Der Umgang mit der Depression - IQ

Die Erkrankung an einer Depression ist nicht auf Alters- oder soziale Klassen begrenzt. Sie kann jeden treffen und Persönlichkeiten verändern. Trotzdem ist die Mehrzahl der Betroffenen noch immer Teil der Dunkelziffer.

IQ erklärt euch in dieser Ausgabe, wie die Depression sich auf den menschlichen Körper auswirkt und warum der Weg zur Behandlung so schwer fällt. Und wirft natürlich auch einen Blick auf die Therapiemöglichkeiten.

 Die Depression ist eine der häufigsten psychischen Erkrankungen weltweit. Über 300 Millionen Menschen sind erkrankt. Trotzdem wissen viele Menschen nicht, was man sich unter einer Depression vorzustellen hat. 

Deswegen hat IQ Reporterin Luisa Meng mit Prof. Dr. Nexhmedin Morina von der Klinischen Psychologie und Psychotherapie der Uni Münster geredet. Er erklärt, wieso es so viel komplexer ist, als einfach mal traurig zu sein:

 „Was wir unter Depressionen in der klinischen Psychologie und auch in der Psychatrie verstehen, hat zunächst einmal mit einer depressiven Verstimmung zu tun, und auch mit einer mangelnden und manchmal auch mit einer fehlenden Fähigkeit, Emotionen wahrzunehmen. 
Negative Emotionen, insbesondere Traurigkeit, sind sehr häufig Teil des Ganzen. Das Problem ist aber auch dadurch gekennzeichnet, dass positive Emotionen nicht wie früher wahrgenommen oder ausgelebt werden können. Dazu gehört auch sowas wie Veränderung im Schlaf.“

Traurigkeit ist also ein Teil der Depression, es gehört aber auch eben sehr viel mehr dazu. Gerade auf der Affektebene können Emotionen über einen längeren Zeitraum gestört wahrgenommen werden. Wie, das hängt von der Schwere der Depression ab.
Depressionen gehen oft auch mit einem sehr geringem Selbstwertgefühl, Appetitlosigkeit und niedriger Konzentrationsfähigkeit einher, im Vergleich zu der eigenen Persönlichkeit früher oder zu anderen Menschen.
Man unterscheidet daher zwischen leichter, mittlerer und schwerer, wie Morina erklärt:

„Überhaupt können wir nur von einer Störung sprechen,  wenn die Beschwerden im Alltag und auch im Beruf zu einer Einschränkung führen. Das heißt, wenn die Intensität der Symptome stark ist und dies zu einer starken Einschränkung führt, dann ist das eine schwere Depression. Wenn auf der anderen Seite jemand berichtet, dass er oder sie sich zwar depressiv fühlt und zum Beispiel auch weniger oder schlecht schläft, oder zum Beispiel der Appetit auch schlecht ist, aber dennoch nach wie vor arbeiten kann, oder zum Beispiel sozial aktiv ist, dann ist das eine leichte Depression.“  

Wie sehr man also in seinen sonstigen, vorallem auch sozialen Aktivitäten eingeschränkt ist, hängt also damit zusammen, wie schwer die Depression ist. 
Gerade bei einer schweren Depression sei der Betroffene wie gelähmt und selbst die körperliche Kraft, um sich aus dem Bett zu bewegen, fehle, sagt Morina.
Es gebe aber auch schwächere Formen, die man dem Betroffenen nicht unbedingt ansieht. Wie erkenne ich dann als Angehöriger, ob jemand unter Depressionen leidet?

