Die Campuszeit vom 02. November 2018

Vor ziemlich genau 2 Jahren wurde das "Studentenwerk" in "Studierendenwerk" umbenannt. Unter anderem sprechen wir mit einer Sprachwissenschaftlerin der Uni Münster über das "Gendern" und stellen die Frage, ob es überhaupt etwas bringt zu gendern und für wen die Thematik relevant ist.

Im Interview sprechen wir mit Prof. Dr. Susanne Günthner vom Germanistischen Institut über geschlechtergerechte Sprache, die Grenzen der Grammatik und die Frage, ob und wie wir gendern sollten. Unten findet ihr das Interview auch zum Nachlesen.

Selbst, wenn man das Gendern ablehnt, kann einem auch mal eine gegenderte Form rausrutschen - wie es Katharina Schwarz vom RCDS bei der Radio Q-Elefantenrunde passiert ist.

Seit 2 Jahren haben wir kein Studentenwerk mehr, sondern ein Studierendenwerk. Wir haben uns umgehört, was die Münsteraner Studis davon halten und ob sie sich mit dem “Studierendenwerk” jetzt wohler fühlen.

Erzeugt Sprache Wirklichkeit? Oder erzeugen Erfahrungen Stereotype im Kopf? Ein Kommentar:
(Text: Lena Zils; gesprochen von Janka Hardenacke)

Das Interview mit Prof. Dr. Susanne Günthner vom Germanistischen Institut zum Nachlesen:

Ergibt sich aus wissenschaftlicher Sicht die Notwendigkeit, zu gendern?
Günthner: Es ist eher eine politische Überlegung: 'Was wollen wir?' Wir haben ganz klar eine Schieflage von Personenbezeichnungen zu Ungunsten von Frauen. Und wenn wir eine Schieflage haben zu Ungunsten der Frauen ist die Frage: Wollen wir was ändern und wenn ja was können wir ändern.

Wo entsteht genau die Problematik um das 'generische Maskulinum'? Sind Frauen nicht mitgemeint?
Günthner: Im Deutschen ist in der Regel die maskuline Form - Kommillitone oder Student - die unmarkierte Form ist: "Der Student" bezieht sich zunächst auf Männer. "Die Studentin" ist die abgeleitete Form und ich hab die Möglichkeit, im Plural zu sagen "Die Studenten" und die Frage ist, ob da Frauen mitgemeint sind oder nicht. Sie können mitgemeint sein, sind es aber keineswegs immer. Wenn die Form tatsächlich geschlechtsneutral wäre, müsste ich sie sowohl auf Männer als auch auf Frauen anwenden können. Das kann ich aber nicht. Ich kann zwar sagen "Der durchschnittliche Student wird erst mit 30 Jahren Vater"; aber nicht "Der durchschnittliche Student wird erst mit 30 schwanger, oder "Ein Student hat seinen Lippenstift liegen lassen". Das klingt komisch.

Prägt wirklich Sprache die Bilder in unserem Kopf? Oder sind es nicht vor allem Erfahrungen, die die Stereotype in unseren Köpfen prägen?
Günthner: Ja genau, dasist eigentlich eine reflexive Beziehung. Das geht in beide Richtungen. Je nachdem welchen Begriff wir verwenden assoziieren wir unterschiedlich stark Männer oder Frauen. Bei "Die Soldaten" stellen wir uns sehr viel mehr Männer vor als bei "Die Erzieher". Aber die psychologischen Untersuchungen der letzten 30 Jahre haben durch die Bank gezeigt, dass wir uns selbst bei Begriffen wie "Die Kosmetiker" eher Männer vorstellen als Frauen - allerdings weniger stark als bei "Spione, Soldaten, Terroristen". Durch die männlichen Begriffe wird Wirklichkeit auch wieder erzeugt, nämlich die Männer als Norm und Frauen; diejenigen, die nicht ganz sichtbar sind, wo man nicht weiß, ob sie mitgemeint sind oder nicht.

Also soll gegenderte Sprache die Stereotype, die in unserem Kopf bestehen, aufbrechen?
Günthner: Genau. Es soll zum einen sichtbar machen: Wie kodieren wir die Welt. Sprache erwerben wir als Kinder - und mit dem Spracherwerb erwerben wir gleichzeitig eine Sicht von kulturellen Relevanzen. Und die Frage ist, inwiefern hat es einen Einfluss, wenn die maskulinen Formen die unmarkierten sind, und die feminen die markierten, die ich nur in Sonderfällen benutze; inwiefern hat das einen Einfluss, was halten wir für relevant, was für nicht relevant.

Für das "Binnen-I" wurde schon in den 70er-Jahren gekämpft. Heute sind viel mehr Geschlechtsidentitäten sichtbar als noch in den 70er-Jahren. Es gibt Sternchen, Unterstriche.. Gibt es Leitfaden, wie man wirklich richtig gendert? Günthner: Da gibt es sicher keine Antwort. Was heißt richtig, für wen richtig? Dass im Moment viel ausprobiert wird, kann man negativ sehen, weil man verwirrt ist; man kann es aber auch positiv sehen: es wird viel ausprobiert, wie in den 70er-Jahren übrigens auch schon. Luise Pusch hatte auch mal sowas durchgesponnen, durchgespielt: "Das Student". Also das Neutrum zu aktivieren, wenn das Geschlecht irrelevant ist. Dann weiblich: "Die Studentin" und männlich: "Der Student" oder auch der "Studenterich". Also da wurde auch rumgesponnen und so ein bisschen spielt man heute auch und probiert aus. Es ist immer die Frage, wie besetze ich diese Symbole, was interpretiere ich da rein. Wie ich das nutze und was sich durchsetzt, ist eine Sache von Konventionen.

Welchen Beitrag zu mehr Emanzipation oder Gleichberechtigung kann gegenderte Sprache liefern? Wo müssen wir auch in anderen Bereichen gucken, voranzukommen?
Günthner: Das schließt sich ja nicht aus. Wenn man sich für gendergerechte Sprache einsetzt, heißt das ja nicht, dass man nicht auch in anderen Bereichen gucken muss. Ich bin aber Sprachwissenschaftlerin und setze mich ganz stark mit Sprache, Denken, Wirklichkeit auseinander. Sprache ist ein ganz wichtiges Werkzeug für die soziale Konstruktion von Wirklichkeit. Durch Sprache objektivieren wir ja auch. Wir haben gewisse Kategorien, die als objektiv dargelegt werden - und die haben natürlich auch Einfluss auf unsere Wahrnehmung. Und das zeigen auch psycholinguistische Untersuchungen. Die zeigen den engen Zusammenhang zwischen Sprache und Denken, Sprache und Wahrnehmung. Wenn wir wirklich eine Gleichstellung der Geschlechter wollen, kommen wir nicht umhin, mit der Sprache zu arbeiten. In unserer jetzigen Sprache haben wir eine kodierte Asymmetrie drin, und die Frage ist: Wollen wir das beibehalten oder wollen wir eine Gleichbehandlung auch in der Sprache und meines Erachtens ist das einfach sehr wichtig.
Interview und Transkript: Leo Brandt


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