Vörwärts in die Vergangenheit – Ein Interview mit Molchat Doma

Written by on 22. Dezember 2020

Die Fassaden von kalten Betonbauten ragen vor grauem Himmel in die Höhe, aus den Boxen ertönen monotone Gitarrenriffs und aufpeitschende Drums. Die ernste Stimme von Egor Shkutko gibt dem Klangbild den letzten Schliff. Insgesamt lässt sich der Sound von Molchat Doma am besten mit Bands wie Joy Division, Depeche Mode oder The Cure vergleichen. Der düstere Klang der Band kombiniert mit der Sowjet-Ästhetik, die sich auf ihren Albumcovern und in ihren Musikvideos findet, ergibt ein stimmiges Gesamtbild, das sich trotz naheliegender Vergleiche mit anderen Bands als sehr eigen und innovativ entpuppt. Kaum eine andere Band wird so sehr mit der Renaissance des New Wave, Post-Punk und Synthie-Pop verbunden wie Molchat Doma. Damit sind Molchat Doma Teil des nostalgischen Zeitgeistes, der sich längst nicht mehr nur an Jeansjacken tragende Retrojünger in zu engen Indie-Clubs richtet. Auch die Pop-Musik erinnert immer mehr an die seichten Klänge der 80er Jahre. The Weekend und sein Song „Blinding Lights“ sind nur ein Beispiel für den Mainstreamerfolg von durch 80s-Pop inspirierte Musik. Auch wenn Molchat Doma noch weit von dieser Popularität entfernt ist, hat es die Band längst geschafft, eine große Fangemeinde außerhalb der Grenzen von Belarus zu erreichen. Jetzt haben die drei Minsker ihr drittes Album Monument veröffentlicht. Das neue Album schlägt etwas andere Töne an als seine Vorgänger und reiht sich doch sinnvoll in die Diskografie von Molchat Doma ein. Radio Q hat Egor, Roman und Pavel zu einem Interview per Zoom getroffen, um über das neue Album und die vergangenen Monate zu reden.

Angefangen hat die Bandgeschichte von Molchat Doma an einem Ort, der den meisten Leser:innen und Hörer:innen von Radio Q nicht fremd sein dürfte – in der Universität. Auf die Frage, an welcher Fakultät man die Musiker treffen würde, haben sie eine klare Antwort. Am ehesten würde man sie an der technischen Fakultät treffen, wo sich Elektrotechniker:innen und Ingenieur:innen wohl fühlen. Dort haben sich Egor und Roman kennengelernt und angefangen gemeinsam zu proben. Als Ende 2017 Pavel dazukam, war das erste Album bereits fast fertig geschrieben, wie die Musiker im Interview erzählen. Seitdem hat sich in der Karriere der Band einiges getan. Während sie das erste Album noch selbst produziert und veröffentlicht haben, lief der Release des zweiten Albums bereits über das Berliner Indie-Label Detriti Records. Der Erfolg der ersten beiden Alben und die allgemeine Bekanntheit Molchat Domas sind eng mit Social Media verbunden. So sind die ersten beiden Alben vor allem auf YouTube durchgestartet, was der Band erste internationale Erfolge brachte. Anfang dieses Jahres unterzeichneten sie dann bei dem New Yorker Independent Label Sacred Bones Records. Noch wesentlich größere Bekanntheit erlangte Molchat Doma kurz danach durch die Social Media Plattform TikTok, die der Band Platz 2 in Spotifys Viral 50 Charts bescherte. Zuvor waren mehrere Videos, die mit Songs von Molchat Doma unterlegt wurden, auf der Plattform TikTok viral gegangen.

Auf das Thema angesprochen, reagiert die Band etwas verhalten. Das mag einerseits mit dem zweifelhaften Ruf von TikTok zusammenhängen, aber sicherlich auch damit, dass die Musiker ungerne ihren Erfolg kommentieren. Zur eigenen Popularität und der Rolle von Molchat Doma als eine der beliebtesten Bands der 80er-Rennaisance sagt Gitarrist Roman:

„Es ist ziemlich schwer, die eigene Popularität zu bewerten. Wir denken nicht oft darüber nach und sind einfach glücklich, dass es momentan gut läuft. Wir versuchen nicht unser Ego durch den Erfolg zu pushen und es ist ja auch eigentlich egal, wer jetzt die Nummer 1, 2 oder 3 ist.“

„Es ist ziemlich schwer, die eigene Popularität zu bewerten. Wir […] sind einfach glücklich, dass es momentan gut läuft.”

