Im Gespräch mit Uni-Rektor Wessels

Geschrieben von am 24. April 2020

Über die neuen Herausforderungen für den Hochschulbetrieb haben wir mit dem Rektor der Uni Münster, Professor Wessels, gesprochen.

Das digitale Semester läuft seit  4 Tagen. Am Montag dann der erste Schreck: Die Uni-Server sind kurzzeitig abgeschmiert, E-Mails und Learnweb waren für viele nicht mehr erreichbar. Doch nun haben die meisten Studierenden ihre ersten Zoom-Veranstaltungen hinter sich. Und viele freuen sich sogar über diese mehr oder weniger erzwungene Digitalisierung an der Uni.

Herr Wessels, wie gut ist die Uni Münster jetzt auf das Online-Semester vorbereitet?

Ich glaube, ganz gut. Wir haben die vergangenen Wochen wirklich genutzt, um möglichst umfassend, für alle in gleicher Weise, diese Möglichkeiten zur Verfügung zu stellen: Online-Veranstaltungen durchzuführen, Lernräume einzurichten und nicht nur Lehrende, sondern auch alle Studierenden mit Lizenzen [für Zoom] auszustatten. Wir haben wirklich 53.000 dieser Lizenzen gekauft, wo jeder seine Räume einrichten kann und sich eben auch in Lerngruppen treffen kann, wenn er oder Sie das gerne möchte. Ich glaube, das ist mindestens einmal eine technische Voraussetzung, die wir so in dieser Weise gar nicht vorher hatten. Das ist eine große Bereicherung für uns.

Was war denn bisher die größte Herausforderung, der man sich stellen musste?

Am Anfang in den Semesterferien war die größte Herausforderung die große Unsicherheit, wie die Ausbreitung [des Virus] weitergeht und von daher mussten alle möglichen Szenarien gleichzeitig durchgeplant werden. Eine Inbetriebnahme in irgendeiner Präsenzform nach einer gewissen Zeit, eine Umstellung auf teilweise Online-Formate, eine Umstellung auf vollständige Online-Formate, verbunden mit den Fragen was passiert dann mit Praktika, mit praktischen Übungen, mit Exkursionen und all solchen Sachen. Das schlimmste Szenario, dass wir uns überlegen mussten, war: Was wenn es zu einem tatsächlich kompletten Lock-Down gekommen wäre, so wie in Italien? Was dann an kritischer Infrastruktur dennoch aufrechtzuerhalten ist – denn beispielsweise ist unser Heizkraftwerk und unsere IT-Zentrale Versorger fürs Krankenhaus. Das sind bestimmte Bereiche, die man sauber trennen musste, wo absolut sichergestellt werden musste, dass diese Bereiche weiterlaufen können. Auch wenn es zum kompletten Stillstand kommt.

Gibt es bisher einige Erkenntnisse, von denen man sich denkt: Ja, das können wir aus einer Krise mitnehmen?

Ich glaube, das können wir im Moment noch nicht. Dadurch, dass relativ zeitnah bekannt wurde, dass wir flächendeckend auf ein Online-Semester umstellen, ist ganz viel Kreativität auf einmal auf den Weg gebracht worden. Und ich glaube, das gilt es jetzt tatsächlich auszuprobieren. Wie viel von dem, was jetzt gemacht wird, ist etwas, was man so oder in anderer Form in Zukunft auch gerne weiter nutzen möchte? Wo sind auch echte Grenzen? Es ist zwar schön, wenn man sich austauschen kann, aber das direkte Gespräch und auch die Interaktion, wenn man die Mimik und Gestik von jemandem voll erfassen kann, hat immer noch eine andere Qualität. Gerade in einer kontroversen Auseinandersetzung sind das wichtige Fragen. Es ist jetzt einfach eine Zeit, wo wir ausprobieren und am Ende sehen, was dabei alles Gutes passiert ist und wo wir sicher sind, dass wir das vielleicht auch kein zweites Mal haben möchten.

