Feist - Pleasure

Rezensiert von Manon Hütter

Auferstanden aus Ruinen - damals irreführendes DDR-Credo, bei Feist kreativer Schaffensprozess. Geboren aus der Krise der angeblich schlimmsten Jahre ihres Lebens, entsteigt eine zerrüttete Reinkarnation Feists, die eine rückläufige Metamorphose vom weichen runden Kiesel zum scharfkantigen rauen Fels durchlaufen hat. Angefangen bei den grobkernigen, verschroben-kaputten Vocals, die sich von kryptisch modifizierten Silben und gezogenen Vokalen bis hin zu schwankender Intonierung hingeben. Gleich der Katharsis eines jungen Werther, umspielen auf "I Wish I Didn't Miss You" echohafte Delays das zuckende Stimmbaborium und kehren die innere Leere und Gefühle von Zerrissenheit und Isolation nach außen. Und tief in den einsamen Hallen ihres Kopfpalast hält Feist zwiespältigen Monolog zu gezupft zitternden Gitarren, die sie zum Fall bringen wollen.

Dabei verfolgt Pleasure instrumentierungstechnisch ein wahnsinnig ästhetisches Minimalismusprinzip. Ein mageres Song-Gerippe, das erst bei aufmerksamer Betrachtung seine filigran-schwungvolle Knochenform offenbart. Denn wie so häufig liegt die Schönheit im Detail. In Feists Fall im Genius der Arrangements, die durch die Reduktion eine Gegenströmung zum Judastum des Pop darstellen. Aber wie die Theorie des Butterfly Effect besagt: Auch der zarteste Flügelschlag kann zum Sturm werden. Die gefühlte PJ Harvey Hommage "Pleasure" beginnt beispielsweise zögernd und baut sich nach hinten wogend auf, wobei träumerisch tänzelnde Vocals im harten Kontrast auf dumpfe, bratschige Gitarren treffen. Die nehmen dann auf der Folk-Hymne "Get Not High Get Low" einen Latin-Rythmus mit nostalgischer Diner-Romantik auf, während ab und an ein Windspiel in der mentalen Böhe klirrt.

Sowieso verzichtet Feist großflächig auf White Noise-Retouche, um den Authenzitätsfaktor möglichst unprätentiös wirken zu lassen, wodurch "Any Party" fast schon als Hörspiel durchgeht. Erst singt der Kneipenchor beim Gig mit, dann verlässt man wortwörtlich mit ihr die Party - äußerst subtil angedeutet durch Zuschlagen einer Tür - und wandert bei Grillenzirpen, Hundegebell und Verkehrslärm durch die Nacht. Mindestens genauso überraschend ist die Spoken Word-Einlage von Pulp-Frontmann Jarvis Cocker über das trapping Interlude von "Century" und das Mastodon-Sample im Outro zu "A Man Is Not His Song", welches sich in aggressive Riffs entlädt, nachdem Feist zunehmend Spaß daran gefunden zu haben scheint, sich in sich selbst zu verlieren.

Die Kontrolle aufgeben, sich verlieren im wabernden Nebel den "Pleasure" darstellt. Der sich hin und wieder verdichtet, Umrisse erkennbar werden lässt, grobe Formen annimmt, nur um sie gleich wieder aufzulösen und sich dann zart neu zu manifestieren: Existent und doch nicht greifbar - das ist es was dieses Album will. Sowohl Instrumentierung, als auch Vocals erzählen von Welten, bauen Luftschlösser und reißen sie wieder ein, säuseln zart, bäumen sich bebend auf, schießen in die Höhe, um dann umso tiefer zu fallen. Und obwohl es fordert und seinen Tribut zollt: Der Sog reißt unweigerlich mit in diesen betäubenden Nebel aus "Pleasure".


Label: 
Polydor
VÖ: 
28.04.17
Herkunft: 
Calgary, Kanada