Interview mit Isolation Berlin

Geschrieben von am 16. Oktober 2018

“Vergifte dich”, erschienen im Februar 2018, ist das zweite Album der Band Isolation Berlin. Darauf besingen die Jungs wieder den Pathos der Melancholie. Voller Schwermut ist das Album ein angemessener Nachfolger ihres Debütalbums. Am 05. Mai waren sie auf ihrer “Vergifte dich”-Tour auch in Münster. Vor ihrem Konzert haben sie uns bei Radio Q besucht. Musikreporter Steffen Jöne hat mit Sänger Tobi Bamborschke und Gitarrist Max Bauer über das Leben in Berlin, das aktuelle Album und den Zustand des Rausches gesprochen.

Ich fang mal ein bisschen älter an. Gleichzeitig mit eurem ersten Album “Aus den Wolken tropft die Zeit” erschien ja die Kompilation “Berliner Schule/Protopop” mit Songs von alten EP’s. Mit dem Begriff ‘Berliner Schule’ lassen sich mehrere Dinge zusammenfassen: Eine Stilrichtung des Films in den 90er Jahren, eine elektronische Musikrichtung der 70er und Farin Urlaub hat 2017 ein Album mit dem Titel “Berliner Schule” herausgebracht.

Tobi Bamborschke: Stimmt, das haben wir am Rande mitbekommen. Inspiriert von uns, glaub ich. (grinst)

Jetzt stell ich mir die Frage, wolltet ihr mit ‘Berliner Schule’ einen bestimmten Begriff darstellen? Eine Art Gegenkonzept zur Hamburger Schule mit Bands wie Blumfeld,  Tocotronic oder Kettcar.

Tobi Bamborschke: Ja, das war halt irgendwie der Grundgedanke. Aber das war eher ein Witz. Das war eine relative spontane Idee, weil wir nicht wussten, wo wir uns einordnen sollen. Dann haben wir tatsächlich unseren damaligen Produzenten gefragt, mit dem wir die Aquarium-EP gemacht haben, was wir eigentlich für Musik machen. Den Punks waren wir nicht Punk genug. Den Indies waren wir nicht Indie genug. Dann haben wir ihn gefragt, was wir überhaupt machen. Und er hat halt gesagt “Berliner Schule/Protopop”. Da haben wir gedacht, ja passt. Das war kein Konzept, was wir lange beredet haben.

Also war das nur eine Art Musterbegriff, den ihr so ‘reingeworfen’ habt. Also erhebt ihr keinen Anspruch darauf, die Gründer der Berliner Schule zu sein?

Tobi Bamborschke: Nein, das ist ja keine wirkliche Bewegung. Das war eigentlich eher ein Witz.

Wo wir gerade bei Berlin sind. Die Hauptstadt ist ja zum Inbegriff der Gin-Tonic-Trinker und Soja-Latte-Liebhaber geworden. Die ganzen Viertel, die früher alteingesessen waren, werden nun zu Trendgegenden. Ihr seid eher die Fans von Eckkneipen und einem guten Bier. Welcher Subkultur in Berlin fühlt ihr euch am ehesten zugehörig?

Max Bauer: Gibt es ja nicht mehr wirklich – Subkultur. Die ganze Idee von Subkultur ist mittlerweile eigentlich gestorben, also so fast.

Tobi Bamborschke: Naja, wir bewegen uns schon in Musikerkreisen, würde ich sagen. Das ist schon eine eigene Welt. So Musiker- und Künstlerkreise sind eine relativ kleine Welt.

Max Bauer: Aber man kann jetzt keinen Stempel drauf drücken. So nach dem Motto “Das ist jetzt Punk oder Popper”.

Wie steht ihr diesem Trend denn gegenüber?

Tobi Bamborschke: Ich hab jetzt keine große Feindschaft. Ich bin jetzt nicht dieser klassische Hipster-Hasser, der sich dann aufregt. Das ist einfach eine natürliche Entwicklung, die da stattfindet. Das Problem wird halt, dass die Mieten immer teurer werden. Also ich zum Beispiel kann wahrscheinlich nie wieder in meinem Leben umziehen, weil ich nie wieder eine Wohnung finden werde, die ich bezahlen kann. Das ist halt problematisch. Kreuzberg und Neukölln sind so Orte, da wird es gerade echt teuer.

Max Bauer: Ich wohne in Kreuzberg.

Und kannst es dir noch leisten?

