Interview mit Goldroger

Geschrieben von am 4. Mai 2020

Das komplette Interview mit Goldroger könnt ihr hier nachlesen+hören:


Zweimal klingelt es, dann führe ich das Handy an mein Ohr: „Hallo?“
„Hey, hier ist Sebastian von Goldroger. Schön, dass es auch so klappt.“

Ich sitze in meinem Zimmer und habe einen Block mit Fragen vor mir. „Wie geht‘ dir so? Was hast du heute gemacht?“, frage ich. Goldroger antwortet mir, ihm ginge es gut, er hätte heute einen entspannten Tag in der Sonne gehabt. Zwischendurch hat er sich noch eine Schutzmaske aus dem eigenem Merch genäht, erzählt er mir. Praktisch, wenn man den Stoff dafür schon herumliegen hat. „Ich werd‘ die aber nicht verkaufen, das Geschäft hat Fynn Kliemann on-lock“ – „Läuft ganz gut, heute waren zumindest alle vergriffen.“, antworte ich. „Richtig gut, riesen Fan.“

Ich lehne mich zurück. Es ist, entgegen meiner Vorstellung vor dem Interview, viel angenehmer, über das Telefon zu sprechen. Ein Sonnenstrahl hat sich auch in mein Zimmer verirrt und scheint mir nun in mein Gesicht. Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal ein Interview in meiner 12qm Bude führen würde – vieles war vor einigen Wochen noch unvorstellbar.

„Wohnst du in einer WG?“, fragt mich Goldroger, als hätte er meine Gedanken gelesen. Ich bejahe, kurz wechseln die Rollen, ich werde vom Fragenden zum Befragten, als wir über meine WG quatschen.
„Mit wem würdest du dir denn in dieser Zeit am ehesten eine Wohnung teilen?“. Ich ergreife erneut die Initiative.
„Hmmm, also am liebsten mit ’nem Girl. In solchen Quarantänezeiten wünscht man sich dann doch, dass man wieder in einer Beziehung wär. Das ist dann cooler wenn man eine Freundin hat, mit der man durch die ganze Zeit chillen kann.“

Hier haben wir das Interview nicht geführt.

Worüber wollten wir nochmal sprechen?
Über Goldrogers kommendes Album. Ich schaue auf die Uhr – 15 Minuten Zeit haben wir noch für das Interview. Die Termine sind eng gesteckt an solchen Promotagen, nicht alles wird durch die aktuelle Situation entschleunigt.
Ich frage, wie sich das alles auf seine Arbeit auswirkt. Wird es nach Discman Antishock 1 und 2 noch einen dritten Teil geben, so wie ursprünglich geplant? „Muss ich mal gucken, wie ich das löse. Mal schauen, vielleicht mache ich Teil 3 mit Abstand, aber jetzt gerade hat mir diese ganze Coronanummer so ein bisschen die Lust daran versaut und ich bin eigentlich schon wieder fast in einem anderen Projekt mit dem Kopf.“ Also noch nichts entschieden, ich hake nochmal nach: „Glaubst du denn, es ist manchmal besser einfach loszulassen? Auch musikalisch – im Bezug auf Diskman 3?“ Ich glaube rauszuhören, dass der Wille etwas Anderes zu machen da ist, aber auch das Gefühl, die Fans, durch ein ausbleibendes Diskman 3, zu enttäuschen.
„Ich habe natürlich mittlerweile einfach zu oft davon gequatscht, dass es eine Trilogie sein muss. Jetzt muss ich mir irgendwas einfallen lassen, sodass es am Ende trotzdem was wird, um der Sache gerecht zu werden.“
Und dann Zustimmung: „Es fühlt sich jetzt gerade auch eher an wie ein nicht loslassen wollen, können, oder ein ‚ich muss dran festhalten‘. Und vielleicht muss man auch ab und zu in solchen Momenten kompromisslos sein und sagen ‚das wird’s jetzt gar nicht besser machen, wenn ich diese Demos auch noch fertig mache‘. Vielleicht ist es auch so schon ganz gut, wie es jetzt gerade ist.“

