Interview mit Larissa Rieß

Larissa Rieß ist fester Bestandteil des Neo Magazin Royale Ensembles, Moderatorin bei 1Live, Schauspielerin bei Jerks, Streamerin und darüber hinaus sogar eine hervorragende Djane. Im Gespräch erzählt sie uns von Vorurteilen gegenüber weiblichen Djs und warum es so schwer ist, in der Szene ernst genommen zu werden.

Unter dem Pseudonym "Lari Luke" beschallst du Clubs unter anderem mit Trap, Hip Hop und House. Wie bist du überhaupt dazu gekommen, Musik aufzulegen?

"Ich habe mir das selbst beigebracht. Ich hatte damals einen Kumpel, der auch aufgelegt und mir damals die ersten Handgriffe gezeigt hat und daraufhin habe ich mich jeden Tag irgendwo eingeschlossen und geübt, geübt, geübt. Ich habe es also nicht so gemacht, wie viele andere, die sich einen Controller holen und mit Laptop auflegen, sondern ich wollte das richtig lernen und habe mir das dann dementsprechend beigebracht. Und über die Zeit hat das auch funktioniert."

Gibt es bestimmte Künstler, an denen du dich musikalisch orientierst, oder die du handwerklich bewunderst?

"Ja, 'RL Grime', der ist auch in dieser Szene mit 'Diplo' und 'Alison Wonderland', die sich alle in dieser Future Bass Richtung bewegen, die mir gefällt. Handwerklich finde ich 'Alison Wonderland' unfassbar gut. Sie vollbringt zwar keine technisch herausragenden Leistungen, ist aber musikalisch unglaublich gut. Sie kommt eher aus dem klassischen Bereich und das hört man auch daran, wie gut sie mit Sounds umgehen kann. Da klingt alles melodisch, anstatt dass einfach nur schnell Song an Song aneinander gemixt wird, um Skill zu demonstrieren. Sie macht das mit Passion. Das finde ich gut und daran orientiere ich mich."

Gemessen an den vielen Tätigkeiten, die du parallel ausübst, scheinst du eine sehr facettenreiche Person zu sein. Spiegelt sich das in deiner Musik wider?

"Jein. Ich glaube, Radio hat viel damit zu tun. Dadurch, dass ich beim Radio arbeite, kann ich die Radiomusik privat einfach nicht mehr hören. Zumindest würde ich sie nicht auflegen. Ich höre die Musik zwar gerne, auch wenn ich privat Radio höre, beispielsweise beim Autofahren, aber beim Auflegen könnte ich mir das nicht reinziehen. Vielleicht bin ich unter anderem deshalb als DJ musikalisch in so eine extreme Richtung gegangen, denn das, was ich auflege, hat ja nichts mehr mit Radiomusik zu tun, zumindest nicht mit dem Mainstreamradio, bei dem ich arbeite. 1Live orientiert sich ja sehr an Popmusik und ich spiele dagegen eher extrem basslastigen Sound. Alle anderen Tätigkeiten, die ich ausübe, sind sogar eher ein Nachteil, weil ich dadurch nicht direkt als DJ wahrgenommen werde, sondern eher als Moderatorin. In meinem Fall werde ich sogar eher durch das Fernsehen wahrgenommen, obwohl Radio eigentlich immer meine Priorität war und das Auflegen einen hohen Stellenwert einnimmt."

Die DJ-Szene ist ja nach wie vor eher eine Männerdomäne. Warum, glaubst du, trauen sich so wenige Frauen hinter das Mixdeck?

"Das ist schwierig zu sagen. Das ist in vielen Bereichen so, ich meine, warum sind mehr Frauen Krankenschwestern als Männer? Ich kann nicht genau sagen, ob es wirklich so ist, dass Frauen sich nicht trauen. Man hört ja auch oft das Argument, viele Frauen würden sich nicht trauen, beispielsweise einen Ingeneursberuf auszuüben. Ich persönlich würde sagen, es ist nicht unbedingt der Fall, dass Frauen sich nicht trauen, ich kann mir aber vorstellen, dass es viele Frauen vielleicht einfach nicht interessiert, Musik aufzulegen. Ich glaube, dass es eher daran liegt. Die eigentlichen Hürden entstehen auch erst später."

