Dillon - Kind

Rezensiert von Amélie Becker

Dominique Dillon de Byington, bekannt als Dillon, verwischt auch mit ihrem dritten Album "Kind" die Genregrenzen, schwingt und schlingert zwischen den Stilen und etabliert einen eigenen und besonderen Sound. Elektro-Pop mit diskreten Dissonanzen, eine Intensität dieser einzigartigen Stimme, die Ehrlichkeit und geschmückte Schlichtheit der Texte und der Musik – all das zeugt von einer großen Authentizität Dillons. Das Endprodukt kann man wohl wirklich als Kunst betrachten. Und wer sich aus schierer Langeweile ans Klavier setzt, keine Noten lesen kann, aber dann mit simpel erstellten und schmucklosen MySpace-Videos zunächst in der Underground-Szene und anschließend auf allen Kanälen so schnell erfolgreich wird, dem wohnt das Talent wohl wirklich inne. Der wird nicht unbegründet die Menschen hinter seiner Kunst vereinen können.

"Kind" kann man als das bisher positivste Album verzeichnen, ein Album, das eigentlich vor Liebe strotzt. Nach einer Sinnkrise und Schreibblockade bei dem Album "The Unknown", wird bei "Kind" eine ungewohnte Leichtigkeit transportiert. Wachstum, als der thematische Leitfaden, zieht sich in verschiedenen Formen stilistisch durch das gesamte Album. Das Wachsen an schwierigen Lebenssituationen, die Weiterentwicklung des Individuums, der Kreislauf des Lebens. Die Liebe, als Heilmittel und Ausweg. Doch Dillons Texte waren in gewisser Weise schon immer unkonkret und lassen viel Raum für Interpretationen. Sie schafft es, Alltäglichkeiten und Banalitäten eine zwar manchmal schräge, aber doch unperfekte Schönheit zu verleihen. Manch einer würde bei ihr von Purismus sprechen, jedoch erklingt das genaue Gegenteil. Dillons Klang ist bloß eine vermeintliche Schlichtheit, die so raffiniert zusammengesetzt ist, wie ein Mosaik bestehend aus einer Vielzahl vereinzelter Elemente, die in der Gesamtheit eben gar nicht bloß schlicht, sondern komplex und tiefgründig komponiert wurden.

Geschaffen wird ein musikalisches Bett, das die Schönheit Dillons Gedichte untermalt und den angemessenen Feinschliff verleiht. Gedichte über alltägliche Beobachtungen eines guten Auges für die kleinen Dinge und Wunder der Welt, der Blickwinkel eines Träumers. Klangwelten, die mit wenigen Worten ein intensives Bild malen. Symboliken, die übertragen werden und eine unergründliche Geschichte erzählen. Wer dies einfach als Schlichtheit und traurige Melancholie betitelt, der macht es sich zu leicht. Denn auch dieses Album ist ein Gedichtband jemandes, der sich die Zeit nimmt wirklich hinzuschauen und über die Objektivität und Banalität der Dinge hinauszugehen. Jemandes, der die richtigen Worte findet, um jede mögliche Situation dieses Lebens kunstvoll darzustellen, ihnen eine abstrakte aber unbestreitbare Schönheit verleiht. Ist das eigentlich noch Indie, oder nicht schon Dichtkunst, die gekonnt vertont wurde?

"Ich schreibe, damit ich sehen kann, was ich denke", sagte einst die junge Dillon, die im Alter von vier Jahren von Brasilien nach Köln zog und mittlerweile in Berlin lebt und arbeitet. Der Weg dahin kann lang und zehrend sein. Auf dem Album werden die klassischen Instrumente des Indie-Pops mit elektronischen Beats unterlegt und Blasinstrumente fusionieren mit synthetischen Klangelementen. Die Songs "Kind" und "2. Kind", als Intro und Outro, schaffen einen natürlichen Rahmen. Nüchtern beginnend wird das Album stetig wachsend mit denselben Klängen eher vehement und exzessiv ausgeleitet. "Kind", ein Feature mit Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow klingt wie ein fragendes und schwingendes Echo aus verschiedenen Entfernungen: "How tall will I grow? Only time will show." Hohe Klaviertöne wirken wie ein vielfach reflektiertes, schimmerndes und akustisches Licht. "I plant my love in you", der Samen wurde gesät und wird fortan wachsen. Auch im zweiten Song "Stem & Leaf" wird das Element des Wachstums wieder aufgegriffen. Dillon transformiert ihre Gefühle und Emotionen häufig in Landschaften, die sie in ihren Gedichten beschreibt. Synchron mit dem Werdegang eines Baumes, der Jahr um Jahr wächst und sich verändert, reift auch der Mensch, gewinnt an Stärke, Klarsicht und Beständigkeit – aber auch an Schönheit. In "Shades Fade" wird das unendliche Labyrinth des Lebens umschrieben und endet mit einem einfach ausgesprochenem: "The joyful glory of a lovestory still resonates, after shades fade, fade, fade". Denn aus jedem Labyrinth führt auch ein Weg wieder heraus.

