Isolation Berlin

Text von Sören Heuer.

Berlin ist die Stadt der Möglichkeiten, wo Menschen hin pilgern und ein neues Leben anfangen wollen, den nächsten Schritt in der Karriere machen oder sich neu entdecken wollen. So viele Möglichkeiten Berlin bietet, so viele negative Seiten hat es allerdings auch. Aktuell bringt kaum eine Band diesen Zwiespalt so gut auf den Punkt und setzt dieses Gefühl in Musik um wie "Isolation Berlin". Die Mitglieder wohnen teilweise schon seitdem sie Dreizehn waren in Berlin, sind dort aufgewachsen und an der Stadt zerbrochen.
Die am 19. Februar veröffentlichten Alben "Berliner Schule/Protopop" und "Und aus den Wolken topft die Zeit" handeln von dem Leben in Berlin, der melancholischen Dumpfheit und erzählen Geschichte einer schweren Depression. So sehr Berlin die Band auch manchmal nervt und zerreißt, woanders hin gehen war nie eine Option, wie Tobias Bamborschke erzählt:

"Ich habe aber auch keinen Ort gehabt, wo ich hin konnte. Also ich kann auch eine Vergleiche ziehen, weil ich in Berlin aufgewachsen bin. Ich hatte auch nie die Kraft wirklich aufzustehen oder woanders hinzugehen, weil ich so depressiv war. Ich konnte ja kaum mein Bett verlassen. Und dann kann man nicht einfach so sagen: "So, ich zieh jetzt mal in eine andere Stadt und gucke, ob es da geiler ist". Diese Frage: "Warum gehst du nicht woanders hin", jemandem zustellen, der depressiv ist...das ist halt absurd. Das ist wie einer Person die im Rollstuhl sitzt zu sagen "steh auf!"."

„Ich dachte, ich sitze auf der Spitze des Scheißhaufens, wo die Luft noch am besten ist.“

Die Alternativlosigkeit und empfundene Isolation schlägt sich in den Texten nieder, sie handeln von der Verarbeitung einer Trennung, dem Leben mit einer Depression und der Unzufriedenheit, nichts daran ändern zu können. Den optimistischen und euphorischen Songs folgen immer wieder der Absturz und die Ernüchterung – die Geschichten von Bamborschke sind sofort verständlich und ergreifend, weil sie war sind:

"Der Grundstein "Isolation Berlin" war so 2012 oder so, wo ich so eine krasse Krise hatte. Die letzten fünf Jahre waren eigentlich überschattet von einer unglaublichen Depression. Das Album beschreibt dabei so ein bisschen den Weg meiner letzten Jahre. Berlin dient als Projektionsfläche für diese Gefühle. Aber es ist keine Kritik an Berlin. Und Isolation Berlin, der Name, ist auch keine Kritik an Berlin. Isolation Berlin ist der Ort und der Zustand, aus dem die Texte und die Band entstanden sind.
Ich lebe halt auch in einer Stadt, wo viele Leute hinkommen, die sagen: "Da wo ich herkomme war es richtig scheiße, hier ist es viel geiler". Das motiviert natürlich auch nicht besonders. Ich sitze in dieser geilen Stadt und finde alles scheiße. Das hat mich dann noch zusätzlich deprimiert, weil ich das Gefühl hatte, dass ich nirgendwo hin kann. Ich dachte, ich sitze auf der Spitze des Scheißhaufens, wo die Luft noch am besten ist.
"

Neben den oft melancholischen Geschichten sind die Texte auch stark von Gedichten und Prosa beeinflusst. Aktuell habe Tobias Zehn neue Bücher für die Tour dabei. In Lyrik hat er sich wiedererkannt und Beschreibungen gefunden, die auf seine Situation zutreffen, die er so nicht beschreiben konnte:

Ich bin halt zwischen Bücherregalen aufgewachsen, Lyrik und so ein Zeug. Aber das hat mich nie so wirklich interessiert und in der Schule habe ich dann irgendwann Herman Hesse für mich entdeckt. Das war dann so der Moment wo ich gedacht habe: endlich drückt jemand aus, was ich empfinde. Das war alles so unglaublich treffend, das hat mich geflashed – das wollte ich auch machen.

Die Band erzählt noch, dass sie eigentlich schon wieder ziemlich viel Material zusammen habe, Tobias durchgehend am Texte schreiben ist und es immer etwas gäbe, über das man singen könnte. Und wenn sich Berlin nicht plötzlich zu einer durch und durch fabelhaften und makellosen Stadt entwickelt, wird es sehr bald neues von Isolation Berlin zu hören geben.


Von:
Sören Heuer