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Moebius

22:00 23:59

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Zu hören in Münster 90,9 MHz Steinfurt 103,9 MHz

GUSCH – Donna Savage

Rezensiert von on 9. Juli 2026

       

Rezensiert von Charlotte Klatt und Linda Kurtenbach

In-die-Fresse-Deutschrap ist Männersache. Und wenn man als Frau in die Szene will, dann mit Ellbogen raus und harter Schale. Denn es kann nur eine geben. – Nicht mit Donna Savage. Die österreichische Rapperin zeichnet sich nicht nur durch ihre markante Stimme und harten Punchlines aus, sondern auch durch ihre Solidarität ihren weiblichen Kolleginnen gegenüber. Ihr Debüt-Album GUSCH featured mehrere weibliche Künstlerinnen und einige Songs, die einen persönlicheren Einblick bieten, als man es bisher von Donna gewöhnt ist. Natürlich wird auf den catchy Beats ihres Produzenten Brenk Sinatra auch genauso viel geschossen – aber nur gegen Macker, Abuser und Diskriminierer.


Das Album beginnt direkt mit einem Brett, einer Ansage, die sich durch das gesamte Album zieht: Setzt dich hin, halt die Schnauze und hör zu. Denn der erste Track ist gleichzeitig der Titeltrack des Albums und trägt somit ebenfalls den Namen GUSCH. Das ist ein österreichischer Ausdruck und ist quasi eine sehr derbe Aufforderung, jetzt endlich mal die Klappe zu halten. Mit dieser Ansage legt Donna direkt den Ton des Albums fest: Wiener Schmäh, keine Scheu vor dollen Punchlines, selbstbewusste Positionierung im Rap-Game und eine Abrechnung mit whacken, männlichen Rappern. Auch Brenk’s Beat zeigt hier schon: we’re in for a wild ride.

"Hat jemand ein Paket bestellt? Ich bin hier um abzuliefern."
© Daniel Shaked

Diese Ansage setzt Donna fort auf UPPERCUT, die zweite Single nach GUSCH, die schon vor Album-Release veröffentlicht wurde. In typischer Donna Savage Manier dreht die Rapperin auf diesem Track die typischen Gender-Rollen um mit Lines wie “Hör beim Sex am liebsten Haftbefehl und Hannibal. Was soll ich sagen? Die Bitch ist ein Romantiker.” Besonders unterstrichen wird dieser Rollentausch durch das Feature von Lou Asril, das durch seine smoothen Vocals einen klaren Kontrast zu Donnas Rap-Parts darstellt. Donna dreht hier den Spieß um und lässt sich von einem Mann besingen, wie sich viele ihrer männlichen Vorgänger von Frauen besingen lassen: “Locken lang, ihre Haut Porzellan, doch sie ist kein Engel, wenn du Faxen machst. One in a million girl, jeder will wie du, keiner kann dir was.”

Auf dem sechsten Songs des Albums erhalten wir zum ersten Mal einen genaueren Blick auf Donnas Leben. In STELL DIR VOR verfolgt sie eine Art biographische Erzählung, wie sie den Weg zum Hip-Hop gefunden hat, welche Einflüsse sie geprägt haben und welche Learnings sie aus den letzten Jahren zieht. Vor allem der Shoutout an Rapper-Kolleginnen, die ihr den Weg geebnet haben, ist erfrischend in einer Branche, die allzu gerne versucht, Frauen zu vergleichen und sie gegeneinander aufzubringen. Passend zu den leicht melancholischen Lyrics kreiert Brenks Beat auf diesem Track im Vergleich zu seinen Vorgängern hier einen eher atmosphärischen, lockeren Sound, der ein passenden Fundament für diesen Gedanken des “What If” gibt.

"Ich liebe mein Beruf. Ich muss nichts andres tun, als kleine Leleks anzupissen und das kann ich gut."

STELL DIR VOR bildet gemeinsam mit BADDIES&MOMMIES und CLOWN EMOJI einen entspannteren dreier-Track-Run, auf den mit ZAHLTAG aber direkt wieder ein richtiges Brett folgt. Der Track ist zusätzlich zu seinem harten Beat vollgepackt mit Adlibs und Soundeffekten. Donnas Rap-Parts sind kraftvoll und voller Punchlines und im einprägsamen Refrain gibt es erneut die klare Ansage:

“Hinsetzen, Maul halten.”

Bei dieser Energy bleibt Donna dann auf ihrem nächsten Track FAST ALLE RAPPER. Hier macht Donna Donna-Sachen: Rapper für ihre Whackness outcallen. In der Line “Fast alle Rapper sind ne Bitch.” nutzt sie ganz bewusst die beleidigende Bezeichnung für Frauen in Bezug auf explizit nur männliche Rapper. Dafür holt sich Donna mit Wa22ermann als Feature hochkarätigen female Support aus West-Berlin ran. Und wer könnte uns besser bestätigen, dass alle Rapper ‘ne Bitch sind, als die beiden? Vor zwei Jahren haben sie schon auf dem Track “Dickes Fell” kollaboriert und einen Female-Empowerment-Banger geliefert. Da ist es nur valide nach zwei Jahren die Frage zu stellen, ob Deutschrap sie vermisst habe. Die Antwort ist ganz klar: Ja!

"Manchmal gehen wir essen, ich musste noch nie bezahlen. - Minimum!"

