Baio - Man Of The World

Rezensiert von Lennart Knebel

Chris Baio will mit seinem neuen Album "Man Of The World" das Jahr 2016 verarbeiten. Für den Bassisten von Vampire Weekend begann das nämlich mit einem Schock: Dem Tod seines Idols David Bowie. Und viel besser ging es danach auch nicht weiter - wer sich politisch irgendwo links von der AfD bewegt, kann sich schon denken, was er am vergangenen Jahr sonst noch problematisch fand. Doch sein zweites Solo-Album ist nicht nur ein politisches Statement. Jenseits vom Text gibt es hier tanzbaren Synthie-Pop mit vielen unerwarteten Wendungen.

Schon beim ersten Song "Vin Mariani" vermischen sich Bläser-Samples und starke Elektro-Beats mit Textzeilen wie "Learning to live with a decision when itʼs not the one I wouldʼve made", die sich fast nicht deutlicher auf Brexit und die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten beziehen könnten. Die düstere Stimmung, die hier auch musikalisch vermittelt wird, zieht sich aber nicht durch das Album, ganz im Gegenteil. Die Single "PHILOSOPHY!" klingt fast fröhlich und erinnert mit der poppigen, von Bläsern unterlegten Melodie und der funkigen Gitarre an David Bowie-Hits wie "Let's Dance". Richtig elektronisch wird es dann mit "DANGEROUE ANAMAL", was sich textlich mit dem Einfluss des Menschen auf den Planeten und die Umwelt beschäftigt.

Obwohl das Album im Großen und Ganzen mit Indie-Rock wenig zu tun hat, lässt sich trotzdem immer wieder was von Baios Hauptprojekt Vampire Weekend raushören. So klingt beispielsweise der Titeltrack fast wie eine Synthie-Pop-Version des typischen Vampire Weekend-Sounds. In dem Stück parodiert Baio das Bild des weltreisenden Yuppies, der ewig unterwegs ist und überall seinen Senf dazugeben muss. Ein weiteres Highlight des Album ist der Song "Sensitive Guy". Getrieben von stampfenden Rhythmen, gezupften Streichern und einem coolen Gitarren-Hook, ist der Track ein gutes Beispiel für Baios ungewöhnlichen Sound. Lediglich mit den letzten beiden Liedern "Shame In My Name" und "Be Mine" verliert das Werk etwas an Fahrt. Die zwei Songs wirken unnötig in die Länge gezogen und kommen trotz ihrer Spieldauer nie so richtig ins Rollen.

Verglichen mit Baios erstem Solo-Album "The Names", ist bei "Man Of The World" eine Entwicklung in Richtung Mainstream erkennbar. Dass so etwas aber nicht immer schlecht sein muss, beweist der US-Amerikaner mit einer tanzbaren Platte, die weder vor Experimenten, noch vor tiefsinnigen Texten scheut. Genau das Richtige also für einen entspannten Sommer - trotz Trump und Brexit.


Label: 
Glassnote Records
VÖ: 
30.06.17
Herkunft: 
Bronxville, USA