Max Bauer: Ich hab Glück gehabt und hab eine ziemlich günstige Wohnung gefunden. ich weiß auch überhaupt nicht wie. Das ist ein altes Atelier und da hab ich für einen relativ humanen Preis eine Wohnung gefunden. Aber das ist echt selten.

Das ist leider irgendwie überall so. Auch hier in Münster. Wenn neu gebaut wird, sind es oft Luxusappartements. Von den kleineren Städten, Münster hat 300.000 Einwohner, ist es schon mit die teuerste Stadt.

Max Bauer: Ja, ich seh immer, die Leute zahlen 600 Euro für ein WG-Zimmer. Das ist schon absurd.

Auch wenn ihr jetzt alle in Berlin lebt, seid ihr ja nicht alle gebürtige Berliner. Tobi, du kommst eigentlich aus Köln und bist mit 13 Jahren nach Berlin gezogen.

Tobi Bamborschke: Genau.

Berlin mit seiner Größe, der Anonymität und diesem Gefühl des Verlorengehens, was man in einer Stadt mit drei Millionen Einwohner haben kann. Sind das so Faktoren von Traurigkeit und Melancholie, die eure Musik beeinflussen?

Tobi Bamborschke: Dadurch, dass ich in Berlin aufgewachsen bin, hat mich diese Stadt schon geprägt. Ich denke schon, dass die Lieder alle irgendwie mit aus dieser Stadt und den Erlebnissen dieser Stadt entstanden sind. Ich geh ins Unterbewusste und Intuitive, wenn ich schreibe. Für mich ist es dann unglaublich schwer zurückzugucken und zu interpretieren, warum hab ich was geschrieben und was wäre wenn. Das ist extrem schwer zu beantworten. Aber da steckt schon viel Berlin in den Liedern, weil das die Projektionsfläche war, die ich hatte. Und das seitdem ich dreizehn bin.

Also dieses Alltägliche, was dich dabei beeinflusst?

Tobi Bamborschke: Genau, ja.

Da sind wir eigentlich schon bei dem Thema: das Schreiben. Traurigkeit und Melancholie sind ja zwei Zustände, die eure Musik und Texte stark prägen. Gefühle mit denen sich wohl jeder identifizieren kann. Aber wie sieht der Schreibprozess bei euch aus, wenn es um neue Lieder geht?

Tobi Bamborschke: Ich bin eigentlich die ganzen Tag in Aufnahmestellung und warte darauf, dass mir irgendwas einfällt. Sobald mir irgendein Satz oder Gedanke interessant vorkommt, schreibe ich den auf. Es gibt keinen bestimmten Ort an den ich gehe, den ich jetzt brauch, um mich zu inspirieren. Ich warte einfach darauf, dass mir irgendwann irgendwo irgendwas einfällt und dann schreib ich es ganz schnell auf. Dann sammle ich meine Blöcke. Irgendwann hab ich dann einige Sätze und gucke wohin das führt.

Entsteht dabei erst die Musik oder erst der Text?

Tobi Bamborschke: Bei dem Entstehen der Lieder ist das total unterschiedlich. Bei mir entsteht meistens erst ein Satz. Der Satz hat dann schon ungefähr eine Stimmung, einen Rhythmus und eine Art Melodie, die sich aus dem Gefühl ergibt. Dann geh ich hin und suche nach Akkorden. Oft passiert es aber auch, dass im Proberaum was entsteht oder das einer aus der Band was mitbringt. Ich bin auch sehr dankbar, wenn Musik kommt, die nicht von mir ist, die dann dazu führt, dass ein Song zu Ende wächst. Oft trage ich halt einen Satz oder eine Stimmung über Jahre mit mir rum und suche ewig danach, damit daraus was entsteht. Dann bin ich immer sehr dankbar, wenn Akkorde kommen, die mir fremd sind, die dazu führen, dass der Song ganz schnell zu Ende wächst.

“Melchiors Traum” auf dem aktuellen Album ist zum Beispiel von Frank Wedekinds “Frühlings Erwachen” beeinflusst. Wo holt ihr allgemein eure Inspirationen für Texte her?

Tobi Bamborschke: Mich interessieren immer Geschichten, mich interessieren Konflikte. Also Dinge, die ich nicht verstehe. Das finde ich interessant. Sobald ich Dinge irgendwie glaube zu verstehen, interessieren sie mich nicht mehr so sehr für einen Text. Jede interessante Geschichte hat immer einen Konflikt. Es gibt keine Geschichte ohne einen Konflikt. Wo dieser Konflikt herkommt, ist eigentlich egal. Ob ich jetzt einen Film gucke oder ein Buch lese oder einen Gesprächsfetzen in der U-Bahn auffange, ist egal. Der Konflikt, den ich nicht verstehe, ist meist der Grundstein für jedes Lied.

