Sleaford Mods - English Tapas

Rezensiert von Manon Hütter

Hingerotzte Barrikadenrufe vor süffiger Pub-Kulisse, die Neunte? Aber sicher doch! Jason Williamson pöbelt in altbekannter Finesse was das Zeug hält, während Andrew Fearn die Drum Machine anschmeißt. Denn mal ehrlich: Hat echt jemand auf eine mysteriöse Metamorphose zur catchy Hip Hop-Combo gepokert? Natürlich nicht! Will das jemand? Wo denkste hin! Denn wenn die Sleaford Mods eines in Perfektion beherrschen, dann sind das instrumentierungsarme Motztiraden auf einem einfachen Gerüst aus Lo-Fi Beats, wummerndem Bass und bellenden Shouts. Einzig etwas mehr Alltagshumor fließt in die politische Abrechnung, was vielleicht auch an der neu entdeckten Liebe zur Produktion von Papier-Mâché Tierchen liegen mag.

"Moptop" huldigt stupide einem Dino-Charakter aus Jasons trashiger 80er Lieblings-Kinderserie. Because why the fuck not? Lyrische Ergüsse wie "I had an organic chicken, it was shit!" ("Cuddly") versuchen nicht groß um den Brei herum zu reden, sondern sind Paradebeispiele für ungewollte trockene Komik. Intoniert von fast schon humoristisch wirkendem semisouligem E-Piano. Ähnlich augenzwinkernd platzierte Bonbons finden sich im Vogelgezwischer- Sample auf "Time Sands" und "Drayton Manored"s Supermarkt-Checkout-Piepen. Letzterer erzählt dabei das Schauermärchen davon, alleine vehementen Alkoholkonsum zu praktizieren, um dann via Taxi Nachschub im nächstbesten Supermarkt zu erwirtschaften. Also alles genau so, wie man sich Englische Tapas vorstellt: Matschige Pickled Onions an Pommes voll ranzigem Frittenfett. Schön? Nein, aber der Illusion gibt sich ja auch gar nicht erst jemand hin.

Die Pöbelromantik und der angepisste Zorn sind die Alten, musikalisch bandelt "English Tapas" teilweise sogar mit so etwas Ähnlichen wie Melodien an. Sei das nun in Form von Jasons Versuchen wie bei "Just Like We Do" und "I Feel So Wrong" passagenweise vom monotonen Sprechgesang zu tatsächlichen Gesangsanleihen überzugehen oder aber durch die teils weniger rumpeligen Beats. Fast möchte man meinen, Andrew Fearn habe dem Soundbett tatsächlich mehr als 20 Minuten gewidmet. Wäre aber blasphemisch.

Die Mods sind Poeten des nicht ganz so greaten, sondern ziemlich vermurksten Britannien, was für eine Cuisine steht, die genauso deprimierend und ranzig wie auch die Kernthematik von English Tapas ist: Kritik an der ewig ratternde Kapitalis-Musmaschine und der lethargischen Gesellschaft. Wo andere versuchen, die Kotze in der Bürgersteigrinne zu verdecken, kotzen die Mods nochmal obendrauf, ermöglichen skurril poetische Realitätspeitschen des Hasses und eine Erweiterung des eigenen Schimpfwort-Registers um diverse formschöne Slangbeleidigungen.

Geschossen wird dabei nach allen Seiten, sei das nun auf den Musikjournalismus "You and your mates are experts, you get on my fucking tits" ("Just Like We Do") oder den korrupten Geschäftsführer der Kette British Home Stores ("B.H.S"). Und so beschissen wie die momentane Weltlage ist, liefern die Mods das, was wir alle am meisten brauchen: Zwei erhobene Stinkefinger und kein verklärtes Gesülze, sondern ehrliche Hass-Hymnen für alle!


Label: 
Rough Trade Records
VÖ: 
03.03.17
Herkunft: 
Nottingham, UK