Wolf Parade - Cry Cry Cry

Rezensiert von Janet Rogalla

Wenn der Schöpfungsmythos einer Band mit einem Auftritt als Support von Arcade Fire beginnt, dann stehen die Vorzeichen enorm gut. Wenn dieselbe Band nach sieben Jahren Pause ein Album raushaut, das den Indie-Rock zu neuem alten Leben erweckt und den totgeglaubten Legenden dieses Genres eine Stimme verleiht, so möchte man Weinen vor Freude. Aber mit "Cry,Cry, Cry" als Albumtitel soll keiner behaupten, Wolf Parade hätten uns nicht gewarnt.

In den letzten Jahren war es recht still um die Band aus Montreal. Nach dem starken Debüt "Apologies To The Queen Mary" im Jahr 2005 waren die folgenden zwei Alben gut, aber ein wenig beliebig. Ein Phänomen, das viele Indie-Bands in den letzten Jahren leider häufig begleitet. Sieben Jahre und einige Solo-Projekte später kommen die vier Kanadier wieder zusammen und haben sich aus dem Schatten ihres großartigen Debüts befreit: Sie überraschen, sie begeistern und sie verhelfen dem guten alten Indie-Rock zu neuem Glanz: Vielschichtig instrumental wie Arcade Fire (natürlich) mit aufgedrehtem, leicht manischen Gesang und charmantem Pop-Appeal á la Modest Mouse, verflochten mit einem düster-wuchtigen Post-Punk, den man von Bands wie Interpol kennt. Und hört man da nicht auch Death Cap For Cutie heraus? Produzent John Goodmanson sei Dank: Ja! Wenn Sänger Spencer Krug dann auch noch David Bowie seine Stimme verleiht (oder ist es umgekehrt?), wird es so schön wie auf einem Indie-Klassentreffen, nur dass es dafür lediglich eine Band braucht.

Wolf Parade bieten auf "Cry Cry Cry" abwechslungsreichen Indie-Rock mit funkensprühendem Facettenreichtum, der beim ersten Hören gar nicht vollständig zu erfassen ist: Düstere, vom Klavier getragene Hymnen ("Lazarus Online"), quirlig fröhlicher Synthie-Rock und Post Punk ("You're Dreaming"), verspielte und instrumental ausufernde Arrangements ("Incantation"). Stets kurzatmig und sorglos leicht in seinen Einzelelementen, aber mit einer Riesenportion Kreativität auf langer Strecke! Instrumental gefeierte Melancholie ("Weaponized") trifft flott-freudige und bissige Pop-Rhythmen ("Who Are Ya"), abwechselnd oder – man staune - ineinander verwoben ("Am I An Alien Here"). Jetzt haben noch wallende Pianoakkorde ihren Auftritt, in der nächsten Sekunde übernimmt die Gitarre die Hauptrolle.

Nachdem man all diese Musikelemente in Songs verschiedenster Färbung glückselig mit stets wippendem Bein verarbeitet hat, kann man sich endlich auch konzentriert dem Text widmen. Man kann nicht nur, man muss! Ebenso facettenreich wird nämlich die US-Präsidentschaftswahl aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Hier wird der fehlgeleitete Glaube vieler Menschen an einen selbsterklärten Halbgott in Blond diskutiert ("You're Dreaming"), dort findet man wüst-beleidigende Wortakrobatik adressiert an einen geldgierigen Mauer-Fanatiker: "When the king is made of paper, and the king is made of piss, the king is coming down the fucking wall" ("King of Piss and Paper"). Ob Leonard Cohen, der einen Tag vor Trumps Wahl gestorben ist, etwas geahnt und sich deshalb aus dem Staub gemacht hat? "The radio's been playing all your songs, talking about the way you slipped away up the stairs. Did you know that it was all gonna go wrong? Did you know that it would all be more than you could bear?" ("Valley Boy").

Während andere alteingesessene Indie-Bands mit verzerrt sirenigen Gitarren und penetranten Synthie-Einsätzen dem Trend der Zeit nacheilen, schaffen es Wolf Parade auf dem Album "Cry Cry Cry" mit der geschickten Verflechtung typischer Indie- und Post-Punk-Elemente relevant zu bleiben und den Durst einer Musikgemeinde zu stillen, die nach den guten alten Zeiten lechzt. Schön!


Label: 
Sub Pop
VÖ: 
06.10.2017
Herkunft: 
Montreal, Kanada