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“Es ist nicht schwer, kein Arschloch zu sein” – Max Helyer von You Me At Six im Interview

Geschrieben von am 30. März 2023

Am 27. Februar hat die britische Band You Me At Six auf der Tour zu ihrem neuen Album ein Konzert im Skaters Palace in Münster gegeben. Obwohl die Band von sich behauptet, nicht politisch zu sein, hat Gitarrist Max Helyer im Interview mit Radio Q-Musikredakteurin Sontje Mölders neben einer gehörigen Portion Musiktalk auch über Sexismus und Rassismus auf großen Bühnen gesprochen.

You Me At Sixs aktuelles Album Truth Decay

Q: Ihr habt am 10. Februar euer neues Album Truth Decay veröffentlicht und als Referenz für den Sound eure eigene, ältere Musik genannt. Was hat euch in diese Richtung bewegt?

Max: Dass wir über frühere Alben wie Hold Me Down, Sinners Never Sleep, Take Off Your Colors gesprochen haben, kam daher, dass wir ihr zehnjähriges Jubiläum gefeiert haben. Ich denke, als wir zurückgingen und sie in ihrer Gesamtheit spielten, kam ein Teil dieser DNA irgendwie wieder zu uns zurück. Wohingegen Platten wie Night People, Six und SUCKAPUNCH eher experimentell waren. Darauf haben wir verschiedene Dinge gemacht, um uns in unserer Musik herauszufordern, sie so weit wie möglich voranzutreiben und etwas Neues auszuprobieren. Jetzt sind wir zwar irgendwie rückwärts gegangen, es fühlt sich aber an, als würden wir vorwärts gehen. Als wir das erste Mal darüber sprachen, was wir mit diesem Album machen wollen, sagte Josh: “Wir haben ein paar Platten gemacht, auf denen wir experimentiert haben, aber welche Band sind wir?” Für uns waren wir dafür bekannt, Pop-Rock-Emo-Musik zu machen. Wir haben uns daher irgendwie darauf konzentriert, dieses Album aus unserem jetzigen Leben heraus aufzunehmen.

Jetzt sind wir zwar irgendwie rückwärts gegangen, es fühlt sich aber an, als würden wir vorwärts gehen.

Max Helyer

Q: Ihr habt auch in früheren Interviews erwähnt, dass ihr DIE Emo-Band in Großbritannien sein wollt. Was war denn der erste Impuls, sich mit Alben wie beispielsweise Night People und Six vom klassischen Emo-Sound wegzubewegen?

Max: Nach Cavalier Youth waren wir an einem Punkt angelangt, an dem wir viel Erfolg hatten.. Wir hatten ein Nummer-Eins-Album, unsere Shows wurden international immer größer. Aber ich glaube, damit es langfristig Spaß macht und aufregend bleibt, muss man Veränderungen einbringen. Der Musikgeschmack verändert sich, wenn man älter wird. Ich höre zum Beispiel nicht die gleiche Musik, die ich gehört habe, als ich 16 war und in der Band anfing. Man hat also neue Inspiration und fordert sich damit als Musiker heraus.

Q: War es schwierig, sich als Band in die gleiche Richtung zu entwickeln? Privat habt ihr ja einen sehr unterschiedlichen Musikgeschmack.

Max: Ja, aber ich denke, das ist das Aufregende. Wir alle in You Me At Six hören unterschiedliche Musik, aber es ist genau an diesem Sweetspot, an dem wir alle unsere Inspirationen teilen können. Es gibt immer einige großartige Dinge an Musik, die man auf seine eigene Art auszulegen versucht. Ich werde nie wieder derselbe Gitarrist sein wie vor 15 Jahren, weil ich mittlerweile deutlich mehr gespielt und schon viel mehr Songs geschrieben habe. Aber ich bin auch freier. Ich habe viel mehr an meinem Instrument gelernt und versucht, das umzusetzen und mich zu fragen: “Wie spiele ich anders?” Bei einer Platte wie Night People zum Beispiel. Ich habe auf dem Album ein bisschen mehr Leadgitarre gespielt, vielleicht mehr als auf jedem anderen unserer Alben, weil ich das aufregend fand. Es war eine Herausforderung für mich und hat die anderen vielleicht auch zum Schreiben der Akkorde und zur Schaffung von Ambiente und Atmosphäre gebracht. Ich habe nur versucht, dem Ganzen die Kirsche aufzusetzen. Das war das Schöne beim Machen von Truth Decay, weil man all diese frühen Einflüsse mit einbezogen hat. Man kann einen großartigen Song mit vier Akkorden schreiben, das sollte man nicht zerdenken. Sieh dir Harry Styles – As It Was an. Es ist die gleiche Akkordfolge während des gesamten Songs. Das hat glaube ich zu der Mentalität unseres Albums beigetragen. Man hat jetzt all diese verschiedenen Fähigkeiten und Spielweisen, aber schreib erstmal einen großartigen Song und füge danach das Sahnehäubchen hinzu. Es war einfach toll, zurück zu den Wurzeln der Band zu gehen. In einem Raum Gitarren spielen, eine coole Gesangsmelodie schaffen und von da aus weiter arbeiten.

