Vampire Weekend - Father of the Bride

Rezensiert von Jan-David Wiegmann

Alles neu macht der Mai - das gilt besonders für das neue Album von Vampire Weekend. Während draußen Mutter Natur Pflanzen und Bäume wieder mit Farbe bepinselt, erreicht die Band um Frontmann Ezra Koenig auf “Father of the Bride” ihren kreativen Höhepunkt und erfindet ihren Sound mehrfach neu.

Als 2008 das selbstbetitelte Debüt erschienen ist, wurden Vampire Weekend mit ihrem experimentellen Indie Rock den es so noch nicht gegeben hat, über Nacht zu den gefeiertsten Stars der Szene. Doch spätestens nach dem dritten und bisher letzten Album “Modern Vampires of the City” schockte die Band mit ihrem verspulten Indie Rock kaum noch. So war es vermutlich notwendig, dass die Band nun 6 Jahre brauchte um mit neuem Material um die Ecke zu kommen. In der Zwischenzeit hat Keyborder und Gitarrist Rostam Batmanglij die Band verlassen, Bassist Baio und Drummer Chris Tomson Solo Projekte verfolgt und  Koenig war gern gesehener Feature Gast, zum Beispiel beim Produzenten SBTRKT. Die Pause hat wohl zu einer Kreativitätsexplosion geführt - ganze 18 Titel befinden sich auf “Father of the Bride” und die verzücken alle mit eigenen Charakteren und enormen Einfallsreichtum.

Wo “Modern Vampires of the City” wohl das dunkelste Album der New Yorker war, scheinen hier allen Songs, zumindest oberflächlich, in den buntesten, sommerlichsten Farben. “Harmony Hall”, die erste Single des Albums kommt mit einer lockeren Pianomelodie und teilweise verspulten Gitarren um die Ecke, die den Song nach radiotauglichem, angenehmen Sommer-Indie klingen lassen. Doch der Refrain kommt plötzlich mit einem “I don’t wanna live like this, but I don’t wanna die” um die Ecke und bringt die gesamte Zukunftsangst der Generation Alles-Wollen-Aber-Nichts-Wirklich-Können auf den Punkt. Ein Song der nicht früher und nicht später hätte erscheinen dürfen um so sehr zu polarisieren.

Doch die stärksten Stellen hat das Album dort, wo Vampire Weekend Genregrenzen in Frage stellen und Songs komponieren, wie wir sie weder von der Band noch anderen Genre-PartnerInnen kennen. So überzeugt der Opener “Hold You Know” auf mehrere Weisen. Hier kollaborieren Vampire Weekend mit Danielle Haim der Band HAIM und das obwohl sich die Band bisher kaum Gäste auf ihre Platten geholt hat. Haim und Koenig verkörpern hier ein Paar, das sich während der Hochzeitszeremonie trennt. Dazu stößt nach jeweiligem Part abrupt ein gepitchtes Sample eines melanesischen Kinderchores auf Hans Zimmers Soundtrack zum Anti-Kriegs Film “The Thin Red Line”. Der Break zwischen Strophe und Sample ist unglaublich stark und mitreißend.

Auch den Song “Big Blue” der irgendwo zwischen George-Harrison-Spiru-Sound und den vertrackten Animal Collective pendelt und so das Publikum in Trance versetzt, hätte man so von der Band nicht erwartet. Und mit “Sympathy” wartet ein Song, der Rio de Janeiros Karneval in Berliner Untergrund Rave Clubs holt. Vermutlich der tanzbarste Song den die Band je geschrieben hat. Und dabei kritisiert Koenig in diesem Song mit den Zeilen” Judeo-Christianity, I'd never heard the words
Enemies for centuries, until there was a third”, die jüdisch-christliche Islamophobie eines Donald Trump.
Sehr gut tut der Band die Zusammenarbeit mit Steve Lacy von the Internet. Auf “Sunflower” und “Flower Moon” liefert er ein hypnotisierendes Gitarrenspiel. Lacy selber wurde durch den Vampire Weekend Song “A-Punk” zum Gitarrenspiel verleitet - jetzt spielt er Seite an Seite mit seinen damaligen Idolen. Wo es an anderen Stellen heißt, dass zu viele Köche den Brei verderben, ist es hier sehr schön zu sehen, wie das Band Konzept hier der Idee eines Kollektivs weicht.
In der Mitte des Albums schafft “My Mistake” einen Stimmungsbruch, indem Koenig hier Balladenartig von einer an der Grenze gescheiterten Flucht erzählt. Dazu Piano, Saxophon und Orgelklänge wie man sie ansonsten eher von Beirut gewohnt ist.

Allein an den vorgestellten Songs, zeigt sich der textlich und musikalisch vielfältige Charakter von “Father of the Bride”. So besitzt das Album die schwächsten Momente bei den erwartbaren Songs, wie das im Refrain schon schlageresk anmutende “We Belong Together” oder “Stranger”, das bei den 18 Songs wie Füllmaterial daher plätschert und unheimlich generisch wirkt.

Außerdem sollte der Wechsel der Band von XL Recordings zu Sony kritisch angemerkt werden. An der radikalen Promostrategie des Majors, zeigte sich mal wieder die Maschine der Kulturindustrie. Spotify exklusive Vinyl Pressungen, der Schriftzug des Labels in riesigen Buchstaben auf dem Albumcover und eine enorm groß angelegte Werbekampagne hinterlassen einen bitteren Beigeschmack beim Hören.

Trotzdem bleibt “Father of the Bride” ein starkes Album, an dem man einen Entwicklungsprozess und das kreative und musikalische Potential Vampire Weekends erkennen kann. Das Album schafft es durch vielfältig arrangierte Songs, harmonierende Gäste und Genreüberschreitungen auf ganzer Linie zu überzeugen. Ein spannendes Album, dessen Einfluss man jetzt noch gar nicht abschätzen kann.


Label: 
Spring Snow / Columbia / Sony Music
VÖ: 
03.05.2019
Herkunft: 
New York, USA