Bon Iver - i,i

Rezensiert von Jan-David Wiegmann

Zunehmend scheinen Release Dates in der Musikwelt lediglich Schall und Rauch zu sein. Manche Alben, wie beispielsweise das neue Blood Orange Mixtape werden aus dem Nichts released, andere wie das neue Album von Bon Iver namens “i,i” werden spontan 3 Wochen vor dem angesetzten Veröffentlichungszeitpunkt auf den (Streaming-)Markt geworfen. Der inzwischen riesigen Fanbase mag es recht sein und enttäuscht dürften die meisten nicht werden, denn “i,i” wirkt wie eine neu komponierte Werkschau des Projekts um Justin Vernon.

Dass Bon Iver inzwischen ein fester Bestandteil heutiger Pop-Kultur ist, wird besonders ersichtlich, wenn man bemerkt, dass jegliche musikbegeisterte Person aus dem eigenen Umfeld diese Band zu schätzen weiß. Selbst diejenigen die sich eher als oberflächliche Musikkonsument*innen einordnen lassen, kennen zumindest den Namen Bon Iver von Kollaborationen mit Kanye West oder aufgrund des weltweit erfolgreichen “Skinny Love” Covers der britischen Singer-/Songwriterin Birdy. Doch worin liegt die Faszination des Projektes? Zunächst vermutlich an der melancholisch-hohen Stimme Justin Vernons mit der er auf seinen ersten beiden Alben “For Emma, forever Ago” und “Bon Iver” düstere Folk-Balladen geschaffen hat: Songs wie “Holocene” - eine Hymne einer neuen Emo Generation, geprägt durch Plattformen wie Tumblr und die Bücher von John Green. Sein drittes Album “22, A Million” gilt als experimentelle Blaupause der Musik der 10er Jahre - kryptische Songtitel und -texte gehen einher mit einer Dekonstruktion von Songstrukturen obskuren Autotune Einsätzen und bis in die Unendlichkeit gepitchten Samples. Ein Album, welches von der Fachpresse in den Himmel gelobt wurde und dafür sorgte, dass Justin Vernon nicht nur als begnadeter Folk Barde, sondern auch als anarchistischer Vorkämpfer der kreativen zeitgenössischen Popmusik gesehen wird. Umso schwerer wird es nun auf “i,i” den Erwartungen gerecht zu werden. Doch Vernons Album versucht das Beste der musikalischen Herangehensweisen der drei Vorgängeralben aufzugreifen und in neuem Kontext zusammenzusetzen. Vernon selbst sieht dabei “i,i” als letztes Element eines Zyklus der vergangenen vier Alben, die er im Kontext von Jahreszeiten anordnet: “For Emma, forever Ago” stelle den Winter dar, “Bon Iver” den Frühling, “22, A Million” den Sommer und “i,i” nun den Herbst. Fraglich ist, ob sich die Jahreszeiten musikalisch erkennen lassen. Rein musikalisch passen die Alben dann doch eher in die dunkleren Jahreszeiten oder entziehen sich im Falle “22, A Million” jeglicher Einordnung.

 Die ersten beiden Vorabsingles von “i,i”, “U (Man Like)” und “Hey, Ma” ließen bereits Rückschlüsse darauf ziehen, dass das Album keiner musikalisch einheitlichen Linie folgt. “U (Man Like)” ist eine R’n’B, ja fast schon Gospel anmutende Piano-Ballade in welcher als Höhepunkt ein Chor (bestehend u.a. aus Jenn Wasner, Moses Sumney und Bruce Hornsby (!!)) einsetzt und somit im Bon Iver Kontext als einziger Song des Albums sich auf ein neues Musikalisches Gebiet vorwagt. Allerdings ist der Song musikalisch betrachtet im Kontext des vorausgegangenen Outputs Bon Ivers erschreckend erwartbar, auch wenn die Thematik, Obdachlosigkeit und Armut in den USA, die Brad Cook als Songwriter in den Text packt ein neues, wichtiges politisches Moment darstellt. “Hey, Ma” hingegen entpuppt sich als selbstreferentieller Song über die Liebe zur Mutter als Vertrauensperson auch in schwierigen Zeiten, Vernon erzählt hier als Beispiel von seinem starken Marihuana Konsum als er eine schwierige, düstere Phase durchlebt hat. Musikalisch trifft hier Vernons durch Autotune sanft veränderte Stimme auf eine reduzierte Melodie, welche eine Verbindung von “22, A Million” zu den Vorgängeralben schafft. Doch auch dieser Song wirkt eher wie eine B-Seite auf “22, A Million”. Die wirklich ausgefallenen, innovativen und melancholischen Highlights finden sich an anderer Stelle auf dem Album.