Q: Auf Truth Decay gibt es auch zwei Songs, die ihr mit anderen Künstler*innen aufgenommen habt. Das letzte Lied, A Love Letter to Those Who Feel Lost, ist ein Feature mit der Sängerin Cody Frost, die in der fünften Staffel von The Voice UK dabei war. Ich persönlich finde es immer sehr erfrischend, bei Emo-Musik weibliche Stimmen zu hören. Es ist aktuell ja noch ein ziemlich von Männern dominiertes Genre. Wieso eigentlich?

Max: Ich würde nicht sagen, dass es einen Mangel gibt. Ich denke, es gibt derzeit viele großartige Talente auf der Welt. Man muss einfach hinschauen. Josh beschloss, einen Tweet zu veröffentlichen: „Wir sprechen über Features, wen möchtet ihr auf dieser Platte haben?“ Da sagten viele Leute Cody Frost, und ich konnte für sie bürgen, weil ich vorher in einer Session mit ihr gearbeitet hatte. Sie hat einen einzigartigen Stil und für mich war Stil einfach alles. Für den Song A Love Letter to Those Who Feel Lost fühlte es sich an, als würde er zu ihrer Spukhaftigkeit passen. Aber wenn sie es nicht ist, kommt Cassyette aus Großbritannien gerade ganz groß raus. Es gibt dort dieses Mädchen namens Lozeak, mit der ich letztens auch zusammenarbeitete. Es kommen jetzt mehr Frauen durch, weil das Selbstvertrauen da ist. Wir bauen in der Musikbranche auf der ganzen Welt auf Frauen. Charlie XCX und Florence + the Machine sind tolle Künstler*innen mit Frontfrau, die als Flaggenträgerinnen für andere vorausgehen, aber sie werden nicht für Auszeichnungen nominiert. Hört nicht auf solche Sachen. Macht einfach weiter auf eurer Reise und arbeitet weiter an euch selbst, denn ihr werdet den Durchbruch schaffen.

Wir bauen in der Musikbranche auf der ganzen Welt auf Frauen.

Max Helyer

Q: Bei einem anderen Song auf dem Album, No Future? Yeah Right, habt ihr aber auch noch ein Feature mit Rou Reynolds von Enter Shikari. Was hat euch dazu inspiriert, mit ihm zusammenzuarbeiten?

Max: Wir kennen Enter Shikari schon sehr, sehr lange. Wir haben uns in der MySpace-Zeit gegründet, da waren wir mit 15, 16 Jahren zuerst als You Me At Six präsent, und Enter Shikari auch. Wir sind uns auf Festivals immer über den Weg gelaufen, wir haben uns immer sehr gut verstanden. Aber wir haben nie wirklich über diese Zusammenarbeit nachgedacht, bis dieser Song entstanden ist. Als wir das Album aufgenommen haben, drehte sich Josh um: „Ich denke, das wäre perfekt für Rou. Er hat diese Energie.“ Der lyrische Inhalt, über den Josh spricht, ist diese starke Fuck You-Mentalität, Shikari und Rou waren schon immer fantastisch darin, wem-auch-immer den Mittelfinger zu zeigen. Wir wollten, dass Rou etwas von seinem Produktionsstil, den wir richtig gern mögen, in den Mitte-Ende-Bereich einbringt, denn Shikari hat einen bestimmten Sound. Er hat uns einen einzigen Schnitt zurückgeschickt, weil er zu diesem Zeitpunkt auch mit Shikari das Album aufnahm. Denn fanden wir direkt perfekt, und mit Cody war es das gleiche. Sie war nur für drei oder vier Stunden im Studio.  Es war so einfach, nicht gedrängt oder angestrengt. Dann funktionieren Kollaborationen am besten. Es fühlte sich einfach mühelos an.

Ich finde, das ist das Schöne an Songs, sie sind nie tot.

Max Helyer

Q: No Future? Yeah Right, wurde vor dem Albumsrelease auch als Single veröffentlicht. Wenn ihr Musik schreibt, betrachtet ihr Songs als alleinstehende Single oder denkt ihr bereits über das Album nach und welche Rolle der Song auf dem Album spielen wird?

