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SPRINTS – Letter To Self

Rezensiert von on 2024-01-09

       

Letter To Self – Brief an sich selbst – so lautet der Titel unseres ersten Albums der Woche von der irischen Postpunk-Band SPRINTS im neuen Jahr. Zugegeben, viele von euch werden bessere Dinge zu tun haben, als Briefe an sich selbst zu verschicken. Auf den ersten Blick scheint es überhaupt nicht sinnvoll. Wenn man aber einen Moment länger darüber nachdenkt, wird klar: So unsinnig ist das überhaupt nicht. Letztendlich ist ein Brief an sich selbst ja nichts anderes als ein Tagebucheintrag. Man konserviert die eigenen Gedanken, Probleme, Sorgen und Ängste aber auch Freudenseiten des Lebens textlich auf Papier. Dabei befindet man sich konstant in einem ehrlichen, selbstreflexiven und auch autobiografischem Moment wieder. Nichts anderes als ein Brief an sich selbst ist auch das lyrische Songwriting von SPRINTS Frontfrau Karla Chubb. Auf dem Debütalbum der Band SPRINTS nimmt Karla uns mit in ihre innerste Gefühlswelt und lässt uns an ihren Gedanken teilhaben. Dabei scheinen aber auch vor allem Angst, Wut und Hilflosigkeit treibende Motive zu sein, die aber in etwas Positives umgewandelt werden. Eingebettet sind diese Gedanken in feinsten Postpunk der von 80er Jahre Gothic, 90er Jahre Noiserock und modernen Einflüssen bestimmt wird. 

Credit: JP Dougherty

2019 gründete sich die Band SPRINTS um Karla Chubb (Gesang und Songwriting), Colm O’Reilly (Gitarre), Jack Callan (Schlagzeug) und Sam McCann (Bass) nach einem Gig der Band Savage in Dublin. Seitdem folgten mit “Manifesto” (2021) und “Modern Job” (2022) zwei EPs. Letter To Self ist jetzt das heiß erwartete Debütalbum der Band. 11 Tracks warten auf die Hörer*innen, die vor allem durch den prägnanten Songaufbau (sehr ruhig und leise bis hin zur kompletten Eskalation) so wie die lyrisch intime Atmosphäre glänzen. 

Bereits der Opener Ticking gibt einen guten Einblick des Stils. Er startet lediglich mit einem pulsierenden Drumbeat, der ein wenig einem Herzschlag ähnelt, gefolgt von einer monotonen Gitarre. Dazu die mantraartigen Gesangszeilen. “Maybe I Should…” fesseln die Hörer*innen an das Lied. Kurz werden uns sogar die Deutschkenntnisse von Karla, die eine Zeit lang in Deutschland gelebt hat, präsentiert: “Maybe I should pray to Der Retter. Mutter, Vater, Geschwister”. Man merkt, hier braut sich etwas zusammen. Irgendwann kann der Song nicht mehr an sich halten und explodiert. Wird dabei aber wunderbar durch die Stimme von Karla aufgefangen. Der Song zeigt wie es sich anfühlen muss von Angstattacken paralysiert zu sein. Der folgende Track Heavy reiht sich nahtlos in das angefangene Narrativ ein. “Do you ever feel like the room is heavy?” Das Gefühl nachts schlaflos im Bett zu liegen und von der Schwere des Raumes erdrückt zu werden. Mit Sprechgesang startet der Song, ehe er im Refrain eine befreiende Melodie erhält. Cathedral greift ebenfalls ein sehr emotionales Thema auf. Es geht um die katholische Kirche und deren inhärenter Homophobie. Karla, ihre Zeichen selber queer, verarbeitet die Homophobie, derer sie im katholisch geprägten Irland ausgesetzt war. Auch hier staut sich die musikalische Energie auf, bis sie sich schließlich komplett entlädt.Eine kurze musikalische Verschnaufspause gönnt uns der Song Shaking Their Hands. Im Grunde genommen besteht er nur textlich nur aus 3 Zeilen: “It’s been a long day/night/life”.”I’m counting the minutes/days”. “I’m shaking their hands”. Durch diese lyrische Reduziertheit bekommt man das Gefühl der Monotonie des Alltags. Das tägliche Schütteln von Händen irgendwelcher “wichtigen” Menschen, die Minuten zählen, bis man endlich Feierabend hat und das jeden Tag wieder aufs Neue: Atemberaubend beklemmende Alltagsmonotonie.  Der Track Adore Adore Adore schlägt lyrisch dann wieder eine ganz andere Richtung ein. Hier geht es um die Benachteiligung der Frau im Musikbusiness. Rotzfrech schlagen einem Textzeilen wie “They never call me beautiful, they only call me insane” entgegen, begleitet von verzerrten Gitarren, die klingen als wollten sie ein besonderes Statement setzen. 

