Splash! Red Weekend 2022 – Nachbericht

Geschrieben von am 2022-07-26

Cyphers, Doubletime, Autotune, Playback und mittendrin – wie gefühlt jedes Jahr – A$AP Rocky. Das Ferropolis hat gerufen und Radio Q war vor Ort. Drei Tage voll mit feinstem HipHop, Rap und Underground hatte das Red Weekend des Splash! zu bieten. Selbst wer sich in der Szene nicht auskennt, konnte dem vollgepackten LineUp ein paar Goldstücke entnehmen. In der einzigartigen Kulisse kamen die knapp 30.000 feierwütigen Besucher*innen voll auf ihre Kosten – und so haben wir die Halbinsel der guten Musik am Sonntagmorgen nach vier Tagen mit Schlafentzug, Ameisen im Auto und jeder Menge Pfand hinter uns gelassen.

Das Ferropolis. Eine Halbinsel im ländlichsten Raum Sachsen-Anhalts. Hinter Magdeburg, Köthen und Dessau. Man fährt gefühlt stundenlang durch die winzigsten Dörfer, die allesamt wie verlassene Filmkulissen wirken und nicht mehr als 100 Bewohner*innen haben. Ein letztes Stoppschild, die letzten Kühe und noch ein letztes Feld mit Hopfen. Und auf einmal, wie aus dem nichts, Kennzeichen aus ganz Europa, Großevent-Hinweisschilder, Menschenmassen und riesige Metall-Kräne am Horizont. Nach kurzen Startschwierigkeiten bei der Suche des Check-Ins – es ist wirklich komisch ausgeschildert, das lag nicht an uns – konnten wir es uns entspannt auf dem Campingplatz direkt neben unserem Auto gemütlich machen. Das Zelt ist zwar morgens erst gekauft worden, aber Nachmittags war sein Jungfern-Aufbau schon in vollem Gange. Kurzes Brainstorming, ob wir direkt das Festivalgelände unsicher machen oder erst in Ruhe aufbauen und essen – und selbstverständlich wurde danach der Campingkocher ausgepackt.

Der physische Hunger wurde nach dem ersten glamourösen Camping-Mahl (YumYum-Nudeln, Geschmacksrichtung Chili – aber mit kochendem Wasser und nicht trocken, ihr Freaks) von einem unglaublichen Musik-Hunger abgelöst. Also: Aufnahmegeräte & Bauchtasche eingepackt und ab in den Festival-Shuttle. Beim Aussteigen werden wir direkt eingehüllt von Biergeruch, bunten Lichtern und einem riesigen, imposanten Gelände. Da können einem selbst Biergeruch und ewig lange Schlangen vor den Frauenklos nicht die Laune verderben. Der erste Act, den wir sehen, ist BHZ. Während wir also langsam über das Geländer flanieren und der Mainstage näherkommen, heizt der Song “Flasche Luft” der davor zappelnden Crowd in den Moshpits ein. Bevor wir uns selbst in die Menge stürzen, quatschen wir mit der jungen Rapperin Rote Mütze Raphi  – behelfsmäßig auf dem Crew-Parking, weil alles sonst voll ist, aber immerhin konnten wir mit ihr ‘ne halbe Stunde lang über die Rap-Szene, ihre Karriere und Selbstliebe quatschen.

Das Auschecken der Location mitsamt der sechs Bühnen wird abgelöst vom Auschecken der besten Sitzplätze, damit die Mainstage-Acts abends genossen werden können. Eins musste ich nämlich leider mal wieder feststellen – HipHop-Crowds sind erbarmungslos. Nächstes Mal also wieder zweimal überlegen, obs ganz nach vorne geht. Keine zehn Minuten später stehen wir aber – natürlich doch wieder in der ersten Reihe – bei meinem absoluten Tages-Highlight: Paula Hartmann. Ihre wunderschönen, lebensnahen Märchen-Geschichten tönen anmutig über den See und die Menschen vor der Splash! Beach-Stage grölen aus voller Seele mit – während Paula Himbeertoni (selbstgemachter Himbeer-Schnaps) verteilt, taucht sich der Himmel in schönstes rot, pink und orange.