Max: Ja und nein. Manchmal versuche ich persönlich, nicht zu viel nachzudenken, weil ich glaube, dass das das Urteilsvermögen im natürlichen Schreibfluss trüben kann. Über einen Song wie No Future habe ich nicht wirklich nachgedacht. Es war ein Sample, das ich online gefunden habe. Das habe ich zerkleinert und zu einer neuen Melodie zusammengefügt, die ich wirklich cool fand, aber die direkt eine Energie wie SUCKAPUNCH hatte. Wenn man sich einige ältere Künstler ansieht, so wie Linkin Park, die großen Rockbands, auch Biffy Clyro oder Architects, die haben Momente, in denen man einfach auf und ab springt. Also wollte ich meine eigene Version davon machen. Das hat wirklich Spaß gemacht. Für mich kommt es bei Songs darauf an, wie es sich im Laufe der Zeit entwickelt. Beim Schreiben denkt man nicht, ob es ein guter Song. Wenn wir fertig sind, schauen wir uns an, wie alles andere rein passt. Ob der Song auffällt und ob er auf dieses Album passt. Vielleicht tut er das nicht. Zum Beispiel A Smile To Make You Weak(er) At The Knees wurde eigentlich geschrieben, als wir 2013 für Cavalier Youth schrieben, aber er hat es aufs Album nicht geschafft. Ich finde, das ist das Schöne an Songs, wenn sie einmal geschrieben sind. Sie können richtig sein, sie können falsch sein, sie können verwendet werden, sie werden vielleicht aber auch nicht benutzt, aber sie sind nie tot. Songs sind niemals tot.  Diese Platte spiegelt die komplette Vielfalt von You Me At Six wider. Alles, was You Me At Six gemacht hat, findet man auf diesem Album wieder. Acht Alben in einem.

Alles, was You Me At Six gemacht hat, findet man auf diesem Album wieder. Acht Alben in einem.

Max Helyer

Q: Durch Marketingideen für eure Musik vertretet ihr oft auch andere Themen, die euch am Herzen liegen. Eins davon ist mentale Gesundheit. Zum Beispiel habt ihr den Blue Monday, den angeblich traurigsten Tag des Jahres, zum You-Monday umbenannt, den ihr den Dingen gewidmet habt, die einen glücklich machen. Auf eurem neuen Album sprecht ihr auch in Mixed Emotions (I didn’t know how to tell you what I was going through) über mentale Gesundheit. Dabei liegt ein besonderer Fokus auf der mentalen Gesundheit von Männern und darauf, wie sie aufgrund von toxischer Männlichkeit immer noch extrem stigmatisiert wird. Gibt es etwas, das du persönlich gegen toxische Männlichkeit in dir selbst tust? Wie hast du selbst angefangen, dagegen zu arbeiten?

Max: Ich selbst bin ein ziemlich emotionaler Mensch und ich verkörpere das auch. Ich bin glücklich in meiner eigenen Haut. Wenn ich glücklich bin, bin ich glücklich, und wenn ich traurig bin, bin ich  traurig. Aber ich habe keine Angst davor, darüber zu sprechen, weil ich immer gelernt habe, dass geteiltes Leid ein halbes Leid ist. Je mehr man mit Menschen spricht, sich öffnet und Verwundbarkeit zeigt, kann das eigentlich auch mit Wachstum und Weiterentwicklung im Leben gleichgesetzt werden. Ich denke, dass Männer sich oft sehr ungern öffnen oder sogar weinen und ihre Geschichten über ihr Leben erzählen. Dabei sollten sie genau das tun. Wenn du diese Erfahrungen teilst und die Geschichten anderer Leute hörst, kannst du dich vielleicht sofort identifizieren und denkst vielleicht: “Oh, okay, cool. Wie bist du darüber hinweggekommen? Was hast du getan, um das zu überwinden?” Für mich ist das Zeit, deshalb habe ich gesagt, dass sie so eine schöne Sache ist. Zeit hat mir auf jeden Fall weitergeholfen. Aber ich habe auch das große Glück, Leute zu haben, mit denen ich meine Erfahrungen teilen konnte und die ihr Wissen mit mir teilen. Daraus kann ich dann mein eigenes Urteil über etwas fällen.

Ich denke, dass Männer sich oft sehr ungern öffnen oder sogar weinen und ihre Geschichten über ihr Leben erzählen. Dabei sollten sie genau das tun.

