#DIY - Trettmann

©SoulForce Records

Wer sich für Rap, Dancehall oder einfach für das generelle Geschehen der deutschen Musik interessiert, kam dieses Jahr nicht an Trettmanns Album #DIY vorbei. Mit einer ausverkauften Tour, Platz 17 in den Charts und unzähligen Millionen Streams & Klicks ist Trettmann ein wahrer Durchbruch gelungen, denn es lief nicht immer so rund. Der gebürtige Chemnitzer macht schon eine ganze Zeit lang Musik, flog allerdings immer ein wenig unter dem Radar. Der richtige Erfolg hat, wie so oft, auf sich warten lassen. Die Anfänge des mittlerweile 44 Jahre alten Rappers basierten auf sächsischen Persiflagen von deutschen Reggae und Dancehall Tracks, welche natürlich eher belächelt wurden. Diese Zeiten sind allerdings vorbei. Trettmann hat seit einigen Jahren einen Style gefunden, welcher den Anspruch hat ernst genommen zu werden. Diesen Style, welcher auf Dancehall Sound mit rappigen Passagen und zum Teil gesungenen Hooks basiert, fährt Trettmann nun schon seit ca. 2010. Umso überraschender ist es, dass erst seine diesjährige Platte Aufmerksamkeit über eine kleinere Gruppe an Stammhörern hinaus bekommen hat.
Der Zeitpunkt für das Album hätte nach einer EP-Trilogie, (benannt nach seinem Produzenten Team und Soundsystem „Kitschkrieg“) und einem Kollabo Tape mit Megaloh nicht besser sein können, um nun seinen Sound auf Albumlänge zu entfalten. Soundtechnisch macht sich Trettmanns Vorliebe für Dancehall bemerkbar. Neben einigen eher gesungenen als gerappten Passagen kann man #DIY aber trotzdem mit gutem Gewissen ein Hip- Hop Album nennen. Ein Hip-Hop Album mit eigenem Soundkonzept, welches sich nicht in vorhandene Alben einordnen lässt. Trettmann macht zusammen mit Kitschkrieg sein eigenes Ding, irgendwo zwischen Dancehall und Rap - und das hört sich verdammt gut an. Nicht zuletzt wegen dem leicht durchklingenden sächsischem Dialekt, welcher den Sound noch sympathischer und einzigartiger macht.

Das Album ist mit seinen 10 Tracks relativ kurz, schafft aber trotzdem eine beachtliche Vielfältigkeit auf Platte zu kriegen. Die Highlights des Albums trifft Trettmann allerdings eindeutig mit den ruhigeren und nachdenklicheren Tracks. Mit beeindruckend simplen und trotzdem tiefgehendem und packendem Storytelling in Tracks wie Grauer Beton und Billie Holiday gibt Trettmann dem Hörer Einblicke in seine graue und düstere Vergangenheit in der DDR, welche sich auch im schwarz-weißen Albumartwork widerspiegelt. Trettmann erzählt von Chancen- und Hoffnungslosigkeit sowie einem Gefühl des Vergessenwordenseins und Ziellosigkeit. „Seelenfänger schleichen um den Block und machen Geschäft mit der Hoffnung. Fast hinter jeder Tür lauert 'n Abgrund. Nur damit du weißt, wo ich herkomm'". 
Trettmann zeigt uns wo er herkommt und schafft dies mit einer Stimme, in derso viel authentischer Schmerz liegt, dass man die Klage in dem Song perfekt nachzuvollziehen kann. Der Track Billie Holiday wirkt wie die bittersüße Erkenntnis, dass Trettmann raus aus diesen Verhältnissen, hin zu neuen Ufern mit neuer Hoffnung aufbrechen muss. "Keine Liebe in diesem Dschungel. Ja, ich weiß, die Wahrheit tut weh. Doch ich muss jetzt weiter, okay?"