Diese Schreibprozesse haben für “Vergifte dich” anscheinend nicht all zu lange gedauert. Zwischen “Aus den Wolken tropft die Zeit” und dem aktuellen Album liegen nur zwei Jahre. Eine relativ kurze Zeit. Haben es ein paar alte Lieder auf die Platte geschafft oder war es ein ganz anderer kreativer Prozess?

Max Bauer: Das sind teilweise Songs, die schon ziemlich lange rum lagen. “Vergifte dich” war der allererste Song, den wir mit der Band geschrieben haben. Das war vor ungefähr sechs Jahren. Und “Antimaterie” ist auch so ein Song, der bestimmt auch drei Jahre rum lag. Das waren halt Songs, die sich nie fertig angefühlt haben. Wir haben das Album ja auch schon ein Jahr, bevor es nun rauskam, aufgenommen. So sind schon einige ältere Sachen dabei.

Tobi Bamborschke: Bei uns ist es nicht so, dass wir in Alben arbeiten. Wir denken, wir wollen nun ein neues Album aufnehmen und jetzt überlegen uns, was wir schreiben wollen. Wir sind eigentlich die ganze Zeit auf der Suche nach neuen Akkorden, nach neuen Melodien, nach neuen Stimmungen. Wenn wir dann dazu kommen ein neues Album aufnehmen zu wollen, ist das Material da. Wir prüfen dann, was wie weit ist und was passt wie zusammen. Deshalb ist immer Material da, was noch nicht benutzt wird und vielleicht noch nicht reif ist.

Haben sie die beiden Songs, von denen du eben gesprochen hast, zwischen Entstehung und der Platte verändert?

Max Bauer: Ja, vor allem “Vergifte dich” hatte drei verschiedene Versionen. Der klang früher ganz anders. Und “Antimaterie” hat sich auch verändert. Klar, im Studio, als wir an den Arrangements gearbeitet haben, sind die Songs nochmal anders geworden. Aber textlich sind sie gleich geblieben.

In “Vergifte dich” wird zum Beispiel gesungen “Der Wahnsinn krabbelt mir den Rücken hoch und beißt sich im Gehirnlappen fest” oder in “Marie” heißt es “Deine Worte trüben nur die Quelle meiner Gedanken aus der, seit du gegangen bist, wieder ein klares Bächlein fließt, sich in ein Tal ergießt, In dem du nie gewesen bist”. Sind das Metaphern oder arbeitet ihr da mit Gemütszuständen, die sich genau so anfühlen?

Tobi Bamborschke: ich arbeite viel mit Metaphern und mit Bildern, probiere aber immer nur so lyrisch zu sein, wie ich es für nötig halte und probiere immer so klar wie möglich zu sein. Ich versuche ständig Stimmungen einzufangen. Das beginnt mit diesem einen Satz und dann fühle ich dem nach.

Fernab vom Textlichen seid ihr ja für eure kritische Haltung bekannt. Seht ihr euch selbst da vielleicht als Gegenpart, auch bewusst, zur immer fröhlichen Musik, die in den Charts vorherrscht?

Max Bauer. So sind wir da nicht rangegangen.

Tobi Bamborschke: Diese traurige Musik ist gar kein bewusster Prozess gewesen. Wir verbieten uns auch keine fröhlichen Lieder und haben uns nicht bewusst als Gegenbewegung verstanden. Wir haben nur versucht Lieder zu schreiben, die uns gefehlt haben. Das war immer der Ansatz. Welchen Song gibt es noch nicht, der uns fehlt? So sind wir da rangegangen. Tatsächlich ist alles, was wir machen, sehr intuitiv und nicht geplant. Sobald es mathematisch oder geplant wird, schmeckt es uns irgendwie nicht mehr. Wir probieren immer intuitiv ranzugehen.

Max Bauer: Wir denken nicht viel über das nach, was wir machen, nach.

Tobi Bamborschke: Sobald man verkopft wird und nachdenkt und was sagen will, blockiert man sich total. man muss sich einfach selbst überraschen und dem Song seinen Willen lassen. Das interessiert uns.