„Wenn es darum geht zu erkennen, inwieweit jemand depressiv geworden ist, dann ist es natürlich leichter, wenn man die Person über längere Zeit kennt, und man stellt eine Verhaltensveränderung fest. Sie kennen jemanden, der grundsätzlich gerne ausgegangen ist, sich auch darum bemüht hat, mit anderen Menschen zusammen zu kommen und auch eine gute Zeit mit anderen Menschen zu haben. Wenn sich das grundsätzlich geändert hat, dann könnte das dafür sprechen, dass jemand depressiv geworden ist. Vielleicht vermeidet er auch gezielt und absichtlich soziale Kontakte, weil die Person denkt, die anderen könnten sie langweilig finden.“

Depression ist aber keine unheilbare Krankheit. Mithilfe von Therapie habe man meist gute bis sehr gute Heilungschancen:
„Wenn Psychotherapie angeboten wird, dann können zwei Drittel der Patienten damit rechnen, dass es ihnen nachher besser geht. Wenn jemand nur eine depressive Phase hatte, und diese Phase vorüber ist, gibt es Grund anzunnehmen, dass es ihm auch ohne Psychotherapie gut gehen wird.“

Es gibt verschiedene Behandlungsformen. Im Grunde geht es aber immer darum, mit jemandem über seine Probleme zu reden.
Die Therapie werde übrigens auch für Leute angeboten, die zwar gerade gesund sind, aber in der Vergangenheit mindestens zwei depressive Phasen hatten, um Rückfälle zu vermeiden. Nur für schwere Depressionsformen werde zusätzlich psychopharmazeutische Unterstützung in Betracht gezogen, erklärt Morina.

Sich selbst und dem engen sozialen Umfeld eine Depression einzugestehen erfordert Mut. Es ist jedoch unbedingt nötig, um die Krankheit auszubremsen und irgendwann wieder gesund zu leben. Denn dieser Schritt hilft Betroffenen immer dabei, mittel- oder langfristig wieder zu sich zu finden. Auf einem anderen Blatt steht aber der öffentliche Umgang mit der Depression. Sie ist stigmatisiert und wird nicht ernst genommen.

Deswegen hat IQ Reporter Joshua Hermens mit Armin Rösl, dem Sprecher der Deutschen Depressionsliga e.V. telefoniert. Der Verein informiert über die Krankheit und gibt Betroffenen und Angehörigen Tipps zum Umgang mit ihr. Außerdem setzt er sich für öffentlichkeitswirksame Aufklärungskampagnen ein und sammelt dafür noch bis zum 31. Januar Unterschriften für eine Petition an das Bundesministerium für Gesundheit. 

Denn Rösl sagt:

“Es gibt immer noch das Vorurteil: Naja, der nimmt sich jetzt gerade mal seine Depression, sprich er hat jetzt gerade mal keine Lust."

Es bestehe aber überhaupt keine Absicht, etwas nicht mehr machen zu wollen. Man könne es schlichtweg nicht. Es ist also absolut keine Frage des Wollens. Das mag aber nicht jeder glauben. Vor allem da nicht, wo der Mensch an Resultaten gemessen wird. So erwarten Betroffene auf der Arbeit oder an der Universität nach wie vor sehr wenig Verständnis.

Arbeitsunfähigkeit aufgrund einer Beinverletzung würde beispielsweise eher toleriert, weil die Rückkehr zum Job viel absehbarer scheint. Doch über die Heilungschancen psychischer Erkrankungen seien sich Vorgesetzte viel seltener im Klaren, so Rösl. Insbesondere dort besteht also noch immer Handlungsbedarf.

„Es ist jetzt doch schon in vielen Köpfen angekommen, dass die Depression eine „normale“ Krankheit ist, für die man sich nicht zu schämen braucht. Aber vor allem bei Arbeitgebern ist es noch schwierig ohne fürchten zu müssen, dass man abgestempelt wird als nicht mehr arbeitsfähig.“

Armin Rösl weiß das, weil er selbst schwer erkrankt war. Mit der Entscheidung, sich zu outen, hat er lange gerungen. Er hat sich schließlich dafür entschieden. Viele Patienten wagen das jedoch nicht und lassen sich stattdessen mit Bluthochdruck, Magenbeschwerden etc. entschuldigen. Er erzählt:

„Ich hatte das Glück, dass mein Arbeitsgeber mir die Zeit gegeben und mich begleitet hat.

