dem Monat Ramadan zu tun. Das ist nach dem arabischen Kalender der neunte Monat im Jahr. Also heute ist der erste Tag des zehnten Monats und was man eigentlich feiert ist, theologisch gesehen im Monat Ramadan, ein Monat der Askese, der Welt-Läuterung, also, wo man auf Sparflamme geht, weniger isst und trinkt. Man distanziert sich ein bisschen sozusagen von materiellen Werten – hin zu mehr Spiritualität, mehr in sich hinein gehen, Selbstreflexionen mit dem Ziel, so Gott näher zu kommen, also die Gegenwart Gottes zu spüren, sozusagen. Und das ist also der theologische Sinn. Aber im Volksglauben feiert man eher, dass man jetzt wieder normal essen und trinken kann. Kinder freuen sich natürlich auf Geschenke. Im Volksglauben heißt es Zuckerfest. Man isst Süßigkeiten, gerade an Kinder verteilt man Süßigkeiten. Und so freut man sich. Normalerweise feiert man, indem man sich nach Sonnenaufgang in der Moschee trifft. Also Familien, nicht nur wie vielleicht beim Freitagsgebet nur die Männer, sondern die ganzen Familien. Jetzt coronabedingt gibt es das natürlich alles nicht und deshalb feiert man jetzt auf Sparflamme. Ich erlebe das im Bekanntenkreis auch, dass viele einfach über Zoom digital feiern, indem man sich einfach trifft, ohne sich wirklich persönlich zu treffen. Also ein bisschen ein anderes Fest. Eine andere Erfahrung, die wir dieses Jahr und voriges Jahr auch gemacht haben.

Radio Q: Sie haben es gerade schon angesprochen, die besonderen Corona-Bedingungen. Wenn das jetzt über Zoom geht kann mir vorstellen, dass da auch bestimmte Elemente, die Dinge, die man ja sonst so gerne bei dem Fest hat, jetzt wegfallen. Wir hatten vorhin so ein bisschen den Vergleich gehabt mit christlichen Festen, dass gerade in dieser Corona-Zeit die Regierung dann bei Weihnachten eine große Ausnahme gemacht hat. In dem Fall jetzt nicht. Würden Sie sagen, das ist irgendwie vielleicht auch ein Stück weit ungerecht ist?

Mouhanad Khorchide: Naja, also das ist alles im Dienste der Gesundheit des Menschen eigentlich. Und wenn man sich jetzt treffen würde, wie normalerweise in Großfamilien, in großen Versammlungen, das wäre ein Riesenrisiko natürlich für alle Betroffenen. Und deshalb haben sie meistens schon Verständnis dafür, dass man sagt: okay, dieses Jahr feiern wir anders oder wenn, trifft man sich einfach so vor der Türe, gerade um den Kindern Süßigkeiten zu bringen, ohne wirklich jetzt in die Häuser hineinzugehen, in die Wohnungen und sich zusammen zu setzen. Übrigens, weil sie auch christliche Feiertage sagen. Das ist interessant. Der Zufall in diesem Jahr, dass heute auch Christi Himmelfahrt ist. Und da gibt es so eine ähnliche Symbolik. Also an Christi Himmelfahrt feiert man jetzt ja nicht eine physische Reise von Christus in den Himmel über das Weltall, sondern es hat die Symbolik der Gottesgemeinschaft, der Gottesnähe. Und das ist genau das, was ich vorhin beschrieben habe mit dem Fasten. Also, dass man am Ende feiert, auch in einem geläuterten Zustand, dass man jetzt so wie neugeboren in Gottesnähe ist. Es gibt so ähnliche Symbole. Ich fand es interessant, dass das Fest heute ausgerechnet an Christi Himmelfahrt auch gefallen ist.

“Das Betroffensein soll zu mehr Empathie anregen: Sich hineinversetzen zu können in die Situation derer, die weniger haben”

Radio Q: Ja, der Fastenmonats selber, also was ich davon immer  mitgekriegt habe, ist tagsüber nichts essen und trinken. Aber wahrscheinlich ist das nicht so einfach. Sie haben gerade gesagt, dass man sich ein wenig zurücknimmt, da steckt wahrscheinlich noch ein bisschen mehr hinter, oder?

Mouhanad Khorchide: Ja. Einerseits geht es um die Solidarität mit den Armen und Bedürftigen, die sonst immer weniger haben und Hunger und Durst leiden, dieses Betroffensein. Also wenn man dann im Ramadan selber betroffen ist,  von einem Teil dieses Leidens, dieses Betroffensein soll hier auch zu mehr Empathie anregen, sich hineinversetzen zu können in die Situation derer, die weniger haben. Und so hat der Ramadan auch eine starke soziale Dimension. Das ist das eine und das andere ist auch diese starke spirituelle Dimension im Sinne von: Es gibt auch anderes in der Welt als die materiellen Bedürfnisse, als körperliche Bedürfnisse. Es gibt auch spirituelle Wege, wo man in sich hinein geht, wo auch gläubige Menschen intensiver mit Gott sprechen. Also das ist eigentlich der Zweck des Ramadan. Jetzt im Volksglauben wird das anders gehandhabt. Ja, dass man einfach am Abend nachholt, alles, was man tagsüber nicht gegessen hat und den Monat in vielen Familien auch nutzt, um einfach zu feiern, sogar mehr als sonst. Ich erinnere mich auch, in arabischen Ländern zum Beispiel da gibt es ein eigenes Fernsehprogramm nur für den Ramadan, damit die Menschen bis zur Früh bis zum Sonnenaufgang vom Fernsehen sitzen und feiern. Das ist alles aus einer theologischen Perspektive nicht Sinn des Fastens, aber so wird es in vielen Ländern oder vielen Communities praktiziert. Also es profanisiert sich immer, es wird immer profaner und weniger religiös. Aber dennoch ist es eine Abwechslung im Jahr.

Radio Q: Das ist sicherlich eine Sache, die bei vielen religiösen Feiertagen unterschiedlicher Religion sehr ähnlich ist. Dann bedanke ich mich bei Ihnen für Ihre Zeit. Mouhanad Khorchide war das zum Thema Ramadan. Und wer jetzt sagt, das, was der Mann mir grad erzählt hat, fand ich sehr spannend, dem würde ich auch gerne noch bei ganz anderen Sachen zuhören: Es gibt am 1. Juni mit der Antisemitismusbeauftragten von NRW, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, eine Diskussion über Antisemitismus in den Religionen, wo auch Mouhanad Khorchide mit dabei ist. Infos zu dieser Veranstaltung findet ihr übrigens auf der Website des Zentrums für Islamische Theologie.

Bild: Peter Grewer


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