Claudio Monteverdi und der Wandel von der Renaissance zum Barock

Geschrieben von am 1. Mai 2017

Der italienische Komponist gilt als Shakespeare der Musik und Vater der Oper.

Claudio Zuan Antonio Monteverdi wurde 1567 in Cremona in Italien geboren. Sein Vater arbeitete sowohl als Barbier als auch als Wundarzt, was zur damaligen Zeit nicht ganz legal war. Und obwohl sein Vater nicht viel Geld verdiente, ermöglichte er Claudio Monteverdi eine gründliche musikalische Erziehung bei Marc Antonio Ingegneri, dem Kapellmeister der Kathedrale von Cremona. Ingegneri erwies sich als hilfreicher Lehrer, denn unter seinem Einfluss veröffentliche Montverdi bereits mit 15 Jahren seine erste Werksammlung unter dem Namen Sacrae cantinunculae

Seit 1590 lebte Monteverdi als Sänger und Gambist am Hof des Herzogs Vincenzo Gonzaga. Dort fand er mit einem vollständigen Orchester und herausragenden Solisten äußerst gute Bedingungen vor. Mit der Sängerin Claudia Cattaneo, verstand er sich sogar so gut, dass er sie heiratete. 1597 bereiste er mit dem Orchester das damalige Flandern, wo er große Meister des franko-flämischen Stils kennenlernte. Nach seiner Rückkehr wurde er dann 1601 zum Kapellmeister berufen, obwohl ihm zu dieser Zeit schon zu viel „Modernität“ in seiner Musik vorgeworfen wurde. Monteverdi hielt aber an seiner Modernität fest, denn er wollte keine „Alte Musik“ schreiben, sondern experimentieren. So schrieb er trotz seiner Verpflichtungen am Hof des Herzogs weitere Madrigalbücher (Madrigale sind mehrstimmige Vertonungen weltlicher Texte). Seine Madrigale zeichnen sich vor allem durch die klaren Melodielinien, die verständlichen Texte und einer eher zurückhaltenden begleitenden Musik aus. Von den Madrigalen aus war es für Monteverdi nur noch ein Katzensprung bis zur Entwicklung der Oper. 

Die neue Form der Oper bedeutete vor allem eines: Musik wurde jetzt nicht mehr nur als Einlage in Theaterstücken genutzt, sondern nun wurden auch alle Monologe und Dialoge gesungen. Die menschlichen Affekte nach dem Vorbild des antiken griechischen Theaters sollten dargestellt werden und deshalb basieren auch alle frühen Opern meist auf mysthischen Stoffen der griechischen Antike. Die Handlung von Monteverdis erster Oper L’Orfeo ist die Folgende:
Der begnadete Sänger Orpheus, der selbst Steine und Tiere zu Tränen rührt, schafft es nach dem Tod seiner geliebten Eurydike, auch die Götter der Unterwelt so zu bewegen, dass sie ihm die Tote zurück auf die Erde schicken wollen. Er darf sie selbst abholen unter einer Bedingung: Er darf sich nicht umdrehen, sie auf dem weg nach oben nicht ansehen, das heißt: er darf nicht zweifeln. Er tut es aber doch – und verliert sie für immer.
L’Orfeo war eine Auftragsarbeit anlässlich des jährlichen Karnevals in Mantua, wo Monteverdi nach wie vor am Hof beschäftigt war. Die Oper wurde auf Anhieb ein großer Erfolg. Mit seiner Oper verwarf Monteverdi die starren Regeln des Kontrapunkts, so dass die Singstimmen sich melodisch sehr frei entwickeln konnten und dafür erntete er großen Ruhm.