Einer der Höhepunkte des Albums ist gleichzeitig einer der Tiefpunkte von Sängerin Karla Chubb. Shadow Of A Doubt startet erstmal sehr langsam und die Stimme flüstert leise vor sich hin. Langsam steigert sich der Song, bis  einem die die Gitarren  und emotionale Textzeile “I am lost. Can’t you hear me calling” entgegen schmettern. Dieser Song sticht emotional heraus. Das liegt hauptsächlich daran, dass die Sängerin in diesem Song suizidale Gedanken verarbeitet. Es macht diesen Song auch zum dunkelsten des Albums. Der folgende Track Can’t Get Enough of It geht im Schatten seines emotionalen Vorgängers fast ein wenig unter. Auch er greift die Angststörungsthematik wieder auf, wirkt allerdings lyrisch und musiklisch lange nicht so eindrücklich wie Shadow Of A Doubt. Auf die hellen Seiten des Lebens zieht einen der Track Literary Mind. Es ist ein lebhaft positiv gestimmter Liebessong. Einen großen Aufbau gibt es hier nicht. Hier wird einfach nur, für das gesamte Album fast ungewöhnlich fröhlich, die Liebe zelebriert. Der Song A Wreck (A Mess) greift dann wieder auf eine ungewöhnliche Thematik zurück. Es geht um die kürzlich erhaltene ADHS Diagnose der Sängerin. “I’m a wreck, I’m a mess. Can you please stop the pace” – spannendes kleines Gimmick, dass die Band genau nach dieser Textzeile eine kurze Pause macht. Ein Highlight kurz vor Schluss ist noch einmal der Track Up and Comer. Hier geht es um das Impostersyndrom – das Gefühl nie gut genug zu sein für das was man macht. Auch hier hat der Song wieder einen wunderbaren Aufbau von ruhig zu aufbrausend im Refrain. Musikalisch rückt diese Nummer tatsächlich am ehesten an klassischen Punk, der gerne mit viel geschrabbel und Störgeräuschen arbeitet, heran. Den Abschluss des Albums bietet das Albentitelgebende Stück Letter To Self. Hier schließt sich der Kreis und findet vor allem in der Textzeile “I don’t have to take the path that was carved in front of me” ein positives Fazit, dass man trotz all der Belastungen und negativen Einflüsse eine eigene Entscheidung hat, welchen Weg man geht. 

Insgesamt liefern SPRINTS ein unglaublich emotionales und musikalisch reifes Debütalbum ab. Die Authentizität der Thematiken ist an jeder Stelle zu spüren und der musikalische Aufbau der Songs, meist von sehr zurückgenommenen Stil  bis zur kompletten Emotionsexplosion im Refrain, machen dieses Album schon jetzt zu einem absoluten Hinhörer. Ein großartiger Start in das Musikjahr 2024.


Label: City Slang
Veröffentlicht am: 05.01.2024
Interpret: SPRINTS
Name: Letter To Self
Online: Zur Seite des Interpreten.