Her - Her

Rezensiert von Marvin Hövelkröger

Da baut sich etwas auf. Es wird lauter und lauter, kommt aus dem Hintergrund und drängt sich langsam aber stetig in den Vordergrund, bis es nicht mehr zu ignorieren ist. Und dann ist sie da. Die Sonne. In Form von funkigem Neo-Soul. Der Song “Swim” ist nur ein gut gelauntes Highlight von vielen auf dem Debut Album des französisch-deutschen Pop Duos “Her”. Und doch wohnt dem Album eine fast pathetische Ernsthaftigkeit inne. Und das hat seinen Grund.

Wie umgehen mit der Endlichkeit. Wie reagiert man, wenn man weiß: Ich werde sterben. Diese Frage kreist über dem Album wie ein Damoklesschwert.

Dabei ging das Projekt des Deutschen Victor Solf und des Franzosen Simon Carpentier so unbeschwert lost. Der frühe Song “Five Minutes” wurde bereits für eine Werbekampagne von Apple verwendet. Schlagartig ins Rampenlicht, es hätte alles so rosig werden können. Doch dann der Rückschlag: Simon bekommt die Krebsdiagnose und kämpft in der Folge 6 Jahre gegen die Krankheit. Und verliert am Ende doch. Er stirbt im August 2017. Was antwortet man dem Leben also auf einen solchen Schicksalsschlag? Unter diesen Umständen könnte man durchaus ein schwermütiges Album erwarten.

Doch so wie im Song “Swim” die Mischung aus Soul und Funk eine aufkommende Schwermut durchstößt wie die Sonne eine dichte Wolkendecke, so ist auch der Rest des Albums in der Summe eine Ode an die Lebenslust. An nicht wenigen Stellen klingt es, als wäre es von Pharrell Williams produziert. Und es ist durchaus vorstellbar, dass selbiger zu dem Album durch sein pompöses Studio tanzt und dabei voll “Happy” ist.

Immer und immer wieder wird eine zugrundeliegende Ernsthaftigkeit um etwas fröhliches und schwungvolles ergänzt. Immer wenn man anfängt sich zu fragen was jetzt kommt - oder ob überhaupt noch etwas kommt - setzen sanfte, warme Synths ein. Plötzlich ist es wunderschön, kraftvoll, ja fast sakral. Dabei wirkt das Arrangement nie aufgeblasen. “Her” schaffen es auf simple Weise mit schlichter Eleganz ins Ziel.

Besonders deutlich wird das auch in der Ballade “Good Night”, mit fast 6 ½ Minuten das längste Stück des Albums. Das Saxophon lässt sich seine Zeit. Hier wird nicht gehetzt. Es wird nicht gerannt. Ab und an kann einem schon mal ein dezenter Schauer über den Rücken laufen. Auch Jazz Fans kommen hier auf ihre Kosten. Es kommt einem vor, als sei der Song in wenigen Takes, aber dafür mit einer Wagenladung Leidenschaft entstanden. Das ist pure Liebe zur Musik.

Obwohl Victor das Album alleine fertigstellen musste, ist ihm die Veröffentlichung sehr wichtig. Die Essenz der Musik, die die beiden jahrelang gemacht haben, hat er dabei bewusst erhalten. Herausgekommen ist eine Platte, bei der man die Chemie zwischen den beiden besten Freunden fast greifen kann. Irgendwo zwischen Neo-Soul, Funk und Hip Hop steht dabei stets eine Botschaft im Vordergrund: Verliere niemals die Lust am Leben. Es könnte jederzeit vorbei sein. 


Label: 
Universal
VÖ: 
30.03.2018
Herkunft: 
Deutschland/Frankreich