Monteverdi ist aber nicht nur der Erfinder der Oper, sondern auch der Erfinder des Ostinatobasses, der sich in unterschiedlichen Formen auch  noch bis heute in die moderne Popmusik fortgesetzt hat. Der Jazz erfand den sogenannten „Walking Bass“ in den 40er Jahren, so einen „gehenden Bass“ findet man aber schon bei Monteverdi. Den ersten „gehenden Bass“ mit seinen regelmäßigen schreitenden Viertelnoten erfand Monteverdi im Zusammenhang mit einer Szene in seiner Oper L’Orfeo. Nämlich dann wenn Orpheus mit Eurydike den Weg von der Unterwelt in die Welt der Lebenden geht

Nun hatte Monteverdi 1607 mit seiner Oper L’Orfeo einen riesen Erfolg und schrieb Musikgeschichte. Eine Sache überschattete den Erfolg seines Meisterwerks aber stark. Seine Frau Claudia wurde nämlich noch während der Vorbereitungen der Oper krank und starb nur einige Monate nach der Uraufführung. Vom Tod seiner Frau war Monteverdi tief getroffen, er heiratete auch nie wieder, kümmerte sich aber sehr liebevoll um die verbliebenen Kinder. Dennoch: Monteverdi war zu dieser Zeit überbelastet, unbezahlt, denn die Zahlungen des Hofs blieben mal wieder aus, er war depressiv und quasi dem Tode nah. Und so kehrte er zu seinem Vater ins Haus in Cremona zurück. Der Vater schrieb daraufhin einen Brief an den Fürstenhof in Mantua und bat um die Entlassung seines Sohnes aus dem Dienst der Gonzagas. Diese Bitte wurde aber abgelehnt und so musste Monteverdi wieder nach Mantua zurückkehren. Nachdem er dies erst widerwillig tat, komponierte er dort aber 1608 eine weitere Oper mit dem Titel L’Arianna. Die Oper wurde anlässlich der Vermählungsfeier des Prinzen von Gonzaga uraufgeführt und basiert auch auf einer griechischen Sage. Im Mittelpunkt stehen Ariadne und Theseus. Das berühmte Lamento d’Arianna ist ein Ausdruck von Trauer und Verlassenheit. Nachdem Ariadne von Theseus verlassen worden ist, will sie ihr Leben in den Fluten des Meeres beenden. Fischer retten ihr das Leben; doch die Verzweifelte kann ihnen nicht dankbar sein. 
Das Lamento aus der Oper L’Arianna ist das einzige Stück der Oper, was noch erhalten ist. Der größte Teil des Werkes ist verschollen. Die Oper war aber so populär, dass sie noch Jahrzehnte nach Monteverdis Tod aufgeführt wurde. Es müssen also Abschriften des Notenmaterials existieren. Allerdings kann man sie nur schwer suchen, weil es etliche private Bibliotheken in Italien gibt, zu denen die Öffentlichkeit keinen Zutritt hat. Möglicherweise schlummert noch irgendwo die Partitur der Arianna – bis jetzt allerdings unentdeckt. 

1610 komponierte Monteverdi sein heute vielleicht bekanntestes Sakralwerk, es ist zumindest mit weit über 80 Einspielungen momentan das meistaufgenommene Werk des Frühbarocks. Die Rede ist von der sogenannten Marienvesper. Monteverdi widmete das Werk dem Papst Paul V., als Teil einer in acht Stimmbüchern gedruckten Sammlung. Wie jede andere Vesper besteht die Marienvesper aus einem Invitatorium, fünf Psalmen, einem Hymnus und einem Magnificat. In diesen wurden traditionelle Kompositionstechniken mit hochmodernen Elementen der damaligen Zeit vereint. Zwischen den Psalmen fügte Monteverdi noch vier so genannte Concerti im monodisch-konzertanten Stil ein. Die Marienvesper ist ein vielfältiges Werk, in dem Melodie, Polyphonie, Monodie, Rhythmik und der spezifische Einsatz von Instrumenten zuaffektreichen und spannungsvollen Passagen kombiniert werden. Die Marienvesper spaltet jedoch die Musikwelt. So vertreten einige Musikhistoriker die Ansicht, dass die Marienvesper nicht mehr sei als eine lose Sammlung von Kompositionen. Dem entgegen stehen Behauptungen, dass Monteverdi ein bahnbrechendes Meisterwerk einer neuen Musikgattung schaffen wollte. In der Mitte sind diejenigen zu sehen, die in der Marienvesper Monteverdis Versuch sehen, geistliche Musik zu komponieren, die die ganze Breite seiner bisherigen musikalischen Formsprache wiedergibt und sowohl konservativ polyphon als auch modern monodisch ist. Außer Frage steht aber in allen Positionen der emotionale Gehalt dieses Werks. 