Was beim Album zumindest mal auf den zweiten oder dritten Blick auffallen sollte, ist die Feature-Liste mit namenhaften Wegbegleiter*innen. Im Interview mit dem Radio Sender Radio FM 4 sagt Donna zu der Frage, wie die Features zustande gekommen seien, dass manche Songs einfach nach manchen Leuten verlangt haben. Dass die Feature-Parts sich nicht nur sound- und rap-technisch perfekt ins Album einfügen, sondern Donnas Parts auch textlich komplementieren und den Tracks Tiefe geben, zeigt sich auch besonders schön auf dem elften Song TEMU SUNNIES. Hier steuert die ebenfalls aus Österreich stammende Sängerin verifiziert einen Part bei. Zwischen den Gesangsparts von verifiziert, die einen lockeren 2000er Cloud-Pop-Vibe geben, und Donnas bestimmend desillusionierenden Rap-Parts entfaltet sich ein Gespräch unter Freund*innen, das vielleicht der eine oder die andere kennt. Wenn performative Macker unseren Friends mal wieder die rosarote (Temu) Brille aufsetzen und wir sie dann zurück in die Realität holen und an das bare minimum erinnern müssen.

"Während du verleugnest, dass ich deine Tochter bin, war Mama immer stolz auf ihren Wirbelwind."

Beendet wird das Album durch den wohl ruhigsten, kürzesten und vor allem persönlichsten Track TOCHTER MEINER MUTTER. In diesem richtet sich Donna an ihren abwesenden Vater. Doch sie hat längst realisiert, dass es nichts bringt, ihn nach mehr Liebe zu bitten. Stattdessen betont sie, dass sie durch ihre Vergangenheit zu der Frau geworden ist, die sie heute ist. Sie bedankt sich – nicht bei ihm – dass seine Tochter in ihrem Leben ist und vor allem lobt sie ihre Mutter, die immer für sie da war und sogar Verständnis für die Abwesenheit des Vaters zeigte. So beendet sie das Album mit den Worten “Was ich gelernt hab ist: Nichts kriegt mich unter. Ich bin die Tochter meiner Mutter.”


GUSCH zeichnet sich durch seine Kontinuität zu Donnas Stil und ihren vorherigen Tracks aus. Immer wieder finden sich kleine Referenzen zu ihrer musikalischen “Vergangenheit”. So rappt sie auf dem Song BENGALO, auf dem die Rapperin OG Lu als Feature auftritt: “Mache alles possible, doch ich bin keine Kimberly” – eine Referenz auf ihre Single “Kim Possible”. Donna zeigt zwar definitiv auch neue Facetten, vor allem auf den persönlicheren Tracks, aber alles in allem fühlt sich das Album als Gesamtkunstwerk wie der konsequente Superlativ ihrer unverkennbaren Handschrift und Technik an: flexible Flows, bestimmende Punchlines und klare Ansagen, dass sie die Beste im Game ist.

Donna Savage und Brenk Sinatra schaffen es, die verschiedenen Sounds, Ideen und Erzählungen vom Album zu einem kohärenten Debütalbum zusammen zu stricken. Es verliert zwar im letzten Drittel ein wenig an Drive, glänzt aber dafür in den richtig starken Momenten, die definitiv überwiegen. Man hört die Liebe zur Musik und zum Detail der beiden und man sieht sie auch, wenn man sich das Ganze drumherum anschaut. Sei es an den Visuals auf Social Media, in den Merch Designs (wie nice ist bitte das Geschirrhandtuch als Merch mit dem Aufdruck Sa-Wasch?!?) oder in der Gestaltung des Album Covers.
In einem Interview mit dem Radio-Sender FM4 erzählt sie, dass das Cover komplett per Hand gemacht wurde. Gemeinsam mit einer Freundin hat sie um die 350 Fotos von sich ausgeschnitten und zusammengesetzt. Auch die Buchstaben hat sie selbst zusammengebastelt und fotografiert. Hierbei hat jeder Buchstabe eine besondere Bedeutung für sie. Das G besteht aus Kappen von Spray-Dosen, das U ist ihre Schmuck-Zange, das S besteht aus eben diesem Schmuck und ihren Kopfhörern, das C aus Feuerzeugen von ihrem Lieblingsort und das H aus den Pinseln, mit denen sie ihre Masterarbeit gestaltet hat.
Kohärent mit dem Cover finden sich auch über das Album verteilt immer mal wieder Rap- oder Pop-Kultur Versatzstücke, die es zu entdecken gibt. Vor allem die Shoutouts an weibliche Vorgängerinnen im Genre wie Tic Tac Toe, Schwester Ewa oder Kitty Kat fallen auf. Aber auch textliche Referenzen auf Rap-Größen wie zum Beispiel SSIO “Ich rotz auf den Takt, doch die Tracks klingen krasser, als 90 Prozent von all den Rappern und Mackern” oder auf aktuelle Rapperinnen wie Zsa Zsa “Kein Boot, doch 10 Bad Bunnies aufm’ Rücksitz” machen Spaß beim Hören. Nur eine Donna Savage darf (auf ironisch?!) den “Ohne-dich-ist-alles-doof”-Claim der bekannten sheepworld-Kampagne nutzen, um klar zu machen, dass ohne sie tatsächlich (fast) alles doof im Hip-Hop-Game wäre.

© Daniel Shaked

Fazit: Drückt den schlechten Rappern und den Mackern in eurem Leben häufiger mal ein “GUSCH” in die Fresse! Und hört mehr Donna Savage.


Label: Wave Planet Records
Veröffentlicht am: 03.07.2026
Interpret: Donna Savage & Brenk Sinatra
Name: GUSCH