Isolation Berlin - Vergifte dich

Rezensiert von Lennart Knebel

Wenn man an Berlin denkt, kommen einem grandiose Bilder in den Kopf. Die Metropole an der Spree ist Hauptstadt, Weltstadt und Regierungssitz, hier geben sich kulturell wertvolle Sehenswürdigkeiten und eine blühende Kunst- und Theaterszene die Hand. Ganz so rosig sehen die Jungs von Isolation Berlin das nicht. Die Band zeichnet ein deprimiert-ästhetisches Bild des Berliner Stadtlebens, weit weg vom Platz der Republik. Es geht um die Außenseiter der Gesellschaft, um verlorene Seelen und um unerwiderte Liebe.

Bereits mit ihrem Debütalbum “Und aus den Wolken tropft die Zeit” hat die Band gezeigt, dass sie ein Talent für eingängige Musik mit melancholischen Texten hat. Und auch ihr neues Album “Vergifte Dich” schafft es, diese Kombination rüberzubringen. Der Opener “Serotonin” beginnt mit dem Satz: “"Wenn du mich suchst, du findest mich am Pfandflaschenautomat / da hol ich mir zurück, was mir gehört". Doch wer jetzt rotzigen Punk erwartet, liegt weit daneben. Die Nachwirkungen einer durchzechten Nacht werden in einem locker fließenden, von akustischer Gitarre begleiteten Song im Walzertakt verarbeitet. Dieser Kontrast zieht sich durch das Album, ist aber nicht allgegenwärtig. Der Titeltrack “Vergifte Dich” wird von einem stampfenden Rhythmus und einem knackigen Riff begleitet, der so auch von Led Zeppelin stammen könnte und die Single “Kicks” klingt fast wie die Berliner Version eines Franz Ferdinand Hits. Das Highlight des Albums ist aber die simple Ballade "Vergeben heißt nicht vergessen". Der Song ist die verzweifelte Beichte eines Menschen, der die Liebe verloren hat, ausschließlich begleitet von einer gezupften Gitarre. Und es muss gesagt werden: Wer den Satz "Ich kotze meine Existenz in U-Bahn Lüftungsschächte" poetisch klingen lassen kann, der macht irgendwas richtig.

Musikalisch setzt die Band mit wenigen Ausnahmen auf klare Melodien und simple Begleitung. Und das zahlt sich aus. Die Musik bereichert den Text und die Songs werden nicht überladen oder unnötig gestreckt. Der Sound des Albums ist durchaus abwechslungsreich, aber die melancholische Grundstimmung bleibt und zieht sich wie ein roter Faden durch die Platte. Eine Ausnahme ist das Lied “Marie”. Der Song schwankt zwischen einer von mäßiger Popmusik begleiteten Gedichtlesung und kitschigem Deutschrock und wirkt dabei schon fast wie eine Parodie. 

Es wurde schon oft gesagt, aber erwähnt werden muss es trotzdem: Sänger Tobias Bamborschke weist stimmlich erstaunliche Ähnlichkeiten zu Rio Reiser auf. Auch musikalisch schwingt besonders in Songs wie "Die Leute" oder “Wenn ich eins hasse, dann ist es mein Leben" der Geist von Ton Steine Scherben mit. Der große Unterschied liegt aber darin, dass Isolation Berlin nicht politisch sind. Sie versuchen mit ihrer Musik nicht, Probleme zu lösen, oder Missstände aufzuzeigen. Stattdessen zeichnen sie ein Bild von einem Leben zwischen Kneipe und Pfandautomaten, zwischen der Verdrängung am Abend und der grauen, verkaterten Realität am nächsten Morgen. Bezeichnend für das ganze Album ist wohl ein Satz am Ende des Songs "Wenn ich eins hasse, dann ist es das Leben". Da heißt es nach einer Reihe von Hassbekundungen: "Wenn ich eins liebe, dann ist es der Regen". Frei nach dem Motto “nur weil es mir scheiße geht, muss mir das ja nicht gleich die Stimmung vermiesen”.


Label: 
Staatsakt
VÖ: 
23.02.2018
Herkunft: 
Berlin