Dieser Neuanfang scheint „Tretti“ gelungen zu sein, wie auf dem Album deutlich wird. Neben weiteren ruhigeren Songs wie New York und Dumplin & Callaloo, welche von alter und verlorener Liebe handeln, hat Trettmann auch einige klubtaugliche Songs auf sein Album genommen, die die positiven Veränderungen in seinem Leben zelebrieren.
Tracks wie #DIY, Knöcheltief (ft. Gzuz), Gottseidank (ft. Bonez MC und Raf Camora) und Nur noch einen (ft. Joey Bargeld und Haiyti) gehen allesamt nach vorne und sorgen für die stimmungstechnischen Höhen auf dem Album. Zusammen mit zahlreichen Features feiert Trettmann seinen kürzlich gekommenen Erfolg und legt dabei Wert darauf, dass alles auf harter und eigener Arbeit fußt. Diese Attitude schien Trettmann wohl so ausschlaggebend, dass er gleich die ganze Platte nach ihr benannte: #DoItYourself (#DIY).

Man merkt, dass es echte Freude ist, die auf diesen Tracks stattfindet. Die Featureparts sind ebenfalls sehr gut gewählt, da die gefeatureten Künstler ebenfalls kürzlich groß rauskamen. Grade GZUZ, Bonez MC und Raf Camora scheinen auf derselben Glückswelle wie Trettmann zu schwimmen, da sie 2016/2017 ihren großen Durchbruch hatten. In den partylastigeren Phasen des Albums fließen vermehrt Trap und Autotune Elemente ein, jedoch ohne das diese als störend oder überzogen wahrgenommen werden. Die Songs sind nicht anbiedernd sondern verbreiten Euphorie, Leichtigkeit und Lust aufs Feiern. Trotzdem ist auf dem ganzen Album präsent, dass Trettmann auf dem Boden geblieben ist. Er sieht seine Wurzeln zwar in einem dunklen Licht, bleibt aber trotzdem gerne geprägt von ihnen, wie es in vielen Stellen auf dem Album durchklingt. Er ist nach wie vor auf den Straßen unterwegs und zieht das einfache Leben dem Glamour Life vor. Dies stellt er mit dem wohl bekanntesten Feature, Marteria, im vorletzten Track Fast Forward des Albums klar. "Komm, wir fahr'n um den Block mit den Jungs an meiner Seite. Fast forward - Immer noch das Gleiche." Das Marteria Feature geht allerdings neben dem darauf folgenden und letzten Song Geh Ran ziemlich unter. Der letzte Track des Albums gehört auf jeden Fall neben Grauer Beton, Billie Holiday und Knöcheltief (ft. GZUZ) zu den Höhepunkten des Albums. Geh Ran ist der bewegendste und zugleich minimalistischste Song auf dem Album und offenbart zum Schluss noch mal Trettmanns Fähigkeit komplexe Geschichten und Gefühle in einfachen Sätzen darzustellen. Die Produktion des Songs ist ebenfalls minimalistisch gehalten und lässt viel Platz für die Tiefe des Themas über das Trettmann rappt. Eine private Geschichte über einen guten Freund, welcher im Leben gescheitert ist trotz gutem Herzen. Laut Trettmann ist er der „edelste Verlierer den [er] kenn[t]“. Mit Geh Ran ist ihm ein sehr runder Song als Abschluss zu einem ohnehin sehr runden Album gelungen.

#DIY ist sowohl textlich als auch soundtechnisch durchgehend auf sehr hohem Niveau produziert und hat spannende sowie authentische Gastbeiträge von anderen Rappern. Über melancholische und schmerzvolle Retrospektiven, euphorische Tracks über den Durchbruch, Freundschaft und verlorene Liebe wird dem Hörer alles geboten, ohne, dass das Album dabei hektisch oder zwanghaft vielfältig klingt. Über die komplette Bandbreite der Tracks rappt Trettmann mit einer Coolness und Attitude, die dem Hörer authentische Einblicke in sein Leben geben. Obwohl es in den meisten Tracks sehr autobiografisch zugeht kann man sich jedoch oft wiederfinden und an den Gefühlen teilhaben. 
Durch die undogmatische Vorgehensweise in Beat und Themenauswahl ist Trettmann nicht nur etwas für eingefleischte Rapfans, sondern kann durchaus auch Genreferne begeistern.


Von:
Tim Rathert
Label: 
SoulForce Records
VÖ: 
29. September 2017