Musikalisch erlebt man Goldroger auf jedem Album ein bisschen anders. Mich interessierte auch, wie Diskman 1 und 2 zueinander stehen, ob es eine Struktur in den Alben gibt.
Abwechslungsreich, solle es sein, sagt Goldroger. Eine Zusammenstellung an Songs, die einen gemeinsamen Vibe haben: „Für mich war das Konzept des Albums, dass es im Gegensatz zu Avrakadavra, wo ich das Gefühl hatte es ist schon sehr Konzeptalbummäßig, ich es diesmal eher so halten wollte, dass es so ein Mixtapefeeling hat.“

Neben mir auf dem Sofa wartet mein Laptop geduldig auf neuen Input. Als der Bildschirm sich verdunkelt, hat das Gerät wieder meine Aufmerksamkeit erlangt. Aus einem Reflex heraus, drücke ich auf die Leertaste. Die Website, auf der ich die neuen Tracks in einer Presseversion schon mal anhören konnte, leuchtet auf. Sieben neue Songs werden zu den bisher auf Diskman 1 veröffentlichten dazukommen. Musikalisch deckt das Album den Bereich Hip-Hop relativ großflächig ab. Von poppigen, gesangslastigen Tracks wie Uu geht es dabei zum Beispiel direkt über in die cloud-rap Nummer Parabelflug. Und kaum ein Song geht länger als 3 Minuten.

Also warum sind die Tracks so kurz geraten? „Zeigst du jetzt eine neue musikalische Seite von dir?“, frage ich. Tatsächlich wird, laut Goldroger, auf Diskman 2 mehr gerappt als beim ersten Teil. Für ihn sind die Tracks allerdings gar nicht so unterschiedlich, auch, weil sie alle in einer ähnlichen Phase entstanden sind. Und:
„Ich wollte meine eigenen Hörgewohnheiten mehr in unsere Musik rein transportieren und die Musik so machen, wie ich sie selber auch am liebsten hören würde. Auf Avrakadavra geht Sgt. Pfeffer ja noch so 4:30. Was ich noch nicht wirklich übers Herz krieg, ist einen Song kürzer als 2 Minuten zu machen, das fühlt sich immer noch falsch an. Vielleicht mache ich sowas auch irgendwann, aber jetzt bin ich eher so 2 Minuten 30.“
Beim Prinzip des massenhaften lyrischen Inputs, verbleibt er bisweilen. Auch die Songs auf Diskman 2 musste ich mehrmals durchhören, um alle Zeilen zu begreifen.


Da mit rein spielen mit Sicherheit auch die Beats, die, wie auf den vorherigen Veröffentlichungen, wieder von Dienst und Schulter geliefert wurden.
Und auch, wenn er zufrieden mit seiner Musik ist – gern hört er sich trotzdem nicht selbst. „Ne, das ist im Allgemeinen ein bisschen so, wie vor dem Spiegel zu masturbieren, das finde ich nicht so angenehm.“, erklärt er mir. „Ich gehe auch echt – also ich verlasse den Raum direkt, wenn mal durch irgendeinen Zufall meine Musik läuft. Ist mir super unangenehm.“

Trotz der aktuellen Lage, konnte mir Goldroger zumindest versichern, dass das neue Album Diskman Antishock 2, planmäßig am 08. Mai erscheinen wird: Auf der A-Seite der LP ist Diskman 1 und auf der B-Seite Diskman 2″. Dann würde er sich auch freuen, seine Mucke irgendwann mal in Münster zu spielen. Schließlich stände die Sputte auf seiner Traumliste: „Das muss sein, da war ich so oft auf Konzerten, das muss nochmal gehen.“
Goldroger lässt mich zuletzt noch mit einem Musiktipp zurück: „Bossa Nova: Das Astrud Gilberto Album, das ist ein ziemlicher Classic. Hör ich sehr gerne.“. Wir verabreden uns also zu einem unbekannten Zeitpunkt, in unbekannter Zukunft, in der Sputte und ich lege auf.

Kurz verharre ich. Dann öffne ich Spotify und gebe einen Namen ein: Astrud Gilberto. 1965, The Astrud Gilberto Album. Mit weichen, brasilianischen Klängen auf den Ohren, folge ich dem Sonnenstrahl aus dem Zimmer raus, in den Garten und freue mich auf den 08. Mai.


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