Man darf also nicht zu gewollt an die Sache herangehen?

Tobi Bamborschke: Wenn man jetzt da rangeht und sagt, man will einen fröhlichen Sommerhit schreiben und der soll Folgendes auslösen und man will noch jenes kritisieren. Das klappt nicht. Zumindest nicht bei mir. Und das gefällt mir auch nicht.

Musikalisch fühlt sich “Vergifte dich”, vielleicht seht ihr das auch anders, mit Ausnahme von zum Beispiel “In deinen Armen” nicht mehr so rau an. Es hört sich glatter, geschliffener an. Wie kam es dazu?

Max Bauer: Bei den Arrangements der Songs hatten wir das Gefühl, es gab so viele Lücken auf dem ersten Album, die wir füllen wollten. Wir haben nicht vorher gesagt, dass wir ein Album machen wollen, das glatter klingt oder poppiger wird. Wir haben die Lieder in unserem eigenen Studio aufgenommen und hatten die Zeit daran zu arbeiten.

Tobi Bamborschke: Wir haben uns einfach dieses mal viel mehr Zeit genommen die Songs auszuarbeiten. Das hört man sicherlich auch. Der große Vorteil war wirklich, dass wir in unserem Proberaum aufgenommen haben. Ein Freund von uns hat ein Studio und in dem proben wir auch. Deshalb hatten wir mehr Zeit und Ruhe. Es war keine fremde Umgebung, wo wir rein mussten.

Was sich auf dem Album allerdings wiederfinden lässt, ist das Thema des Rausches. Das Gefühl des Rausches erkennt man in einigen Songs. Warum ist der Rausch so ein erstrebenswerter Zustand?

Tobi Bamborschke: Der Rausch ist für jeden Menschen das Lebenswichtigste, würde ich sagen. Man kann sich mit allem berauschen. Als Kind rutscht du halt die Rutsche runter, weil du den Rausch suchst. Du bist dein ganzes Leben auf der Suche nach Dingen, die dich glücklich machen. Glück ist immer ein Rausch oder mit einem Rausch verbunden. Ich denke, Rausch ist der Mittelpunkt des Lebens für alle Menschen.

Aber ist ein Rausch immer nur positiv?

Tobi Bamborschke: Der Rausch an sich ist positiv, ja. Nur hinterher kann es halt wehtun.

Vom Rausch quasi zum Ruhm. Ihr wart ja lange Zeit eher ein Geheimtipp. Das hat sich spätestens mit eurem Debütalbum geändert. Kommt mit steigendem Erfolg die Angst sich anpassen zu müssen?

Max Bauer: Das wird nicht passieren, weil wir noch gar nicht wissen, was wir als nächstes machen. Wir haben vorher nicht gesagt, wir wollen das und das machen.

Tobi Bamborschke: Natürlich, umso mehr Zuspruch man bekommt, umso mehr Leute einem zuhören und über einen schreiben, desto größer wird der Druck. Wir haben uns aber zum Glück relativ früh davon befreit. Es gibt nicht den einen Sound, den wir erfüllen müssen. das haben wir von Anfang an anders gemacht.

Max Bauer: Die Erwartungshaltung anderer muss man dabei eh komplett ignorieren. Sonst wären wir wahrscheinlich auf einem Major Label.

Ist es nicht auch der Fall, dass einem mit größerem Erfolg mehr Leute reinreden wollen?

Tobi Bamborschke: Wir haben einen ziemlich engen Bereich. Eigentlich sind es ja nur wir vier, die da reinreden. Keine große Plattenfirma, die jetzt den neuen Hit erwartet. Wir haben kein Management, das uns da irgendwie reinfuchst. Wir sind nur wir vier und lassen da auch keinen anderen rein.

Gibt es da intern manchmal Dispute?

Max Bauer: Sehr selten.

Tobi Bamborschke: Es gibt tatsächlich nie wirklich einen Streit oder Diskussionen. Eigentlich merken wir alle gemeinsam, ob etwas funktioniert oder nicht. Zum Glück sind wir alle nicht so engstirnige, zwanghafte Menschen, die unbedingt ihren eigenen Willen durchkloppen wollen. Wir sind eher dankbar, wenn von den anderen noch was kommt.

Also findet ihr schnell einen gemeinsamen Nenner?

Tobi Bamborschke: Joa, das kann auch mal ein paar Jahre dauern. Aber dann ist das halt so.

Das Interview führte Steffen Jöne; Foto: Noel Richter


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