Dillon, die überwiegend englische Texte schreibt, baut auch ihre Muttersprache sowie vereinzelte deutsche Wörter mit ein. Mittig des Albums greift sie zurück und vertont zwei Low-Fidelity Songs. "Te Procuro", tatsächlich eine iPhone-Aufnahme in ihrer Küche in Berlin ist eine Akustikversion, etwa anderthalb Minuten lang. Aber das bloße Keyboard zusammen mit Dillons Stimme, im Hintergrund das Zwitschern der Vögel und der Klang des Portugiesischen, versprühen eine Natürlichkeit und Reinheit, die zu den Wurzeln der Musikerin zurückführen. Noch ursprünglicher klingt dann die reine Stimmaufnahme in "The Present".

Doch eine gewisse Theatralik folgt nach der vermeintlichen Ruhe. "Regular Movements" führt Dillon aus der Blockade des Schreibens, aus der Blockiertheit als Person zu neuer Inspiration: "I shift towards new thoughts". Auch hier wird an Symbolik nicht gespart. Alles ist stilistisch umgesetzt, als befinde man sich auf hoher See. Die Stimme wird begleitet von Streichern und Bläsern. Tuba und Bass klingen wie das Schiffshorn, man steht auf dem Bug eines Schiffes, spürt den Wind des Aufbruchs, schmeckt das Salz, und hält den Kompass gen Norden. Der Song ist wohl ein hervorragendes Beispiel für das Vermögen der Musikerin, den perfekten musikalischen Kontext für ihre Lyrics zu komponieren.

Tatsächlich hört man heraus, welche Songs Dillon alleine getextet und komponiert hat und bei welchen Songs Tamer Fahri Oezgoenenc und Nicholas Arthur Weiss mit komponiert haben. Der unvergleichliche Dillon-Stil verändert sich in diesen Tracks und wirkt sogar etwas verfälscht, was im ersten Moment verwirren kann, da man es einfach nicht erwartet. Diese sind auch musikalisch am meisten ausgeschmückt, haben teils einen treibenden Rhythmus und der elektronische Werkzeugkasten wird buchstäblich ausgepackt. Die Stimme wird durch Autotunes verändert. An diesen Stellen wird Dillon der Elektro-Pop-Zuschreibung gerecht. Auch wenn diese Songs mit Sicherheit massentauglicher werden und sich manch' treuer Fan an diesen Stellen verabschiedet, entfremden sie sich irgendwo noch gerechtfertigt. Beispielsweise blitzt in "Killing Time" eine Gesellschaftskritik durch: Das ständige Upgraden, Streamen und Uploaden als Zeitkiller und Entfremdung der Gesellschaft wird durch Computer produzierte Synthie-Sounds untermalt. Demnach sind die Effekte an sich passend. Der Song wirkt aufgewühlter, als die restlichen des Albums. Das Fade Out, ein Stimmengwirr, ist gleichzeitig das Fade In des letzten Songs "2. Kind", der nun wesentlich exzessiver und wissender klingt, als zu Beginn des Albums. Der Sprössling ist gewachsen und steht nun tief verwurzelt in der Erde.

34 kurze Minuten verschafft uns Dillon mit dem Album "Kind" einen weiteren Blick in ihre Innenwelt. Behutsam ausgewählte Worte umhüllt von einem dazu passenden, umfangreichen Klangmantel und geleitet durch ihre besondere Stimme, entführt sie uns in neue Welten. Manchmal ist weniger einfach mehr.


Label: 
PIAS
VÖ: 
10.11.2017
Herkunft: 
Berlin, Deutschland