Nach meiner schweren depressiven Phase, die mehrere Monate gedauert hat, bin ich mittlerweile wieder so zurück im Job wie vorher.“

Er spricht ganz bewusst von `Glück´. Dass der Arbeitgeber so reagiert, ist noch keine Selbstverständlichkeit. Aber wenn es nach Thomas Reker geht, könnte dieses positive Beispiel schon bald Schule machen. Joshua hat den Sprecher des Bündnisses gegen Depression in seinem Büro in der Abteilung für Allgemeine Psychiatrie der LWL-Klinik Münster besucht, wo Reker außerdem als Chefarzt arbeitet.

„Viele vor allem auch größere Firmen, wobei Deutschland im internationalen Vergleich noch sehr hinterher hinkt, beziehen psychische Problematiken und Störungen mit in den Arbeitsschutz ein.

Wenn sie in Deutschland den Arbeitsschutz rufen, kommt ein Techniker, der ihnen den Schreibtisch oder das Licht einstellt.

Aber sie haben in aller Regel sehr große Probleme, Unterstützung, Konzepte und Hilfe zu finden, wenn es um psychische und stressbedingte Probleme und Erkrankungen geht.“

Thomas Reker geht im Übrigen nicht davon aus, dass die gesellschaftliche Anforderungen der heutigen Zeit mehr Depressionen hervorrufen. Aber sie werden häufiger als solche erkannt. 

„In den letzten Jahrzehnten haben zum Beispiel gerade Hausärzte Weiter- und Fortbildungen besucht, in denen sie sich informiert haben, sodass Depressionen erkannt, richtig diagnostiziert und einer richtigen Behandlung zugeführt werden.“

Auch durch die Bemühungen von Initiativen wie dem Bündnis gegen Depression ist die Zahl qualifizierter Anlaufstellen für Betroffene gestiegen. In beiden Gesprächen haben wir das Gefühl bekommen, dass viel Energie in die Ent-Stigmatisierung der Depression investiert wird. Einen wichtigen Beitrag dazu leisten auch Prominente, die sich öffentlich zu ihrer Erkrankung bekennen. Vor kurzem noch durfte sich Armin Rösl freuen: 

Der deutsche Comedian Torsten Sträter ist Schirmherr der Depressionsliga: „Es ist albern, nicht darüber zu reden!“

Seine Unterstützung hat die Petition an die Bundesregierung natürlich schon. Wenn auch du die Aufklärung unterstützen willst, folge dem Link!

http://www.depressionsliga.de/aktuell-beitrag/depression-an-die-oeffentl...

Das Ziel von Antidepressiva ist es, eine möglichst lange Stimmungsaufhellung hervorzurufen.
Dazu steuern sie die Transmitterausschüttung im Gehirn. Transmitter sind Botenstoffe, die bestimmte Signale im Gehirn übertragen.

Der zentrale Transmitter für eine gehobene Stimmung ist Serotonin. Antidepressiva sorgen dafür, dass der Serotoninspiegel im Gehirn möglichst hoch ist. Das tun sie, indem sie die Transmitterausschüttung verstärken oder eine Rückkopplung hemmen.

Unterstützend kann der Botenstoff Noradrenalin antriebsfördernd wirken.

Allerdings sind Antidepressiva stark umstritten. Bei leichten Medikamenten kann es zu Übelkeit oder sexueller Disfunktion, bei stärkeren zu Herz-Rhytmus-Störungen oder sogar Vergiftungen im Gehirn kommen.

Antidepressiva sind bei länger anhaltenden Depressionen eine Hilfe, aber nie die Heilung.

Sie wirken unterstützend, aber der eigentliche Heilungsprozess erfolgt durch eine Therapie.


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