 Da ist “Jelmore” - der direkt mit einer simplen, versetzten Synthie Melodie einsteigt, die sich irgendwo zwischen Midi Sounds, schrägen Blockflöten und Windows 95 bewegt. Langsam setzt für kurze Zeit ein Saxophon mit in den Loop ein und hier und da gibt es kleine, gewollte Lags in der Melodie. Das ist das leicht verstörende, verrückte von “22, A Million” nur weitergeführt. Die Melodie geht excellent einher mit dem Text - einer Apokalyptischen Welt in Zeiten des vorangeschrittenen Klimawandels. Ein Thema, welches häufiger in der Popmusik anzutreffen sein sollte und hier ohne moralischen Zeigefinger in nackter, düsterster Form behandelt wird. Daraus resultiert die Frage: “How long / Will you disregard the heat?

 “Naeem” wirkt wie direkt “Bon Iver” entnommen, mit einer Pianobegleitung die doch sehr stark an James Blakes “Limit to Your Love” erinnert. Dazu ein melancholischer Text über das Älterwerden "Oh my mind our kids got bigger / But I'm climbing down the bastion now / You take me out to pasture now”. Ein wunderschön minimalistischer Bon Iver Sound. Dabei ist “Naeem” nur einer von mehreren Songs die den Gänsehaut Folk der ersten beiden Bon Iver Alben wiederbringen. Auch “We”, der mit den einsetzenden Bläsern an Songs wie “For Emma” von “For Emma, forever Ago” erinnert, oder “Faith”. Auf letzterem erzählt er mit seinem Trademark Sound davon den Glauben zu verlieren, spirituell und speziell in menschlichen Beziehungen.

 Doch die versteckten Highlights sind die, die unerwartet daherkommen. “Holyfields,” wagt Noise Experimente und ist laut Vernon komplett improvisiert. Wenn das alleine Improvisation ist, beweist das erneut zu was für neuen Soundcollagen Vernon mit Band im Stande ist. Dabei liegt in der Instrumentalisierung nicht die Provokation um der Provokation Willen, wie es bei einigen Noise Artists der Fall ist, sondern um durch unkonventionelle Melodien neue Sichtweisen auf zeitgenössische Musik zu eröffnen. Auch “iMi” der sehr stark, auch vom Titel her an “22, A Million” erinnert, begeistert durch den experimentellen Aufbau. Zunächst klingt es, als würde der Song rückwärts abgespielt werden, bis er sich in einen sanft drückenden Beat verwandelt, der wiederum von Harfenklängen abgelöst wird. Irgendwann gesellen sich verzerrte Bläser hinzu, bevor sich Vernons Stimme selbst elektronisch verzerrt und der Track endet und sein Publikum leicht verstört mit offenem Mund vor den Boxen sitzen lässt.

 So ist “i,i” wiederum ein Album, das wie die Vorgängeralben wenig Kritik zulässt. Sehr stark überraschen tut Vernon nicht mehr, aber nach “22, A Million” ist dies auch schwer möglich. Allerdings zeigt das Album die Facettenvielfalt Bon Ivers perfekt auf: von den Folkballaden der Anfangsjahre bis hin zu den innovativen Soundexperimenten und Melodiedekonstruktionen von “22, A Million”. Eventuell trägt das Album aufgrund der eigenen musikalischen Definition Bon Ivers dann auch den passenden Namen “i,i”.

*Das Release Datum des physischen Albums bleibt der 30.08.*


Label: 
Jagjaguwar
VÖ: 
digital: 09.08. / physisch 30.08.
Herkunft: 
Wisconsin, USA