Interview mit The Frights

Kaum ein Song hat die Radio Q Musikredaktion dieses Jahr so begeistert wie “Over It” von The Frights. Die vier sympathischen Jungs aus Kalifornien waren mit ihrem explosiven Punk nun das erste mal in Europa unterwegs. Ein Grund genug für unseren Radio Q Musikreporter Jan-David Wiegmann sie vor ihrem Auftritt im MTC in Köln zu besuchen und mit ihnen über Hypochonder, Splatterfilme und Kölsches Wasser zu sprechen.

Richard: Dürfen wir hier eigentlich fluchen?

Jo ich meine wir sind ein Campusradio, macht was ihr wollt!

Richard: Oh super!

Ihr seid jetzt das erste mal in Deutschland und generell in Europa auf Tour. Was sind eure Eindrücke?

Marc: (ironisch) Vom Rest Europas bin ich ein bisschen enttäuscht, aber Deutschland liebe ich, hier ist es am schönsten. Nein, Spaß beiseite, die ganze Tour ist einfach großartig und wir sind so froh hier zu spielen. Wir hatten fantastische Shows, die echt alle meine Erwartungen übertroffen haben.

Dabei tourt ihr ja gerade durch das kalte Deutschland, der Winter kommt. Das muss für euch Kalifornier doch irgendwie unangenehm sein oder?

Marc: Also wir sind ja auch schon durch kalte Orte in Amerika getourt, aber es ist echt eine Umstellung! Ich hätte mir echt eine Winterjacke kaufen sollen…

Mikey: Also ich mag diesen Kontrast. Zuhause ist es mega heiß und hier fühle ich mich manchmal wie ein großes Baby, das sich den Arsch abfriert…

Marc: Gestern in Berlin hat es geschneit und zwar mit so richtig fetten Schneeflocken. Das war dann nicht mehr Berlin, sondern eher “Brrrlin”... (lacht)

Richard: Warte ich will hier im Interview noch klarstellen, dass der Witz ursprünglich von mir kommt!!! (lacht)

Heute seid ihr dann wohl in “Coldlogne”...

Jordan: Oha du machst auch Dad-Jokes… (lacht)

Dann sollten wir am besten schnell über eure Musik sprechen! Während euer erstes Album noch wie ein Surftrip mit den Misfits klang, ist euer aktuelles Album eher eingängig und geht eher in Richtung Indie Rock. Woher kommt der Stilwechsel?

Mikey: Unser erstes Album kam raus als wir so 18 waren. Inzwischen sind wir 24, 25. Von daher ist das glaube ich auch eine natürliche Entwicklung, was Sound und Songwriting angeht. Wir hatten unser erstes Album, dann kam “You Are Going To Hate This”, das ausgefeiltere und energetischere Punksongs hat. Jetzt zweieinhalb Jahre später ist unser aktuelles Album Hypochondriac so etwas wie ein Rückblick auf all das was wir bereits gemacht haben und zeigt einen Reifeprozess. Wir sind mit der Zeit einfach mehr gereift sowohl im Leben als auch als Musiker.

Mögliche Reaktionen auf euren neuen Sound, kommentiert ihr ja auf eine ironische Art im Musikvideo von “Over it”. Auf einem Dokument kann man dort lesen “Their Surf Punk Shit was way better…”. Das ist eine entspannte Art mit nörgelnden Fans umzugehen. Trifft euch Kritik also gar nicht?

Jordan: Wir sind da ziemlich locker! Wir haben Kritik schon erwartet, denn es gibt immer diese Kids, die wollen, dass man immer gleich klingt. Für uns ist das nichts. Wenn wir 10 Jahre lang immer das gleiche Album aufnehmen würden, würden wir irgendwann unseren Verstand verlieren…

Marc: Und diese ganze Surf Punk Geschichte ist tot! So viele Bands machen das schon seit  Ewigkeiten. Da wollten wir einfach was neues machen. Aber das ganze ist echt ohne Zwang, auf ganz natürliche Weise entstanden. Wir hatten einfach viel Spaß bei den Aufnahmen.

Auch die Texte sind auf Hypochondriac persönlicher und emotionaler geworden. Es geht viel um Ängste und Trennungen. Und Mikey, du bezeichnest dich auch selbst als Hypochonder. Sollte das Album also auch eine Selbsttherapie sein?

Mikey: Ich war echt immer ein schlimmer Hypochonder. Mit der Zeit ist das zum Glück besser geworden. Ich habe mich während der Aufnahmen dann viel damit beschäftigt. und jedes mal, wenn wir einen Track aufgenommen haben oder ich etwas geschrieben habe, habe ich mir gedacht: “Was für ein Spinner bist du eigentlich? Davor hast du Angst?” Ich denke viel über meine Gefühle nach und vor allem über diese Angst vor dem Krankwerden und Sterben. Da werde ich verrückt. Es hat echt geholfen dieses Album aufzunehmen und über meine Ängste zu reden.