Die Corona-Epidemie-Hochschulverordnung vom NRW-Wissenschaftsministerium sieht vor, dass die individuelle Regelstudienzeit um ein Semester erhöht wird. Allerdings nur, solange das Rektorat nichts anderes beschließt. Planen Sie da was anderes?

Warum sollten wir? Nein. Das ist tatsächlich die eleganteste Möglichkeit, dafür zu sorgen, dass insbesondere Studierende, die auf die Unterstützung durch BAföG angewiesen sind, keine Nachteile haben. Es gibt ganz viele Regelungen gesetzlicher Art, die die Regelstudienzeit als Grundlage für Berechnungen von irgendwelchen Ansprüchen hat. Dadurch, dass es diese Sprachregelung gibt, folgt daraus ganz vieles, insbesondere für die Leute, die wirklich finanziell unter Druck sind.

Individuell bedeutet in diesem Kontext ja immer noch, dass sich quasi jeder Studierende selber darum kümmern muss. Man spricht also per se nicht von einem pauschalen Extra-Semester?

Ich glaube, dass es eine juristische Sprachregelung ist. Das heißt nur, dass sich für jeden Einzelnen, der in dieser Phase immatrikuliert ist, die Regelstudienzeit verlängert. Faktisch bedeutet es das Gleiche.

Die Hochschulverordnung sieht auch vor, dass das Rektorat weitreichende Änderungen an den Prüfungsordnungen vornehmen kann. Haben sie vor diese Änderungen trotzdem durch die Gremien gehen zu lassen, wie den Fachbereichsrat oder den Studienbeirat?

Ja, selbstverständlich. Zumal wir jetzt mit Zoom die Möglichkeit haben, Meetings und auch Abstimmungen durchführen zu können, gibt es gar keine Veranlassung, daran etwas zu ändern. Wichtig für uns ist vor allen Dingen: Wir glauben im Moment, und da sind wir in enger Absprache mit den Fachbereichen, dass wir individuelle Prüfungsordnungen gar nicht ändern müssen. Das wäre sogar zu wünschen, denn das wäre ein wahnsinniger bürokratischer Aufwand für ein so spezielles Sonder-Semester. Was wir hingegen tun können, ohne großartig an den Ordnungen zu schrauben: Wir können Prüfungsformen ändern. Wir sind gerade dabei mit den Fachbereichen in Abstimmung zu treten, für welche Modulabschlussprüfung, welche Form gewählt werden kann. Da geht es insbesondere darum, dass mündliche Prüfungen auf Ónline umgeschaltet werden können, dass bestimmte Klausurformate möglicherweise in Open-Book-Formate oder irgendetwas dergleichen umgewandelt werden. Das ist im Moment noch in Abstimmung mit jedem einzelnen Fachbereich. Denn da hat auch das Rektorat keine Allweisheit in diesen Dingen. Was jetzt die beste Prüfungsform ist – das müssen wirklich die Fächer ganz individuell für sich bestimmen.

Die studentische Perspektive kommt bei vielen politischen Entscheidungsprozessen momentan zu kurz, obwohl die Entscheidungen größtenteils die Lebenswelt der Studierenden betrifft. Inwiefern beziehen Sie uns Studierende momentan in aktuelle Entscheidungen ein?

Im Moment, und das ist nicht nur im Moment so, sondern schon sehr früh, ist im Krisenstab der Universität der AStA vertreten. Damit ist sozusagen auch die Stimme der Studierenden immer direkt involviert – in den Entscheidungen oder auch mindestens in dem Informationsaustausch über das, was zu entscheiden ist. Ich sehe nicht, dass da ein großes Defizit ist. Insbesondere die finanziellen Notlagen von Studierenden haben wir eng in den Blick genommen. Sie haben vielleicht gesehen, dass die Uni über die WWU Stiftung mit Unterstützung der Universitätsgesellschaft einen Corona-Notfallfonds aufgelegt hat. Wir hoffen mindestens mal, solange die Regelungen für irgendwelche zusätzlichen Kredite, wie sie von Frau Karliczek jetzt vorgeschlagen sind, noch nicht in die Umsetzung geraten, dass wir da zeitnah tatsächlich auch Hilfstöpfe aufmachen können, die dann in Verwaltung des AStA vergeben werden können. Das ist zumindest die Intention davon.

