Sprechstunde mit Bodo Wartke

Zwei Studiengänge abbrechen und trotzdem was werden? Bodo Wartke hat das geschafft. Obwohl er, oder gerade weil er seinem Herzen gefolgt ist? Da besprechen wir mit unserem Gast, Klavierkabarettist Bodo Wartke.

Interview: Sebastian Stachorra

Gut gelaunt betritt Bodo Wartke die Garderobe. „Ich bin Bodo“, stellt er sich vor und entschuldigt sich gleich für die akustischen Verhältnisse in der mit kahlen Wänden ausgestatteten Garderobe des Musiktheaters in Gelsenkirchen. Sein Tourmanager hat an alles gedacht und Handtücher mitgebracht, sodass wenigstens der große Spiegel abgehängt werden kann. Eine Stunde haben wir Zeit für das Interview mit Bodo Wartke, der inzwischen große Säle bespielt und einen dementsprechend getakteten Auftrittsplan hat.

"Wer mich in eine Schublade stecken will, braucht inzwischen eine Kommode."

Mitte Oktober spielt er an fünf Tagen fünf Auftritte, dabei vier verschiedene Programme: Sein aktuelles Klavierkabarettprogramm 'Was, wenn doch?', seine Adaption der antiken griechischen Tragödie 'König Ödipus', sein Bigband-Programm 'Swingende Notwendigkeiten' und sein letztes Klavierkabarettprogramm 'Klaviersdelikte'. „Wer mich in eine Schublade stecken will, braucht inzwischen eine Kommode“, sagt Bodo Wartke.

Früher war die Schublade schnell beschriftet. Er war der lustige, freche Typ am Klavier, der vor allem mit Wortwitz und schnellen Reimen sein Publikum zum Lachen gebracht hat und ab und zu ein Liebeslied sang. Gesellschaftskritik und die ganz großen Visionen fanden allenfalls zwischen den Zeilen statt.„Ich habe mir anfangs nicht zugetraut, auch ernste Lieder zu singen“, sagt Bodo. „Ich dachte: Lustige Lieder ist leicht, so locker flockig. Bis ich dann den Mut gefasst habe, auch ernste Lieder zu schreiben und gemerkt habe: Auch das steht mir ganz gut zu Gesicht, und berührt die Leute noch ganz anders.“

„Es wird davon geredet, Fluchtursachen zu bekämpfen. Da denke ich immer: Wovor fliehen denn die Menschen? Vor Krieg. Womit wird Krieg geführt? Mit Waffen! Wo kommen die her? Hmm?!“

 Sein aktuellstes Lied (1,3 Millionen Aufrufe auf Facebook) kommt ohne doppelten Boden und locker flockige Ironie aus.

 „Ich hab den Eindruck, dass das, was die ganze Welt

bislang in ihrem Innersten zusammenhält,

wenn wir nicht aufpassen auseinanderfällt,

wie bei einem Erdbeben“,

 singt er da, und beschreibt dann detailliert seine Vorstellung von der Gesellschaft. In einem Satz zusammengefasst:

 „Im Land in dem ich leben will, herrscht Demokratie.

Und statt skrupellosem Kapitalismus

Gemeinwohlökonomie.“

 „Das Lied ist zum Einen eine Wertschätzung, weil vieles, was ich mir wünsche in unserem Land bereits der Fall ist. Meinungsfreiheit, zum Beispiel. Gewaltenteilung. Demokratie. Das ist nicht selbstverständlich, das sind Dinge, um die jahrhundertelang gekämpft wurde. Gleichzeitig gibt es aber natürlich auch Dinge, die anzukreiden sind. Die kommen genauso gut in diesem Lied zur Sprache.“

Vor allem für Umweltschutz werde zu wenig getan, dass der Hambacher Forst abgeholzt wird, und niemand darüber redet, sei ein Skandal. Genauso, dass Deutschland Waffen an andere Länder verkauft.

 „Es wird davon geredet, Fluchtursachen zu bekämpfen. Da denke ich immer: Wovor fliehen denn die Menschen? Vor Krieg. Womit wird Krieg geführt? Mit Waffen! Wo kommen die her? Hmm?!“

 Dass Bodo Wartke seine politische Seite erst vor kurzem entdeckt hat kann aber niemand behaupten. Bei den Studentenprotesten Ende der Neunzigerjahre schrieb der Lieder gegen Studiengebühren. „Das stieß auf sehr großen Anklang. Ich hab das gesungen auf den Abschlusskundgebungen auf dem Alexanderplatz, auf dem Wittenbergplatz vor zehntausenden von Studenten. Da merkte ich: Hier liegt mein Talent, und auch meine Leidenschaft und auch meine Wirksamkeit. Im Studium saß ich halt in Vorlesungen für theoretische Physik und hab gar nichts verstanden und stattdessen Gedichte geschrieben, die ich dann abends auf der Bühne vorgetragen habe.“

„Irgendwann hat mein Körper dann gesagt: Das kannste gerne so weiter machen, aber ohne mich, ich bin raus.“

Nach weiteren Bühnenerfahrungen gab es für ihn keinen Weg zurück ins Physikstudium. Fast hätte er angefangen, Medizin zu studieren, doch auch darauf verzichtete er zugunsten der Kunst, obwohl einige Vorlesungen besuchte und bis heute den Unterschied zwischen polarisierender und depolarisierender Muskelrelaxanz kennt.

Stattdessen fing er an, Musik auf Lehramt zu studieren, um das, was er ohnehin schon auf der Bühne machte – Klavier spielen und singen - besser zu lernen. Zehn Semester hielt er durch, jonglierte Studium und Bühnenauftritte, doch eine Sehnenscheidenentzündung zwang ihn, sich zu entscheiden: Studium oder Bühne? „Irgendwann hat mein Körper dann gesagt: Das kannste gerne so weiter machen, aber ohne mich, ich bin raus.“

Bodo Wartke entschied sich für seine Leidenschaft, die Kunst, die Bühne.

Vielleicht hat sich der Kreis inzwischen geschlossen. Wie schon zu seinen Anfangszeiten bei Studentenprotesten kämpft Bodo Wartke in seinen Liedern heute wieder für gesellschaftlichen Wandel, etwa das bedingungslose Grundeinkommen. Utopisch sagen die einen. Aber warum nicht mal ausprobieren, sagt Bodo Wartke: „Ich finde es wichtig, die Möglichkeit des Gelingens in Betracht zu ziehen – denn sie ist eine von zwei Möglichkeiten.“

 

+++ Wir verschenken zwei CDs +++

"Was, wenn doch" und "Klaviersdelikte" – das sind die beiden jüngsten Programme Bodo Wartkes. Sie können die gehören! Schreibe ein Mail mit dem Betreff "Bodo" an "Sprechstunde" an Sprechstunde@radioq.de und schreibe, warum Du sie unbedingt brauchst. Wir verschenken einmal beide Programme zusammen.

 

 Artikel: Marco Stoever


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