My Ugly Clementine – Vitamin C

Rezensiert von Carlotta Rölleke

I see that you, you are taller than me, but it's not true that I'm smaller than you“. Vitamin C für die Gleichberechtigung und Ablenkung in der social isolation – das Debütalbum von My Ugly Clementine ist endlich da, genau passend in einer Zeit, in der ich auch wirklich Zeit habe, um es immer wieder rauf und runter zu hören. Wie auf dem Cover von „Vitamin C“, auf dem dem Menschen in Anlehnung an Michelangleos Bild „Die Erschaffung Adams“ eine Clementine gereicht wird, kommt diese unfassbar fröhliche Musik wie eine kraftspendende Quelle. 

My Ugly Clementine ist eine erst letztes Jahr gegründet vierköpfige Band aus Wien, oder wie man sie dort bezeichnet, eine „Supergroup“. Anfang 2019 beschloss Sophie Lindinger, bekannt aus dem Elektro-Pop Duo Leyya, dass sie ihre nebenbei verfassten Songtexte endlich in einer neuen Konstellation umsetzen wollte. Mit Mira Lu Kovacs von Schmieds Puls, Katrhin Kolleritsch und Nastasja Ronck hat sie sich drei talentierte und bekannte Musikerinnen mit ins Boot geholt, eine „Supergroup“ eben, neben der alle vier noch weiter an ihren Soloprojekten arbeiten. Am Valentinstag veröffentlichten die vier ohne großen Erklärung ein erstes Foto ihrer Neugründung und benannten den Tag kurzerhand zum „Clementines-Day“ um. Einen Monat später war ihr erstes Konzert in Wien innerhalb eines Tages ausverkauft – ohne das auch nur ein Ton von My Ugly Clementine veröffentlicht worden war. Die Namen der vier Musikerinnen sprachen schon für sich. 

Just cause my playground wasn't surrounded by man“

My Ugly Clementine legen in ihren Songs den Fokus auf Gleichberechtigung und Empowerment, Themen, die im Leben eine Rolle spielen und auch auf der Bühne mehr stattfinden müssen. Da besteht nämlich auf jeden Fall noch Nachholbedarf und den beginnen die vier,  indem sie keine Frontfrau haben. Die Musik – übrigens total einfach instrumentiert mit zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug – steht im Fokus. Nicht das Geschlecht der Musiker*innen. Keine Frontfrau dominiert, weshalb My Ugly Clementine auch keine female-fronted (sowieso eine schwierige Beschreibung) Band ist, sondern einfach vier Künstlerinnen, deren unterschiedliche Stimmen und der rockige, leicht punkige Sound ihrer Instrumente super gut zusammen funktionieren in Songs, bei denen man sofort gute Laune kriegt und tanzen möchte. Vitamin C über die Ohren für die Seele. 

Das Debütalbum beginnt mit einem Statement in dem rockigeren "Playground", einer der Single-Auskopplungen des Albums, die sofort klar macht, dass Frauen selbstverständlich alles können, was Männer auch können. Eine Welt, in der alle gleich sind und so behandelt werden, in der es egal ist, wer man ist und woher man kommt. Diese Message zieht sich durch fast alle der zehn Songs von My Ugly Clementine. Manche gehen eher in die Richtung Indierock, wie "Who", in dessen Musikvideo die Musikerinnen in der Mitte einer Sporthalle spielen und um sie herum viele unterschiedliche Teenager-Mädchen auf Inlinern durch die Halle fahren und rangeln. Nach dem Motto: "Ist doch egal was die Leute hier sagen, was wir dürfen oder nicht. Wir haben hier einfach Spaß und das ist super so." Die Band schafft eine Balance zwischen fröhlichem, auch ein bisschen befreit anhörendem Ohrwurm-Rock und langsameren Nummern wie "Try me", die vom Blues angehaucht über eine toxische Beziehung reflektiert. Darauf ist "Never Be Yours", der erste veröffentlichte Song der Band wieder ein totaler Gute-Laune-Song, mit einem Video das mindestens genauso viel Spaß macht. Wenn die ältere Frau im Auto, der Typ beim Bewerbungsgespräch, die Kellnerin im Cafe und das kleine Mädchen in ihrem Zimmer anfangen zu tanzen, zaubert mir das ein Lächeln auf die Lippen und ich tanze genauso mit. Das Album schließt mit dem zerbrechlich wirkenden "Peptalk", in dem nochmal jede einzelne Stimme der Musikerinnen zur Geltung kommt, wenn jede von ihnen in einzelnen Strophe über eine komplizierte Beziehung singt. 

 Vitamin C“ ist ein erfrischend fröhliches Album mit einem entspannten Mix aus Indierock, ein bisschen Punk, ein bisschen Pop und ein bisschen Blues, dazu ein thematisch roter Faden durch das Empoerment zur Selbstliebe und Selbstakzeptanz. Das verbirgt sich übrigens auch hinter dem Bandnamen: auf die Clementine als sehr leckere Frucht konnten sich die vier Musikerinnen schnell einigen. Mit dem Zusatz "ugly" soll ein Teil an sich beschrieben werden, mit dem man nicht ganz zufrieden ist und den man dann zu lieben lernt, wie die Frucht Clementine. Das fasst eine der wichtigsten Zeilen dieses Albums zusammen: If you want me to stay, accept the good, the bad, the ugly, the brain“.

 


Label: 
Link Music
VÖ: 
20.03.2020
Herkunft: 
Österreich