Und diese Zuschüsse brauchen nicht zurückgezahlt werden?

Das wären tatsächlich einmalige, nicht rückzahlbare Zuschüsse.

Die Bibliotheken der FH bieten eine sogenannte Notausleihe von Medien an. Wenn ich heute bis 18 Uhr bestelle, kann ich meine Bücher übermorgen abholen. Wieso gibt es so ein Angebot nicht auch an der Uni Münster?

Da sind wir dabei, das einzurichten. Wir können noch nicht genau das Datum sagen, ab wann das funktionieren wird, aber klarerweise ist das der größte Bedarf im Moment. Leider ist es auch so gewesen, dass die Öffnung von Bibliotheken das Thema gewesen ist, was mindestens von den offiziellen Seiten bis letzten Donnerstag im Unklaren gelassen worden ist: Ob und unter welchen Konditionen man welchen Publikumsbetrieb eigentlich wieder zulassen darf. Wir wissen, dass die Notwendigkeit, da eine Lösung zu finden, groß ist. Wir werden das jetzt zunächst für die ULB anbieten und dann sukzessive auch die Fachbereichsbibliotheken wieder zugänglich machen. Das ist insbesondere wichtig – und da werden wir auch eine Abstufung vornehmen – für die Leute, die sich auf Abschlussarbeiten vorbereiten. Da werden wir sozusagen eine graduelle Wiederinbetriebnahme haben und das ähnlich machen wie die Schulen: Dringlichkeitsgesteuert, bis wir wieder in einen halbwegs geordneten Verleihbetrieb kommen.

Was macht man denn, wenn man Literatur für Hausarbeiten oder Prüfungsvorbereitungen braucht?

Prüfungsvorbereitungen sind sozusagen der prioritär zu bedienende Teil, den wir im Moment haben. Die Universitäts und Landesbibliothek hat gut sechs Millionen Bände im Bestand und wir haben mittlerweile, Stand Ende letzten Jahres, schon 1,2 Millionen Bände komplett elektronisch verfügbar. Es sind jetzt gerade noch einmal gut 200.000 weitere Bände dazugekauft worden, sodass tatsächlich auch das elektronisch zur Verfügung stehende Angebot, insbesondere im Rahmen von digitalen Semester-Apparaten, sehr umfangreich ist. Es ist nicht so, dass man völlig ohne Material dasteht.

Was glauben Sie denn, was das positivste Szenario ist, mit dem wir hier aus der Corona-Krise wieder rauskommen?

Das positivste Szenario ist, dass durch Crowd Science oder irgendetwas dergleichen ein Impfstoff schneller gefunden wird, als er je gefunden wurde. Das ist meine persönliche Hoffnung. Dadurch, dass es weltweit Bestrebungen gibt, auch auf wissenschaftlicher Ebene Ergebnisse so zusammenzuführen, dass man schneller zu einer Lösung kommt: Das wäre das Größte auf wissenschaftlicher Ebene. Was das Studieren selber angeht, denke ich: Wenn wir am Ende des Semesters mindestens einen Gutteil dessen, was man an Leistungen ablegen kann, abgelegt haben, würde ich sagen: Das ist ruckelig gewesen und es war absehbar, dass das schwierig wird. Aber es ist kein verlorenes Semester gewesen. Und das ist auch die Haltung der Landesrektorenkonferenz, an dieser Stelle dafür zu sorgen, all das, was tatsächlich möglich ist, in irgendeiner Form auch möglich zu machen. Damit der zeitliche Verlust persönlich so gering ausfällt, wie irgend möglich.

Das sagt der Rektor der Uni Münster, Herr Professor Johannes Wessels. Vielen Dank für das Gespräch.

Bild: WWU / Peter Wattendorff.


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