Bleached - Don't you Think you've had Enough?

Rezensiert von Jan-David Wiegmann

Alkohol - die Volksdroge Nummer eins, die vielen Rockbands immer noch als Ideenlieferant Nummer eins dient. Alte Hasen wie Paul McCartney bekannten sich bereits dazu ihre größten Hits unter Alkoholeinfluss geschrieben zu haben und auch jüngere Bands wie We Are Scientists und sogar Melo-Pop Sängerin Dido bekennen sich dazu zur Inspiration mal das ein oder andere Glas Spirituosen zu sich zu nehmen. Auch für die amerikanische Garage Band Bleached um die Schwestern Jennifer und Jessica Clavin war Alkohol ein großer Gehilfe beim Songwritingprozess ihrer ersten beiden Studioalben. Doch damit sollte nun in Vorbereitung auf ihr drittes Studioalbum “Don’t you Think you’ve had Enough” Schluss sein. „Writing these songs while sober became somewhat of a spiritual experience” äußert sich Jennifer zu der Nüchternheit während des Songwritings und tatsächlich ist eine Veränderung des Sounds der Band festzustellen.

Auf ihren bisherigen Alben “Ride Your Heart” (2013) und “Welcome the Worms” (2016) haben die beiden authentischen Garage-Rock in Reinform präsentiert. Das mag für ein paar Songs wie die schön treibenden “Next Stop” oder “Dead Boy” echt stark gewesen sein, aber auf Albumlänge fehlte dann doch hier oder da die Dynamik. Die ist auf  “Don’t you Think you’ve had Enough” nun vorhanden! Bleached wagen sich jetzt sogar in Pop-Punkige Gewässer vor und schaffen eine willkommene Soundtechnische Abwechslung auf dem Album.

Das einzige Manko an dem Album sind jedoch die ersten beiden Songs “Heartbeat Away” und “Hard to Kill”. “Heartbeat Away” klingt als hätte jemand über ihren alten Garage Rock drübergeputzt und nun eine poppige, glatte Variante desselbigen erschaffen. Das klingt dann in etwa wie der 80er Charts Rock von Joan Jett & the Blackhearts und irgendwie im negativen Sinne aus der Zeit gefallen. Auf “Hard to Kill” hingegen lässt der 2000er Radio Rock mit harmonischem Pfeifen und unangenehmer Eingängigkeit Grüßen.

Doch was die Schwestern daraufhin auffahren ist unheimlich unterhaltsam! An dritter Stelle darf zu den melodischen Punkklängen von “Daydream” über die*den perfekte Partner*in fantasiert werden, bevor mit Track Nummer 5, “Somebody Dial 911”, eines der absoluten Highlights des Albums wartet. Ein Song darüber sich viel zu schnell zu verlieben und die Freund*innen dazu auffordert schnell den Notruf zu wählen, bevor man wieder blind in eine Beziehung gleitet. Der eingängige, simple und doch leider viel zu wahre Text wird unterlegt von einer pop-punkigen Gitarrenmelodie mit ordentlichem Hall und ein wenig synthie Klängen. Purer melodramatischer Zucker!

Irgendwie merkt man Bleached auch die Tour mit Paramore an. Der Song “Rebound City” könnte ähnlich auch von der Band um Hayley Williams aufgenommen worden sein. Energiegeladener Hände-in-die-Luft-Rock über Affären und Romanzen nach einem Beziehungs-Aus. Da kann es dann schon mal passieren, dass man im Bett eines Freundes des Ex aufwacht und furchtbare Schuldgefühle hat…

Komplett nach vorne geht es auch bei der Nummer “Real Life”, ein treibender Song mit der Message sich die eigenen Fehler einzugestehen. Doch ist man gerade im treibenden Rock verloren, kommt mit “Awkward Phase” ein Song daher, der erstmal das Tempo herausnimmt um sich zu einer rebellischen Pop-Rock Nummer zu entwickeln. Dabei zeichnet der Song die Geschichte einer wilden Jugend nach. Ganz langsam und schwer beginnt der Song mit dem ersten Job und der Einsamkeit und Sehnsucht nach Liebe. Dann geht alles ganz schnell, Verliebtheit breitet sich aus “Meet me at midnight, sneak through the backyard / We used to hide out, we used to hide out / Kissing with braces, stuck in our strangeness / We used to hide out, we used to hide out”. Die Gitarren werden schneller und verschrobener und der ganze Song füllt einen mit süßen melancholischen Gedanken an die eigene Jugend.

Daraufhin ist es auch schon so gut wie vorbei, doch die beiden können es nicht lassen beim Closer “Shitty Ballet” noch einmal die Akustikgitarren rauszuholen. Dadurch bekommt der Herzschmerz Song einen viel intimeren Charakter und rundet das Album perfekt ab.

“Don’t you Think you’ve had Enough” ist ein Album das Liebe und alle dazugehörigen Facetten auf eine treibende, rockige Atmosphäre, häufig mit 80s Chic, vermittelt. Bittersüß und mit viel Ohrwurmpotential und überraschend poppig für eine Band die ansonsten reinen Garage Rock gespielt hat. So dürfen wir gespannt sein wie der Weg der beiden Bleached Schwestern weitergeht, jetzt wo sie sich gerade für ein breiteres musikalisches Spektrum geöffnet haben.


Label: 
Dead Oceans
VÖ: 
12.07.2019
Herkunft: 
Los Angeles, USA