Arcade Fire - Everything Now

Rezensiert von Sophia Kisfeld

Arcade Fire gehören zu einer der Indie-Alternative-Bands im Kern bestehend aus den Brüdern Win und Will Butler, Régine Chassange, Richard Reed Perry, Tim Kingsbury und Jeremy Gara. Die Discographie der kanadischen Band notiert fünf Alben in ihrer 15-jährigen Bandgeschichte und klingt mit jedem Album anders energetisch-dramatisch, melancholisch und das nicht ohne eine spielerische Leichtigkeit. Es ist vor allem das Grammy-gekrönte Album "The Suburbs", das ihnen den letzten Durchbruch aus der versteckten Indie-Szene in die Weiten der musikalischen Indie-Welt zugestand. Jetzt gehen sie einen Schritt weiter und bewegen ihren Fuß in den Bereich des Pop.

Das Verrückte an der neuen Platte "Everything Now" ist ihr dynamischer Klang, die poppige Leichtigkeit, während der Inhalt eigentlich recht düster und kritisch daherkommt. Das Album bildet einen Kreis; ähnlich wie dem damaligen "The Surburbs" (2010), beginnt es mit dem Titeltrack "Everything Now" und endet auch damit. Die Titeltracks und alle dazwischenliegenden Songs üben Kritik am Konsum, setzten sich mit Selbstmord oder der Liebe auseinander - mal besser, mal schlechter.

Musikalisch bindet es dabei viele Facetten mit ein. Der für viele zu Beginn irritierende Abba-Sound, der im Opener "Everything Now" zu finden ist, wird mit jedem Hören eingängiger und spornt zum Tanzen an. Es sind die chorartigen Elemente, die Wucht des Sounds im Allgemeinen, die Arcade Fire schon immer zu einem imposanten Klang-Erlebnis machte. Seit "Reflektor" schrecken sie nicht vor elektronischen Elementen zurück, die auch hier dem Aufbau des Songs dienen. Doch es sind vor allem die klassischen Instrumente, die Arcade Fire nutzen. Die Geiger, mit ihrer facettenreiche Sanftheit, das Schlagzeug, das Klavier und die Gitarren, die zusätzliche Wucht produzieren, und die Stimme Win Butlers, die den typischen Arcade Fire-Sound hervorbringen.

Neben "Everything Now" ist auch "Electric Blue" eine vielversprechende Singleauskopplung. Sie trägt einen Überraschungseffekt in sich, denn eigentlich ist man es schon gewohnt, dass Win Butler singt, doch der Song wird nur von einer sehr hohen Stimmlage Régine Chassanges begleitet. Er transportiert den elektronischen Klang der 80er sphärisch. Er verlässt den Gehörgang nicht - einfach, weil er so leicht und tanzbar klingt. Diese Tanzbarkeit zieht sich nicht nur durch diese beiden Singles. "Creature Comfort" mit der wohl bemerkenswertesten Zeile "God, make me famous. If you can't, just make it painless" wiederholt sich bereits nach einmaligem Hören immer wieder im Kopf. Die Dynamik hinter elektronischen und klassischen Instrumenten zieht sich dementsprechend durch das Album. Wenn auch "Peter Pan" die zu wirre Variante dessen abbildet und im Sound vielleicht herausfällt.

Allgemein können die Texte als Gedankenanstoß dienen, sie kommen allerdings in einer schlichteren Variante daher als auf den Vorgängeralben. Neben den genannten Singles gehen das Liebeslied "Chemistry", eine reggaeartige Rock-Hymne, "Put Your Money On Me" mit seiner repetitiven Düsterheit, die an den Gesangsstil David Bowies erinnert, und "Signs Of Life", das dem Soundtrack eines 80er-Jahre Miami Vice-Films entspringen könnte, vielleicht ein wenig unter - verlieren jedoch nicht an Dynamik. Das Album schafft zwar die Reise durch verschiedene Pop-Genres der Vergangenheit, lässt den ursprünglichen Arcade Fire-Fan vielleicht aber die Melancholie vermissen, die einzig in "We Don't Deserve Love" auftaucht.

Man muss sich bewusst sein, dass dies nicht Arcade Fire in ihrer ursprünglichen Gesangsform sind, sondern eine Band, die sich weiterentwickelt hat. Win Butler hat in einem Interview gesagt, er habe von David Bowie gelernt, nicht den Fehler zu machen, auf's Publikum zu hören. Dementsprechend hört die Band darauf, was sie selber machen will, entwickelt sich weiter und das ist klanglich auch auf diesem Album zu hören. Weniger düster und mystisch als der Vorgänger, aber dennoch vom Klang elektronisch ausgebreitet erscheint mit "Everything Now" eine pop-artige Indie-Platte mit sehr viel Tanzcharakter und Texten, die einen Gedankenanstoß geben können.


Label: 
Columbia Records
VÖ: 
28.07.17
Herkunft: 
Montreal, Kanada