The National - Sleep Well Beast

Rezensiert von Janet Rogalla

"You said we're not so tied together. What did you mean? Meet me in the stairwell in a second, for a glass of gin". Eine Einladung zum Gin für den auf Konzertbühnen stets am Wein nippenden Matt Berninger? Alles schreit bereits im Albumopener "Nobody Else Will Be There" nach Veränderung. Darüber kann auch die gewohnt eindrucksvolle Baritonstimme des The National-Frontmanns nicht hinwegtäuschen, die einen mit Gänsehaut in die urban aufgeklärte Melancholie des neuen Albums "Sleep Well Beast" entführt.

Überraschend fokussiert behandelt die New Yorker Indie-Rock-Band auf ihrem siebten Album "Sleep Well Beast" das Loslassen und Ringen mit sich selbst, das Ausbrechen und Wiederkommen in menschlichen Beziehungen. Sei es innerhalb der Partnerschaft oder musikalisch in der eigenen Band. In den vergangenen Jahren haben sich alle Bandmitglieder den verschiedensten Nebenprojekten gewidmet und ihren musikalischen Horizont von Klassik bis hin zum Experimental-Rock erweitert. Das musikalische Fremdgehen hat sich gelohnt: The National haben nach 18 Jahren Bandgeschichte gelernt, ihre Musik loszulassen und zu zerstören, um wilder und experimenteller zu werden.

Vielseitige Klanglandschaften von harmonischen Piano- und Streicher-Sätzen bis hin zu wüst rumorenden Blasinstrumenten. Oft durchbrochen von stoisch vertrackten Schlagzeug-Rhythmen, immer intelligent zu vielschichtigen Arrangements verwoben. Mit ihren Ecken und Kanten werden The National seit jeher geliebt. Doch dieses Mal gehen sie weiter und entfesseln das "Beast", lassen es in den verschiedensten Klang- und Synthie-Atmosphären jagen, stacheln es an mit treibenden Drums und überstrapazierten, sirenigen Gitarrenriffs, die wie Blitze in die liebgewonnene Vertrautheit einschlagen ("The System Only Dream In Total Darkness"), um es schließlich mit der gewohnten Harmonie und einer ungewohnt offenen Liebeserklärung in Ruhe und Sicherheit zu wiegen ("Born To Beg").

"Sleep Well Beast" hat keine Angst vor den Spannungen und geheimen Wünschen, die sich in jeder menschlichen Beziehung ergeben. Mit direkter und schonungsloser Ehrlichkeit behandelt das Album Themen wie Alkohol- und Drogenkonsum ("Walk It Back"), Abwesenheit und Gelegenheiten zum Fremdgehen ("Nobody Else Will Be There"), aber auch reflektierte Selbstzerfleischung ("I'll Still Destroy You") und die Angst, das Vertraute und Liebgewonnene zu verlieren ("Day I Die").

Wenn Matt Berninger in "Turtleneck" so rockig, bedrohlich und hart wie nie zuvor seiner Unzufriedenheit Ausdruck verleiht - sei es über den elterlichen Zwang, einen Rollkragenpullover tragen zu müssen oder über Trumps Wahl zum Präsidenten - wird der Wunsch nach Grenzüberschreitung mehr als deutlich: Ein Greifen nach mehr Verzerrung mit einer Spur Leichtsinn durch nie dagewesene Gitarrensoli. Aber auch immer mit Raum im gewohnten The National-Kosmos, um mit aufgeregt pochenden Herzen die erreichte Distanz zu reflektieren ("Empire Line"). Man scheut sich noch nicht einmal das drohende Ende einer langjährigen Partnerschaft durchzuspielen und zu reflektieren ("Guilty Line"): Niemals autobiographisch, aber doch mit persönlicher Offenheit.

Wortwörtliche Klarheit und die ehrlich offene Auseinandersetzung mit der (musikalischen) Verführung des Fremden als Ausdruck gelungener Beziehungsarbeit ist das, was einem hier geboten wird. Dabei bleiben The National letztendlich versöhnlich und schunkeln am Ende sogar den skeptischen Hörer in die geliebte Wohlfühl-Melancholie ("Dark Side Of The Gym"): Alles ist ausgesprochen, die Aufregung hallt noch nach. Man hat das getriebene und bisweilen verstörende "Beast" kennengelernt - in sich, im eigenen Partner, in der Musik, in der Welt. Man hat es aber auch lieben gelernt und kann ihm am Ende "Sleep Well Beast" ins Ohr flüstern.


Label: 
4AD
VÖ: 
08.09.2017
Herkunft: 
New York, USA