Snow Patrol - Wildness

Rezensiert von Philipp Moser

Mit “Wildness” melden sich Snow Patrol nach sieben Jahren Auszeit zurück. Und um es direkt vorne weg zu sagen: Neu erfunden haben sich Snow Patrol in der Zwischenzeit nicht - “Wildness” fühlt sich nicht wild an wie ein brüllender Löwe. Es ist eher die Wildnis der unberührten Landschaft. Eine Art post-distopische Welt, in der die letzten Rauchschwaden der großen Katastrophe verschwinden und man ziemlich viel Leere vor sich hat. Aber wo nichts ist, da ist Platz für viel Neues. Frontmann Gary Lightbody beschreibt das Album als das bisher persönlichste - und schaut man sich das Leben des Nordiren an, dann erkennt man schnell, dass “Wildness” eine Art musikalische Biographie ist. Und darin verarbeitet er seine Depressionen, seine Alkoholsucht und die Demenzerkrankung seines Vaters. Man kann bei diesen Zeilen schon erahnen: Zum Tanzen im Sonnenschein ist das Album nicht geeignet, es ist vielmehr ein Aufbaumittel für schwere Zeiten. Wie die freundlich-wärmende Umarmung eines guten Freundes.

Los geht es mit “Life on Earth”. Passend ins Bild der unberührten Natur singen Snow Patrol hier vom “first winter of my life”. Fängt der Song noch recht schwergängig an, baut der Refrain einen sowohl musikalisch als auch textlich auf. Frei nach dem Motto: Ja, manchmal ist das Leben schwer. Aber geht’s uns nicht allen so? So ist halt das Leben. Auch “Don’t give in” ist ein mutmachendes Lied. Als Lightbody begann den Song zu schreiben, dachte er erst, er würde ihn für einen guten Freund schreiben. Mit der Zeit aber begriff er dann, dass er da eigentlich über und für sich selbst schreibt. Snow Patrol bezeichnen den Song selbst als “Talisman des Albums”. Die Botschaft hierin ist recht klar: Gib nicht auf, mach weiter. Auch in “Empress” finden wir dieselbe Botschaft wieder. Jedoch wirkt dieser Song durchweg leichter und beschwingter.

Musikalisch stechen auf dem Album zwei Songs heraus. “A dark switch” und “A youth written in fire” warten mit einem für Snow Patrol ungewöhnlichen Ton- und Soundfeuerwerk auf. Wie eine Mischung aus Glühwürmchen und Regentropfen ist hinter Lightbodys Gesang und der Gitarre einiges los. Der Refrain von “A dark switch” hat dabei sogar ESC-Potential (ob das jetzt ein positiver oder negativer Punkt ist, darf jeder selbst entscheiden). Klassischen Snow Patrol-Sound gibt es dann wieder bei “What if this is all the love you ever get?”. Eine wunderschöne Ballade bei der Lightbodys gefühvolle Stimme ihre Stärken voll ausspielen kann. Und auch hier haben wir wieder eine aufmunternde Botschaft: Du hast Angst davor, dass es weh tun wird? Ja das wird es, aber damit bist du nicht allein. Das Gefühl kenn ich auch, komm in meine Arme. Ein Angebot von Lightbody, das man beim Hören des Songs nur zu gerne annimmt. Schwermütig wird das Album dann nochmal bei “Soon”. Ein Song, der sich zu 100% um die Demenzerkrankung von Lightbodys Vater dreht. Musikalisch trifft einen die schwere der Thematik voll. Als Hörer blickt man hier in eine dunkle Zukunft, aber wieder erinnern einen Snow Patrol daran, dass man mit seinen Problemen nicht allein in der Welt ist.

“Wildness” ist sicher nicht die leichteste musikalische Erfahrung, schafft es aber trotz der thematischen Schwere mit einem positiven Gefühl herauszukommen. Und dieses Gefühl wird besonders dadurch geschaffen, dass Gary Lightbody eine sehr intime Atmosphäre schafft und den Hörer an seinem tiefsten Inneren teilhaben lässt. Musikalisch ist es nicht der Neuanfang oder das Abwerfen alter Last, wie der Grundtenor der Texte vermuten lässt. Aber so lange Snow Patrol es schaffen, wie bisher einen ins Herz zu treffen, ist so ein Neuanfang gar nicht nötig. Das Album endet mit “No, I don't know how it ends for both of us, but why would you need to know the end, my dear?”. Da bleibt wohl nurnoch die Frage, wie es mit Snow Patrol weitegehen wird.


Label: 
Polydor
VÖ: 
25.05.2018
Herkunft: 
Schottland