Und Hypochondriac wurde von FIDLARs Zac Carper produziert. Die Jungs kommen ja aus einer ähnlichen Richtung. Wann habt ihr beschlossen zusammenzuarbeiten?

Mikey: Das war kurz bevor “You Are Going To Hate This” rauskam, also 2015. Wir waren schon immer große Fans von seiner Musik und haben ihn dann einfach kontaktiert. Er hat dann auch geantwortet. Erst wollte er nur einen Song für uns produzieren, aber dann haben wir auch mit FIDLAR ein paar Shows gespielt und naja, am Ende hat er unser ganzes Album produziert. Er wurde immer mehr unser Mentor und großer Bruder.

Richard: Und er ist ein Sack! (lacht)

Eines der absurdesten Musikvideos des Jahres ist das von eurem Song ”Me and We and I”. Das Video mischt Strand Atmosphäre mit Splatterelementen. Wie kamt ihr auf die Idee zum Video?

Richard: Wir haben uns da von einem Musikvideo aus den 80ern inspirieren lassen, das uns unser Manager gezeigt hat. Der Typ heißt Bertie Higgins und sein Song “Key Largo”. Mehr 80s als dieses Video geht nicht. Er trägt ein Hawaiihemd und ist auf einem Boot mit seiner Geliebten. Dann weht der Wind durch ihr Haar und das alles mit so einer klischeehaften Seriosität – das ist echt komisch. Wir haben das Video dann Shot für Shot nachgestellt und noch ein bisschen Gore hinzugefügt, man muss ja auch ein wenig schocken. (lacht)

Bei der Produktion des Videos haben wir uns ein bisschen verplant und hatten nicht die Zeit, die es eigentlich gebraucht hätte. Aber trotzdem hat es Spaß gemacht und es ist echt ein albernes Video – also genau das was wir machen wollten.

Marc: Wir fanden es auch eine gute Idee uns alle Oberlippenbärte für das Video wachsen zu lassen. Aber wir hatten diese Idee erst zwei Wochen vor dem Videodreh, von daher konnte niemand von uns wirklich einen ordentlichen Bart bekommen, außer vielleicht Jordan. (lacht)

Hat auch eine gewisse Erotik das Video… Aber um noch mal auf die Gore Elemente zurück zu kommen  seid ihr auch Fans von Splatterfilmen und wenn ja, was sind eure Favoriten?

Marc: Ich liebe diese Filme seit der Middle School. Damals war ich so 13,14. Auf einer Geburtstagsparty haben wir uns dazu entschieden das originale Texas Chainsaw Massacre zu schauen. Dabei haben wir ein Spiel gespielt und zwar haben wir uns alle einen der 5 Hauptcharaktere ausgewählt und wenn der, den man gewählt gestorben ist, musste derjenige den Raum verlassen. Das war schon lustig! Ich liebe vor allem diese alten Splatterfilme wie den originalen “The Hills have Eyes”. Für mich gibt es nichts besseres!

Mikey: Ich mag eher so die cheesigen Splatterfilme wie “Evil Dead 2”. Da muss was explodieren und Blut spritzen. Ich mag diese “praktischen” Splatterfilme...

Richard: So wie in “Scanners”, wo ihm der Kopf explodiert?

Alle: Yeahhhh!!!

Richard: Das ist so krank! Warum machen die das heute nicht mehr?

Jordan: Hast du dir schon mal “Creepshow 2” angesehen? Das ist mein Favorit! Das sind so Kurzgeschichten und da ist alles dabei: Einmal gehen da Kinder raften und plötzlich kommt ein Monster aus dem Wasser und reißt die in den Fluss – einfach fantastisch. Oder die Geschichte von dieser Frau, die einen Typen totfährt und Fahrerflucht begeht. Doch dann begegnet der Tote ihr immer wieder und bringt sie später um und sagt den Satz “Thanks for the ride!” (Ahmt die Stimme nach, was ihm perfekt gelingt, alle lachen)

Mein lieblings Splatterfilm ist “Braindead” von Peter Jackson!

Mikey: Ach das ist der, wo die Mutter stirbt und dann zum Zombie wird, während die eine Party machen oder?

Jordan: Du meinst “Herr der Ringe”? (lacht)

Mikey: Nein nicht dieses verfluchte Herr der Ringe sondern wie hieß der nochmal – ach ja in Amerika heißt der “Dead or Alive” daher war ich etwas verwirrt…

In Deutschland ist der tatsächlich auf dem Index!

Jordan: Sind nicht auch ein paar Cannibal Corpse Alben hier auf dem Index wegen ihrer Cover?