Paula Hartmann – Splash! Festival 2022 – @ARTE Concert

Sobald der Rausch vorbei ist schlendern wir wieder über das Gelände, das mittlerweile durch das Dämmerlicht und die Festivalbeleuchtung in immer buntere Farben getaucht wird und wie mit einem Filter versehen ist. Wir bringen schnell die Aufnahme-Sachen zurück auf den Campingplatz und kommen dann zu Skepta wieder aufs Gelände, der gerade auf der Mainstage spielt. Nebenbei spielt Yung Lean am Splash! Beach und Luvre47, der früher am Abend schon mit Paula auf der Bühne stand, und heizt dem Playground ein. Die Meile mit den Essensständen ist voll mit hungrigen und alkoholisierten jungen Menschen, die sich über 10€-Döner freuen wie über das Klausur bestehen im letzten Versuch. Die Fritz Kola Stage hat zum Rave auf dem Dach des Standes geladen und im Arte Concert Bus werden Newsletter-Abonnements gegen Bucket-Hats und Bauchtaschen getauscht. Die Spannung auf dem ganzen Gelände steigt. Der staubige Boden wirbelt Sand und Gemüter auf und die (wirklich geile) Spotify Surprise Show mit 01099 geht an den Meisten vorbei. Das, was in der Luft hängt, ist definierbar undefinierbar. Alle wissen, hoffen, freuen sich auf das, was da noch kommt. Wer Rihanna und sein Kind im Gegenzug für uns kurz mal hinter sich lässt. Die Lichtshows kündigen es an und die zur Mainstage strömenden Menschenmassen besiegeln den Abend. “Always strive and prosper“ ist der Vibe des Abends und auf der Stage wird es erst laut, dann leise und dunkel. Und dann kommt ein energiegeladener, brüllender, mit Grillz geschmückter A$AP Rocky auf die Bühne gesprungen und liefert eine extravagante erste Headliner-Mainstage-Show ab.

Das große Feuerwerk am Ende krieg ich leider nur so halb mit, weil mich meine Migräne von jetzt auf gleich quasi umgehauen hat. Nach so einem tollen ersten Tag darf das aber auch mal passieren, deshalb gabs anstatt Atzen-Shuttle (wie wir den Festivalbus für die Allgemeinheit getauft haben) einfach mal nen Spaziergang zum Campinggelände. Die halbe Stunde frische Luft auf dem Rückweg und die kühle, klare Nacht haben die Nacht dann aber doch sehr angenehm gemacht – es gab also genug Zeit für Erholung nach dem ersten Tag.

Der zweite Tag war genauso aufregend und hat mit bewölktem Wetter langes ausschlafen möglich gemacht. Da auch der Rest des Camps erst gegen Mittag erwacht, konnten wir mit der ersten Mütze voll Schlaf und einem Frühstück vom REWE in Gräfenhainichen überraschend ausgeruht mit der Tagesplanung starten. Das Line-Up hebt die Spannung – angefangen mit futurebae, die um 16 Uhr den Backyard eröffnet und die wir später noch im Artist Valley auf ein Interview treffen werden.

Männer lol

Ansonsten freitags mit von der Partie sind zum Beispiel Underground-Rapper T-Low, LGoony, Pashanim (der uns in die ersten Moshpits des Tages entführt, aus denen ich keine zehn Minuten später voll Staub und mit zertrampelten Füßen wieder entfliehte), Badmómzjay oder auch Luciano. Wer also sowohl Modus Mio als auch Deutschrap Underground feiert, für den war der Freitag wohl ein voller Erfolg. Für mich waren die Highlights vor allem 01099 – die ich damit schon zum dritten Mal gesehen habe, es wird einfach nie langweilig – und selbstverständlich Roddy Ricch als Headliner des Tages auf der Mainstage. An dieser Stelle muss ein persönliches Plädoyer für Roddy folgen. Als US-Rapper mit einer Band auf die Bühne zu kommen, DAS deutsche Rap-Festival zu headlinen und dann auch noch musikalisch die Bandmitglieder zu Ohr kommen zu lassen habe ich so noch nicht erlebt – und ich liebe alles daran. Musiker*innen-Impro und verjazzte Rap-Passagen möchte ich ab jetzt nur noch hören!