Nach dem Tod des Herzogs Vincenzo im Jahr 1612 wurde Monteverdi von dessen Nachfolger entlassen. Dieser war wenig empfänglich für Musik, offiziell hieß es aber „Sparmaßnahmen“. Glück für Monteverdi, denn so ging er nach Venedig und wurde dort zum Kapellmeister des Markusdoms ernannt – einem der bedeutendsten musikalischen Ämter der damaligen Zeit. In Venedig belebte Monteverdi den Chor wieder, engagierte neue virtuose Sänger, kaufte neue Noten und führte das Singen von Messen an Wochen- und Festtagen wieder ein. Außerdem setzte er sich dafür ein, dass die Mitglieder des Instrumentalensembles wieder Monatslöhne anstelle von Tageslöhnen bekamen. Die Zeit in Venedig war für Monteverdi die wohl angenehmste und produktivste. Er war in Venedig hoch angesehen und Venedig als Zentrum des Notendrucks katapultierte seinen Ruhm auch ins Ausland.

Zwischen 1614 und 1638 veröffentlichte er die Madrigalbücher 6 bis 8. Sein achtes Madrigalbuch mit den Madrigalen von Liebe und Krieg ist eines der vollendetsten Beispiele seiner Kompositionstechnik. Er schreibt im Vorwort, er selbst habe mit der Erfindung eines bislang fehlenden „erregten Stils“ die Musik erst „vollständig“ bzw. „vollkommen“ gemacht. Insgesamt demonstrieren die acht Bücher den bedeutenden Schritt vom polyphonen Stil der Renaissancemusik mit der „primera practica“ zum monodischen Stil des Barock mit der „seconda practica“, wie es auch schon in seinen Opern deutlich wurde.

Monteverdi lebte nicht nur zu Zeiten des Dreißigjährigen Kriegs, sondern auch während der Pestepidemie. So ließ er sich 1631 nachdem sein Sohn der Pest zum Opfer fiel, zum Priester weihen, übte das Amt aber nie aus. Dennoch war er tiefgläubig, was sich auch in seiner geistlichen Musik widerspiegelt. Die Ausgabe einiger ausgewählter geistlicher Werke von ihm, überwachte er 1641 mit der Sammlung Selva morale e spirituale. Nach einer letzten Reise nach Cremona und Mantua starb Monteverdi 1643 im Alter von 76 Jahren in Venedig. Danach geriet Monteverdi lange Zeit in Vergessenheit. Erst mit Gian Francesco Malipiero, der Monteverdis Kompositionen von 1916 bis 1942 in sechzehn Bänden veröffentlichte, interessierte man sich wieder für Monteverdi. Heute haben seine Opern längst wieder Einzug auf den Bühnen erhalten und auch seine Madrigale werden gespielt und gehört.

Monteverdi blieb sich immer treu, experimentierte und brachte so die Form der Oper hervor. Er war ein Feind alles Antiquitierten und sein rhythmischer Erfindungsreichtum zeichnet sein Werk aus. Bis heute wirkt es zeitlos und so wundert es auch nicht, wenn Igor Strawinsky 1967 sagte: “Offensichtlich fühle ich mich ihm sehr eng verbunden, aber er ist ja wohl auch der erste Musiker, dem wir uns überhaupt verbunden fühlen können.”


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