Max Helyer

Q: Ihr habt schon einmal gesagt, dass ihr keine politische Band seid. Dennoch bringt ihr immer wieder Aktionen, bei denen ihr euch für eine Sache stark macht, die euch wichtig ist. Ihr habt zum Beispiel auch eine Single veröffentlicht, Our House (The Mess We Made), über die Klimakrise und habt den gesamten Gewinn gespendet. Das Lied soll den von den Waldbränden in Australien Betroffenen helfen. Als Promo für euer vorheriges Album, Six, habt ihr außerdem mit einem veganen Fastfood-Unternehmen zusammengearbeitet und ein Pop-up-Restaurant eröffnet. Wie haltet ihr da ein gesundes Gleichgewicht zwischen euren persönlichen Haltungen und dem, wofür ihr als Band steht?

Max: Kommunikation. Wir sprechen darüber. Wir sind als Künstler in einer Position, in der Leute zu uns aufschauen. Wir haben gute und offene Kommunikation innerhalb unserer Band und wir wissen, dass unsere Musik für uns alle eine Art Befreiung ist. Sie sollte nicht als negatives Zeichen benutzt werden. Wir versuchen, Leuten den Weg zu weisen, auf eine entspannte Art, die nicht zu stark ist. Jeder darf sein eigenes Urteil haben. Wir haben natürlich unsere Meinungen, wie wir die Welt betrachten. Vielleicht stimmt dem nicht jeder zu. Wenn man es aber so macht, dass es den Fans nicht aufgezwungen wird, sondern einfach als wäre es eine wirklich natürliche Sache, bringt das denke ich mehr. Denn letztendlich hat jeder das Recht zu entscheiden, was man für richtig und was für falsch hält. Es gibt Fakten, die sich die Leute ansehen können. Es ist kein Kampf, wer der Beste und Klügste ist.

Wir haben gute und offene Kommunikation innerhalb unserer Band und wir wissen, dass unsere Musik für uns alle eine Art Befreiung ist. Sie sollte nicht als negatives Zeichen benutzt werden.

Max Helyer
Foto: Brigitte Lieb

Es ist eine Schande für eine Band wie Pantera, weil sie eine sehr einflussreiche Heavy-Metal-Band waren, die viele andere Musiker dazu inspirierte, diesen Sound zu machen. Wenn dann sowas passiert, dann hat man das Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein.

Max Helyer

Q: Rock am Ring, wo ihr letztes Jahr auch auf der Mainstage gespielt habt, wurde kürzlich kritisiert, weil sie Pantera eingeladen hatten. Eine Band, die auf der Bühne extrem rassistisches Verhalten gezeigt hat. Ihr Sänger hatte bei Konzerten auf der Bühne beispielsweise den Hitlergruß gemacht und “White Power” gerufen. Infolgedessen wurde die Band wieder ausgeladen und ist jetzt nicht mehr Teil des Line-Ups. Habt ihr manchmal Angst davor, von so etwas betroffen zu werden? Und was denkst du generell darüber, Künstler und Kunst getrennt zu betrachten?

Max: Das ist einfach nur purer Hass. Wir sind alle nur aus Fleisch und Blut, nichts unterscheidet uns voneinander. Wir sind alle Menschen, die auf demselben Planeten leben. Da gibt es für mich keine Hierarchie, daher stimme ich Pantera nicht zu. Man muss einfach sehr vorsichtig sein, was man sagt oder gar predigt. Es ist eine Schande für eine Band wie Pantera, weil sie eine sehr einflussreiche Heavy-Metal-Band waren, die viele andere Musiker dazu inspirierte, diesen Sound zu machen. Wenn dann sowas passiert, dann hat man das Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein. Es sollte 2023 nicht passieren, dass wir immer noch hier sitzen und Gespräche über Rassismus führen. Das passiert ja nicht nur in der Musik, es ist überall auf der Welt. Dieser Planet könnte morgen untergehen. Es könnte verdammt noch mal enden. Jemand könnte einfach eine Bombe abwerfen, wir könnten von einem Asteroiden getroffen werden. Das könnte passieren, und das war es dann. Es ist so einfach, miteinander auszukommen. Es ist einfach. Es ist nicht schwer, kein Arschloch zu sein.

Es ist so einfach, miteinander auszukommen. Es ist einfach. Es ist nicht schwer, kein Arschloch zu sein.

Max Helyer
Foto: Brigitte Lieb

Q: Zu guter Letzt habe ich jetzt noch eine etwas leichtere Frage. Bei Radio Q haben wir die Kategorie “Album für die Insel”. Wenn du ein Album aussuchen müsstest, um es mit auf eine einsame Insel zu nehmen, welches wäre es?

Max: John Mayer – Continuum. Es ist einfach ein Album, das alle Gefühle in mir wecken kann. Als Gitarrist ist John Mayer jemand, zu dem ich schon sehr lange aufschaue. Er hat Songs gemacht, zu denen ich feiern kann, aber auch zu denen ich einschlafen kann. Es gibt mir einfach ein bisschen von allem, was ich an Musik mag.