Roddy Ricch – Splash! Festival 2022 – @ARTE Concert

Der dritte Tag wird deutlich früher begonnen als die letzten beiden. Um 8 Uhr ist es schon so warm, dass es niemanden mehr ernsthaft im Zelt hält. Also wird gelesen, die Box angeworfen, zu den Duschkabinen auf dem Campingplatz gelaufen und wieder Frühstück in Gräfenhainichen geholt. Purer Luxus mit dem Auto morgens auf nem Festival frische Brötchen holen zu können, den ich nicht mehr missen möchte, wenn ich ganz ehrlich zu mir bin. Weiter gehts aber mit dem letzten Festival-Tag. Das Line-Up auch hier wieder wunderbar. Vorfreudig gehts mit dem Shuttle rüber zu Tom Hengst. Um 16 Uhr stehen wir schon schweißgebadet im Backyard und schwimmen zu Ohne Verträge durch die moshende Menge. “New Wave”-Gesicht Dilla nimmt uns danach mit ihrer bunten Mischung aus Pop, HipHop, Funk und Techno mit in ihre Welt – in der sie nach dem Credo “Nimm das Leben nicht zu ernst, gib alles für deine Leute, gib alles für deine Leidenschaft, dann klingt alles besser!” lebt. Auch am letzten Tag gibt es wieder jede Menge Rap, aus allen Sparten und vor allem viel deutsch. Megaloh, Kojaque, Haiyti, Slowthai, Dante YN und Ufo361 sind nur einige der vielen Acts, die uns den Samstag versüßen. Die schwerste Entscheidung stand aber nach Don Toliver auf der Mainstage an: Gehen wir zu Symba am Splash! Beach oder lauschen wir Lugatti & 9ine im Playground? Letztere wurden kurz auf dem Weg zum Beach bewundert, aber Symba musste mit der Kulisse, einer bombastischen Crowd und seiner Energie einfach gewinnen.

Symba – Tmm ich beschütz dich

Letzter Headliner des roten Splash! Wochenendes war niemand geringeres als Skandal-Legende Lil Uzi Vert. Nach seinem implantierten Diamanten in der Stirn und dem Kauf eines Planeten durften alle die rund 30.000 Rapliebhaber*innen am Samstag Abend dem schrägsten und mitreißendsten US-Rapper lauschen, den ich bisher erlebt habe. Selbst die Kohlebagger, die schon wirklich viel gesehen haben in ihrer Lebzeit, haben mit gewackelt – und als dann ein Fan aus der ersten Reihe von Lil Uzi auf die Bühne geholt wurde und einen seiner Songs mit ihm gemeinsam performed hat (schief aber wunderschön natürlich) wurden auch die letzten Skeptiker*innen wohl oder übel zu Fans.

Nur einer von vielen Highlights während Uzi’s Show: er schmeißt sich mit einem Frontflip in die Menge

Einziges Manko war das fehlende Feuerwerk, dass den letzten Tag mehr als perfekt abgerundet hätte. Als letzten Act konnten Bounty & Cocoa diese nahende Enttäuschung allerdings durch eine geile Show abfangen und auf der GreenStage wurde danach zu Techno und D’n’B das Ende des Splash! eingeläutet.

Das war das Splash! Red Weekend 2022. Das bekannteste und größte deutsche HipHop-Festival. Mit all seinen großen und kleinen Acts, einer Wahnsinns-Energie, noch mehr Moshpits und 30.000 zufriedenen Musikliebhaber:innen. Wer neugierig geworden ist und ein bisschen Splash!-Feeling zuhause haben möchte: Arte Concert hat viele der Acts übertragen und zum Nachschauen in der Mediathek veröffentlicht. Die findet ihr hier: splash! 2022 – ARTE Concert


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Helge Schneider


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