Ja die müssen zum Teil sogar alternative Artworks nehmen. Aber kommen wir vom Splatter jetzt zu Weihnachten… 2016 habt ihr einen ziemlich ironischen Weihnachtssong aufgenommen und zwar “Christmas Everyday”. Jetzt steht Weihnachten wieder vor der Tür. Plant ihr noch mehr Weihnachtssongs rauszubringen wie Sufjan Stevens, oder jetzt eventuell auch die Smashing Pumpkins?

Marc: Oh mein Gott, Sufjan Stevens “Christmas Unicorn” ist einer der besten aktuellen Weihnachtssongs, ich liebe ihn! Falls ihr den nicht kennt, der Song ist 12 Minuten lang – so lang und so gut, ein richtiger Opus. (lacht)

Mikey: Aber wir machen keine weiteren Weihnachtssongs. Wir haben den einen und der ist gut angekommen. Hinterher sagt wieder wer “Euer Surf Punk Weihnachtssong war aber viel besser”. (lacht)

Besonders amüsant ist auch eure Gründungsgeschichte. Ihr wolltet ja anfangs nur ein Konzert spielen und euch dann wieder auflösen. Was für eine verrückte Idee, was steckt dahinter?

Richard: Das ganze ist ein wenig unter Zeitdruck entstanden. Unser ehemaliger Drummer kam damals für Weihnachten vom College wieder in unsere Heimatstadt. Er und Mikey hatten damals zu zweit schon ein Bandprojekt. Wir haben uns dann angeschlossen und wollten schnell einen gemeinsamen Auftritt spielen und danach aber wieder zurück in die Schule. Wir haben also einfach ein paar Songs geprobt und uns einen ranzigen Laden für die Show gebucht. Das ganze haben wir halt echt nur so zum Spaß gemacht. Dann haben wir unsere Show gespielt und gerade als wir danach beim Zusammenpacken waren, kam dieser Typ an, der in der Location arbeitet und meinte er würde gerade ein Plattenlabel in unserer Heimatstadt gründen und ob wir nicht Bock hätten dort was zu veröffentlichen. Wir haben ihm dann versucht klarzumachen, dass das ganze nur ein Projekt zum Spaß sei und wir nur diese eine Show spielen wollten. Aber irgendwann hat er uns überzeugt bekommen zu ihm zu kommen und naja, jetzt machen wir schon seit inzwischen 5 Jahren diesen Bullshit… (lacht)

Und jetzt tourt ihr durch Europa und seid bei Epitaph gesignt. Eigentlich ist das ja der Traum von jeder kleinen Punk Band, mal bei Epitaph unter Vertrag zu stehen. Wie habt ihr euch gefühlt, als der Deal geklappt hat?

Marc: Ich konnte das erst gar nicht glauben! Eigentlich sind die ja für eine andere Art von Punk bekannt. Aber inzwischen öffnen die sich immer mehr! Wir mögen inzwischen echt viel von dem Zeug, das die veröffentlichen! Zum Beispiel die Band “The Garden”, mit denen wir auch getourt sind. Die hatten nur gutes über das Label zu berichten! Als wir dort unterschrieben haben, war “Hypochondriac” auch schon so gut wie fertig – da hat uns dann auch niemand mehr rein geredet. Alle Labelmitarbeiter waren super freundlich und hilfsbereit

Jordan: Sie lassen uns einfach machen, was wir wollen. Viele Leute denken, Labels würden da mitmischen, aber hier ist das echt nicht so. Die Leute von Epitaph geben uns immer grünes Licht und lassen uns machen.

Klingt nach einem relaxten Label. Ihr habt nicht so viel Zeit zum relaxen, denn ihr habt in den letzten 2 Monaten knapp 30 Auftritte gespielt. Eine ganz schöne Menge. Wie schafft ihr es eure Motivation hochzuhalten?

Richard: Man braucht nicht viel Motivation, wenn man das erste mal in Europa ist. Wir erforschen hier jetzt für zwei Wochen einen, für uns, ganz neuen Teil der Welt. Selbst wenn wir 60 Shows am Stück gespielt hätten, würden wir uns auf jede weitere Show hier freuen!

Und die beginnt auch gleich, von daher lasst uns jetzt zur letzten Frage kommen. Mikey, in “Me and We and I” singst du “I put my clothes on, a hint of cologne”. Heute spielt ihr in der Stadt wo das Kölsche Wasser herkommt. Überlegt was mitzunehmen?

Mikey: Ich werde heute ein Stück von jeder Person beim Konzert mit nach Hause nehmen. Ein Stück Haar oder Haut und das ist dann mein persönliches Kölsches Wasser... (lacht)

Marc: Das ist dann auf jeden Fall mein neuer lieblings Splatterfilm!


Von:
Jan-David Wiegmann