Auf die Frage nach dem Grund für die 80er-Rennaisance haben hat die Band eine ebenso bescheidene wie nüchterne Antwort:

 „Vor ein paar Jahren waren die 70er cool, heute sind die 80er dran.“

Wenn man sich die bisherigen Veröffentlichungen von Molchat Doma anguckt, könnte man meinen, auch sie würden sich chronologisch an den vergangenen Jahrzehnten abarbeiten. Die ersten Alben erinnern noch stärker an den Sound der späten 70er und frühen 80er wie er zum Beispiel auf den Alben von Joy Division zu hören ist. Das neue Album Monument hingegen, scheint musikalisch noch stärker in die Richtung der späteren 80er Jahre zu gehen. Zu der Frage, ob das bedeutet, dass Molchat Doma in 10 Jahren 90er Musik macht, verrät die Band:

„Mal gucken, was die Zeit bringt. Es kann noch alles passieren, vielleicht nehmen wir bald auch neue Elemente in unsere Musik auf. Die 90er sind ja auch das Jahrzehnt der Tanzmusik und der Samples.“

Die Zeit wird wohl zeigen, ob das heißt, dass wir im nächsten Jahr ein neues Album im Stil von 90er Tanzmusik erwarten können… Die Chancen auf neue Musik generell stehen allerdings nicht schlecht. Im Interview erzählt die Band, wie sie die letzten von der globalen Corona-Pandemie gezeichneten Monate genutzt hat:

„Das Coronavirus hat uns Zeit gegeben, uns auf das Album zu konzentrieren. Es hat uns auch ein bisschen inspiriert, aber in erster Linie hat es uns die Zeit gegeben, uns mit neuem Material zu beschäftigen”

„Das Coronavirus hat uns […] Zeit gegeben, uns mit neuem Material zu beschäftigen”

Mit Blick auf die Entwicklung der Pandemie, die eine Rückkehr zur Normalität wahrscheinlich erst wieder in über einem Jahr möglich macht, bleibt Hoffnung, dass die Band die Zeit nutzt, um an neuer Musik zu arbeiten. Diese Zukunftsmusik soll aber nicht von dem gerade erst erschienenen Album der Band ablenken. Die neun Songs auf Monument passen mehr als gut zum isolierten Coronawinter reichen und sollten auch darüber hinaus Fans der ersten beiden Alben glücklich machen. Zwischen den Klängen von Joy Division und Depeche Mode findet die Band immer wieder Gelegenheit, den verschiedenen Genres, die sie bedienen, ihren eigenen Stempel aufzudrücken. Trotz ihres eigenen Sounds werden Molchat Doma fast immer in einem Atemzug mit anderen Bands genannt. Das sagt die Band selbst über diese Vergleiche:

„Wir werden ständig mit anderen Bands verglichen. Bis jetzt war Depeche Mode der beste und Buerak [Indieband aus Russland] der schlechteste Vergleich.“

„Wir werden ständig mit anderen Bands verglichen. Bis jetzt war Depeche Mode der beste […] Vergleich.“

Um den Sound der 80er, der maßgeblich für die Vergleiche von Molchat Doma mit anderen Bands verantwortlich ist, authentisch reproduzieren und neu interpretieren zu können, benutzt die Band übrigens auch Equipment aus der Zeit. So erzählt Roman, dass er sich erst vor Kurzem einen neuen Synthesizer zugelegt habe, der sogar noch mit einem Diskettenlaufwerk funktioniere.

Ein Merkmal, das die Band sehr deutlich von ihren meist westlichen Pendants unterscheidet, ist die Sprache. Bedenkt man, dass die meisten Fans von Molchat Doma nicht Russisch sprechen und somit keine Ahnung haben, wovon die Band aus Belarus da eigentlich singt, zeigt sich eine interessante Gemeinsamkeit zwischen den Musikern und ihren Fans. Genauso wie viele ihrer Fans die Texte von Molchat Doma nicht verstehen, haben auch die Musiker Schwierigkeiten mit der englischen Sprache und dem Verstehen der Texte von Bands, die sie gerne mögen. Wer jetzt denkt, dass den Minskern deswegen Songtexte egal seien, liegt falsch. Zwar geht es den Musikern oft um den Vibe, den ein Song kreiert, bei ihren Lieblingskünstler:innen schauen sie die Lyrics aber oft nach, wie sie erzählen. Wem der düstere Sound und die kalte Ästhetik von Molchat Doma noch nicht genug sind, sei ein Blick auf die Lyrics der Band empfohlen. Die schwermütigen Texte fügen sich nahtlos in das Gesamtbild der Band ein. Zu sehen und zu hören ist dieses Gesamtbild im neuen Musikvideo der Band zum Song Zvezdy!

Das Interview führten Maria Kaiser, Yunus Gündüz und Joshua Sans


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