Milliarden - Berlin

Rezensiert von Max Hengesbach

Ist das noch Pop, oder ist das Punk? Ganz genau weiß man das nie, wenn man sich die Musik von Milliarden anhört. Für Punk zu weich und für Pop zu rau, so beschreiben sie sich selbst. Aber exakt diese Mischung aus nicht Fisch und nicht Fleisch macht es zu so einem genialen musikalischen Gericht. Serviert mit Texten, die ebenso wechselhaft von Song zu Song ihre Tonalität und Ausdrucksweise ändern. Milliarden schaffen es mit ihrem Album “Berlin”, Milliarden von Gefühlen bei den Hörenden hervorzurufen. Sie nehmen kein Blatt vor den Mund und lassen den Zuhörer gerne mal mit einem skurrilen Kopfkino allein.

So besingen die beiden Bandmitglieder Ben Hartmann und Johannes Aue beispielsweise in “Rosemarie” eine Frau, die auf der Warschauer Straße in Berlin Touristen erschreckt und “voller Melancholie strahlt”. Ein filmreifes Bild. Zu dieser textlichen Kuriosität kommt im Fall von Rosemarie eine noch viel kuriosere Kombination von Instrumenten. So vereinen Milliarden ein tief durchdringendes, poppiges Klavier mit einem rocken Beat. Dazu punkige Gitarren und eine nahezu zerreißende Stimme von Leadsänger Ben Hartmann - Rosemarie ist wohl das, was man einen genialen Mix nennt.

Milliarden können aber auch klassisch. Den typischen Pop-Punk, der auch internationale Größen wie Panic! at the Disco oder Fall Out Boy seit Jahren zu großem Erfolg geführt hat, gibt es auch von Milliarden auf dem Album "Berlin" zu hören. Songs wie “Milliarden Milliarden” oder “Über die Kante” heben deutschsprachige Musik endlich mal wieder auf ein Level, das mit der restlichen Musikwelt mithalten kann. Intelligente, minimalistische Gitarrenriffs und eingängige Pop-Beats, gepaart mit der Ruppigkeit und der Brutalität des Punks sorgen für Ohrwurmpotential.

Der wohl ehrlichste Song des Albums ist dennoch der, welcher der Scheibe seinen Namen gibt - "Berlin". Eine Ode an die Hauptstadt und an eine Generation der Freidenker, Punks und jugendlich Verrückten der vergangenen zwei Jahrzehnte. Milliarden singen von “Stalins Erben” und jungen Wundern die tödlich leben. Hartmann und Aue behandeln auf musikalische Art und Weise das, was den Ur-Berlinern mittlerweile an ihrer Stadt auf den Nerv geht. Alles ist “hip”, “urban” und “neo”, nichts ist mehr übrig vom Berlin der 90er und 00er Jahre. Milliarden treffen den Nerv einer genervten Berliner Gesellschaft und beerdigen die Vergangenheit mir ihrer Version des Protestsongs.

Lieder wie "Berlin" sind die feinen Pralinen zwischen den sehr gelungenen Songs des Albums. Es behandelt seine Hörer nicht immer fair, sorgt nicht für ein Happyend und ist schon recht nicht nach einem Konzept gebaut. Es ist wie Berlin eben ist: So wie et is, und frei Schnauze. Aus diesem Grund ist es für uns das Album der Woche.


Label: 
Vertigo/Universal
VÖ: 
01.06.2018
Herkunft: 
Berlin