Frank Turner - Be More Kind

Rezensiert von Tim Rathert

Veränderung! Ein Wort, das Frank Turners Karriere ganz gut beschreibt. Nach seiner Abkehr der anarchistischen Punk-Welt im Jahr 2005 zugunsten einer akustischen Gitarre und Selbstreflexion, kündigte Frank Turner auf seinem letzten Best-of Album "Songbook" eine erneute Wandlung an. Dieses Versprechen setzte Turner nach nur einem halben Jahr Pause auch in die Tat um. Das siebte Soloalbum "Be More Kind" kommt sowohl soundtechnisch als auch thematisch in einem anderen Gewand als seine Vorgänger.

Für die 13 Tracks lange LP holte sich der 36-Jährige Brite neue Produzenten an Bord, namentlich Austin Jenkins, Joshua Block und Charlie Hugall, welche unter anderem schon für White Denim und Florence and the Machine an den Reglern gedreht haben. Die Mixtur aus schnellem und langsamen (Punk-)Rock, Pop und Folk hat man so noch nicht gehört, funktioniert aber überraschend gut. Auffällig neu ist das verstärkte experimentieren mit Synthesizern, Loops und Streichern, welche für Abwechslung auf dem Album sorgen. Thematisch machte sich Turners Geschichtsstudium vielleicht endlich ausgezahlt, indem er sich auf kompletter Albumlänge gesellschaftskritisch und nachdenklich zeigt. Turner verurteilt aktuelle Entwicklungen wie die US-Präsidentschaftswahlen, den Brexit und den Umgang mit der Flüchtlingskrise. Aber auch moderne Erscheinungen wie Technik- und Medienabhängigkeit spielen auf dem Album eine Rolle. Wie das Cover des Albums und der Albumtitel vermuten lassen, spricht sich Turner für ein „aufeinander zukommen“ auf Augenhöhe aus und verurteilt jegliche nationalistischen Strömungen.

Das Album beginnt mit dem ruhigen und souligen Song "Don’t Worry", welcher wie eine tröstende Umarmung klingt. Ein „Alles Wird Gut“ - Track, der trotz etwas kitschig wirkenden Streichern und Claps a la „We Will Rock You“ ein starker Einstieg in das Album ist, vorallem durch Turners talentiertes Songwriting. Punkiger und kompromissloser ist der im Anschluss folgende Track "1933", welcher auch auf Turners ältere Alben gepasst hätte. Turner brüllt smarte, zynische Punk-Poesie in sein Mikro um gesellschaftliche Parallelen zwischen jenem einschneidenden Jahr und jetzigen Verhältnissen klarzustellen. Turner warnt vor einfachen Antworten „Be suspicious of simple answers/That shit's for fascists and maybe teenagers/You can't fix the world if all you have is a hammer“, und singt von einer brennenden Welt. „The world outside is burning with a brand new light/But it isn't one that makes me feel warm/Don't go mistaking your house burning down for the dawn“.

Thematisch schlägt der rock-hymnenartige Song "Make America great again" in dieselbe Kerbe. Turner übt umfassende Trump-Kritik, hebt allerdings auch seine vielen positiven Begegnungen aus den Staaten hervor, die er aufgrund seiner Touren sammeln durfte. Der Song ist mit einem großartigen Refrain samt Ohrwurmfaktor ausgestattet, welcher den Nagel auf den Kopf zu treffen scheint: „Make America great again/By making racists ashamed again/Let's make compassion in fashion again/Let's make America great again“ - lasst uns Mitgefühl wieder in Mode bringen!

Der nachdenklich-ruhige Titelsong "Be More Kind" führt jene Gedanken weiter, ist musikalisch allerdings deutlich interessanter, mit einem Spannungsbogen, der von sich steigernden und abflachenden Synthie-Loops und Streichern lebt. Inhaltlich plediert Turner aufgrund einer zunehmend aus der Bahn geworfenen Welt ganz nach britischer Manier für mehr Freundlichkeit zwischen den Menschen. Damit wäre der Welt schon viel geholfen. Turner formuliert auf seinem Album keine konkreten politischen Ziele sondern appelliert an basale Menschlichkeit. Alles andere folgt danach. „In a world that has decided/That it's going to lose its mind/Be more kind, my friends, try to be more kind“: In "Little Changes" wird eine ähnliche Message in eine naiv-fröhlichen Sommerpop Produktion gegossen, was wohl viele Mainstream Radiosender und Werbespotproduzenten freuen wird, für das Album allerdings eher einen Rückschlag bedeutet.

Letztendlich ist "Be More Kind" ein sehr vielfältiges Album, bei dem es musikalisch eine Menge zu entdecken gibt und man trotzdem Turners typische Handschrift wiedererkennt. Eingefleischten Fans könnten allerdings ein paar doch zu poppige Songs gegen den Strich gehen. Inhaltlich schafft es das Album durchaus in die Tiefe zu gehen dank ausgefallenem Songwriting und einer soliden Grundaussage: Seid freundlicher zueinander! Zugegeben, ein ziemlich simples Prinzip und doch scheint es so als würde Turner damit genau die richtigen Worte finden. Turner zeigt erneut eine gelungene Weiterentwicklung und man kann gespannt sein, welche Richtung er als nächstes einschlagen wird. Denn wenn Frank Turner für eins steht dann für Veränderung – bezogen auf seine Musik, sowie auf unser tägliches Miteinander!


Label: 
Polydor Records
VÖ: 
04.05.2018
Herkunft: 
England