Cocoa Sugar - Young Fathers

Rezensiert von Lennart Knebel

Es gibt Songs, die sind so gut, dass man sich davon abhalten muss, sie zu oft zu hören. Musik kann in dem Zusammenhang sein wie jedes andere Genussmittel. Wenn man sich erstmal dran gewöhnt, bringt es den Kick einfach nicht mehr. Mit “Lord” haben Young Fathers im letzten November so ein Lied rausgebracht. Die Low-Fi Produktion und der leidenschaftliche Gesang, begleitet von einer simplen aber effektiven Melodie auf dem Klavier verleihen dem Stück eine einzigartige Aura. Die erste Single ihres neuen Albums war aber nicht nur einer der besten und interessantesten Songs des vergangenen Jahres, sie festigt auch eine Stilrichtung, in die sich die Band schon seit einiger Zeit bewegt hat. Man kann sie zwar weiterhin als experimental Hip Hop bezeichnen, aber der experimentelle Teil dieser Mischung hat sich mittlerweile klar durchgesetzt.

Young Fathers machen bereits zusammen Musik, seitdem sie Teenager sind. Im Jahr 2008 haben sich die drei Schotten in Edinburgh zusammengefunden und angefangen in Nachtclubs aufzutreten. Nachdem sie zwei Mixtapes veröffentlichten, kam 2014 ihr Debütalbum "Dead" auf den Markt. Ihr ungewöhnlicher Mix aus Hip Hop und elektronischer Musik kam sehr gut an und die Platte wurde mit dem renommierten Mercury Prize ausgezeichnet. Seitdem haben sie das ähnlich erfolgreiche “White Men Are Black Men Too” veröffentlicht und ganz nebenbei auch noch den großartigen Song “Only God Knows” für den Film “T2 Trainspotting” geschrieben.

Am 9. März ist jetzt ihr neues Album "Cocoa Sugar" erschienen und die Erwartungen waren verständlicherweise hoch. Glücklicherweise hat der Druck dem Trio anscheinend nicht geschadet, denn die 12 Songs gehören zu dem Besten, was sie bisher aufgenommen haben. Neben Einflüssen aus experimentellem Hip Hop, Electro und Indie findet sich hier eine gehörige Prise Gospel und Soul. Da findet man Chöre, Orgeln und inbrünstig gesungene Melodien, die einen an afroamerikanische Gottesdienste denken lassen. Überhaupt ist das Album durchsiebt von religiösen Anspielungen. Textzeilen wie “You can tell your deity I’m alright // wake up in my bed, call me Jesus Christ” und “"This is my cross to bear" oder die Songtitel “Lord” und “Holy Ghost” zeigen die spirituellen Obertöne der Platte. Musikalisch sind Young Fathers noch einige Schritte weiter in die experimentelle Richtung gegangen. Die Songs sind durchproduziert und fragmentiert, jeder Klang wird verzerrt und verändert. Die drei Schotten benutzen Geräusche, die aus Horrorfilmen stammen könnten. Aus Rauschen, Schreien und dissonanten Melodieschnipsel basteln sie eigenwillige Beats zusammen - nur um diese dann ganz plötzlich von wunderschönen und eingängigen Melodien abzulösen. Bei dem Verlauf der einzelnen Songs werden die eigenen Erwartungen ständig ausgetrickst. Wenn man gerade erwartet, dass ein Lied Fahrt aufnimmt, wird unvermittelt abgebremst, wenn eine Melodie zu eingängig wird, grätscht ein völlig unmelidiöser Klang rein und verpasst dem Ganzen einen Dämpfer.

Diese musikalischen Eigenarten können in einigen Ausnahmen etwas zu weit gehen (mit “Fee Fi” und “Turn” hat man etwas zu kämpfen), aber im Großen und Ganzen wird das Album durch die exzentrische Produktion bereichert. Es ist Musik zum Zuhören und auf sich wirken lassen. Die zweite Single “In My View” ist wohl der Mainstream-tauglichste Song von “Cocoa Sugar”. Obwohl hier die gleichen Elemente zu finden sind, die den Rest der Platte ausmachen, ist der Song zumindest tanzbar und vermischt gekonnt traditionellen Hip Hop mit Synth-Klängen. Die Highlights sind aber die Lieder, in denen die Experimentierfreude des Trios zum Vorschein kommt. Der Opener “See How” verbindet sanften und doch unruhigen Sprechgesang mit einem einem Beat, der aus klimpernden Keyboardsounds und einer leicht verstimmten Geige besteht. Obwohl der Song nur zwei Minuten lang ist, erreicht er am Ende einen gefühlvollen Höhepunkt aus souligem Gesang und elektronischen Geräuschen. Auch der Closer “Picking You”, eine interessante Mischung aus Orgel und Militärtrommeln, gehört zu den Attraktionen von “Cocoa Sugar”. Hier finden sich all die Elemente der vorherigen Lieder: Ungewöhnliche Instrumente und elektronische Beats, eingängige Melodien und fragmentierte Samples, gekoppelt mit Rap und Gospelgesang. Der unruhige aber spirituelle Song endet mit dem wiederholten Satz “You’ll never find your way to heaven” und fasst die Essenz der Platte nochmal gekonnt zusammen.

Am Ende bleibt "Lord" zwar der beste Song des Albums, doch das vermindert nicht die Qualität der restlichen Lieder. Es ist schlicht und einfach schwer, so einen Track zu toppen - selbst für Young Fathers.


Label: 
Ninja Tune
VÖ: 
09.03.2018
Herkunft: 
Edinburgh