Verpflichtendes Soziales Jahr für junge Menschen?!

Geschrieben von am 2022-07-01

Ein Kommentar von Luisa Eick

Zweieinhalb Jahre Corona Pandemie, eine ungelöste Klimakrise und jetzt auch noch ein verpflichtendes soziales Jahr?! 

Viele junge Menschen in Deutschland fühlen sich von der aktuellen von Bundespräsident Steinmeier Debatte rund um ein verpflichtendes soziales Jahr vor den Kopf gestoßen. Junge Menschen sollten demnach zeitweise in einer sozialen Einrichtung, wie einem Seniorenheim, einer Behinderteneinrichtung oder einer Obdachlosenunterkunft arbeiten. Doch wie stehen Studierende aus Münster zu dem Thema? 

Es gibt verschiedene Argumente, die die Forderung Steinmeiers unterstützen und das soziale Pflichtjahr befürworten. „Man kommt raus aus der eigenen Blase, trifft ganz andere Menschen, hilft Bürger*innen in Notlagen. Das baut Vorurteile ab und stärkt den Gemeinsinn“ erklärt Steinmeier der Bild am Sonntag. Eine solche Pflicht kann das soziale Miteinander, die Demokratie und den Zusammenhalt in der Gesellschaft stärken. Außerdem kann die Solidarität zwischen unterschiedlichen Generationen und sozialen Gruppen gestärkt werden. Junge Menschen haben durch einen sozialen Dienst die Möglichkeit neue Kontakte zu knüpfen und die eigene Perspektive zu wechseln. Jule und Julia befinden sich aktuell in der Ausbildung zur Kinderkrankenschwester. Jule meint: “Das verpflichtende soziale Jahr ist eine gute Idee, um in soziale Berufe reinzuschnuppern und Erfahrungen zu sammeln”. 

Dieses Thema wurde jedoch keinesfalls einseitig diskutiert. Mit der Zeit wurden laute Stimmen deutlich, die sich gegen einen sozialen Pflichtdienst positionieren. Die Probleme, die aktuell in sozialen Berufen allgegenwärtig sind, können nicht durch den verpflichtenden Sozialdienst gelöst werden. Die Studentin Lisa behauptet dazu: “Die Wiedereinführung eines verpflichtenden Sozialdienstes löst überhaupt nicht das eigentliche Problem – nämlich dass es einen großen Fachkräftemangel im sozialen Bereich gibt”.  Schulabsolvent*innen sollten nicht die Lückenfüller in der Pflegebranche sein. Viel mehr sollten soziale Berufe insgesamt aufgewertet werden, durch bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen sowie mehr Anerkennung. Sollten sich die Arbeitsbedingungen in sozialen Berufen nicht verbessern, so kann ein sozialer Pflichtdienst auch unerwünschte Folgen haben. Die Studentin Miriam befürchtet: “ein verpflichtender Sozialdienst könnte junge Menschen abschrecken in soziale Berufe einzusteigen, wenn sie sehen, wie schlecht die Arbeitsbedingungen, beispielsweise in der Pflege, eigentlich sind”. 

Besonders der Zwang wird kritisch diskutiert. Die Freiheit der jungen Menschen ist ein hohes Gut und würde durch einen sozialen Pflichtdienst massiv eingeschränkt werden. Nach dem Schulabschluss sollten diese die Möglichkeit haben, eigene Interessen und Kompetenzen zu entdecken. Dabei ist es völlig in Ordnung, wenn nicht jede*r sich für einen sozialen Beruf begeistern kann. Außerdem deuten verschiedene Kritiker*innen des verpflichtenden sozialen Jahres darauf hin, dass eine Vielzahl junger Erwachsener bereits freiwillig ein soziales Jahr absolviert. Im Jahr 2021 waren es sogar über 50.000 Jugendliche.

Außerdem sei Zwang nicht der richtige Weg. Zunächst ist es wichtig, dass alle Interessierten überhaupt die Möglichkeit haben, ein Freiwilliges Soziales Jahr zu absolvieren. Außerdem sollten junge Menschen überzeugt und unterstützt werden, sich sozial zu engagieren, zum Beispiel durch eine höhere Bezahlung oder einen Bonus für den Zugang zur Ausbildung oder dem Studium. Auch Familien, Schulen, Politik und Medien sollten die Bedeutung von Solidarität, Gerechtigkeit und sozialen Ausgleich thematisieren.

Die Forderung nach dem sozialen Pflichtjahr suggeriert, dass junge Menschen unsozial seien. Jedoch haben letztere bereits in der Corona-Pandemie viel Solidarität gegenüber Älteren gezeigt und stehen mit der Klimakrise und der älter werdenden Bevölkerung einigen enormen Herausforderungen entgegen.

Vielleicht sollte man vor diesem Hintergrund eher die Idee eines verpflichtenden sozialen Jahres für Rentner*innen in den Raum werfen – oder vielleicht doch für Männer, die man ja selten in sozialen Berufen vorfindet. Oder aber, wir lassen das Ganze und versuchen politische Maßnahmen zu ergreifen, die sozialen Berufen die Anerkennung und Bezahlung einräumen, die sie verdienen. 


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