Gibt es bestimmte Vorurteile, mit denen du als weiblicher DJ häufiger konfroniert wirst, oder in der Vergangenheit konfrontiert wurdest?

"Ja, es fängt schon mal damit an, dass einem, wenn man als DJ in einen Club kommt und auflegen will, Leute teilweise nicht glauben, dass man der DJ ist. Das erlebe ich selbst heute zum Teil noch. Sogar, wenn ich als Mainact auf dem Plakat bin. Ich habe mehrfach erlebt, dass mich die Türsteher nicht in den Club lassen wollten. Vor allem am Anfang ist das schwierig, weil die dich nicht ernst nehmen. Das fängt schon im Backstage-Bereich an, wo Leute glauben, dass man zu irgendjemandem gehört, und man erst erklären muss, dass man dort auflegt und arbeitet. Oft dachten Leute auch, dass ich eine der Tänzerinnen sei und an der Stange tanzen würde. Und es ist schon so, dass vor allem Clubbesitzer anfangs skeptischer sind. Das ist aber auch nur ein Gefühl, ich kann nicht beurteilen, ob das wirklich so ist. Bei mir ist das auch nochmal etwas anderes. Relativ schnell wurde klar, dass ich vom Radio komme und moderiere, dadurch hatten Veranstalter eh schon Vorurteile. Ich glaube, als Frau ist es vor allem schwierig, weil die einen sehr sexualisieren und sich versuchen, an dich ranzumachen. Das gilt natürlich nicht für alle, aber es ist eben schon etwas anderes, wenn man als Frau im Backstage-Bereich ist, weil das eben auch nicht besonders oft passiert. In den Backstageräumen, in denen ich mich bisher aufgehalten habe, waren auch überwiegend Männer. Mittlerweile ist es dahingehend besser geworden, dass ich jetzt schon eher als DJ wahrgenommen werde, aber am Anfang war das schwieriger. Es hat aber auch Vorteile. Ich glaube, als Djane am Anfang wahrgenommen zu werden, ist schon manchmal schwieriger, aber wenn du gut bist, merken sich die Leute auch eher deinen Namen und kommen vor allem auch wieder, weil sie dich wiedererkennen. Ansonsten ist man eben einer von vielen Typen, denn es gibt halt einfach unzählige Djs."

Gibt es denn bestimmte Sätze, die du als Frau an den Turntables partout nicht mehr hören kannst?

"Sowas wie 'Zieh dich aus!' oder 'Mach dich mal nackig!', aber das erlebe ich eher selten. Zumindest nicht hinter den Turntables, denn da trauen sich die Leute nicht so einfach an einen heran, sondern schreiben einem das dann eher. Ich lese immer wieder Kommentare wie 'Aha, auflegen kann sie jetzt auch noch?', ich weiß aber nicht, ob das unbedingt etwas mit mir als Frau zu tun hat. Ich kann mir vorstellen, dass man sowas auch als Mann zu hören bekommt. Meine Social-Media-Kanäle sind zum Beispiel kein besonders sexualisiertes Medium, weil ich sie nicht in der Form benutze. Wenn ich auflege, habe ich selten kurze Röckchen oder enge Tops an. Das passiert mal, aber die Leute, die zu meinen Gigs kommen und sich meine Profile anschauen, machen das eher weniger, weil sie mich sexy finden, sondern eher, weil sie witzig finden, was ich auf Social Media mache oder die Musik feiern. Vielleicht finden mich einige davon ganz hübsch, aber ich glaube, dass eine Michaela Schäfer eher damit zu kämpfen hat, weil sie ein entsprechendes Publikum bedient. Aber das Publikum, das mir folgt, unterscheidet sich davon. Ich bekomme auf Social Media generell auch eher selten sexualisierte Kommentare. Deswegen empfinde ich das auch gar nicht als besonders krass. Schwieriger ist es für mich, von Veranstaltern als DJ wahrgenommen zu werden, weil ich Moderatorin bin."

Hast du das Gefühl, als Frau, aber auch als Person, die über die Musikszene hinaus bekannt ist, in besonderem Ausmaß unter Beweis stellen zu müssen, das Handwerk des Auflegens tatsächlich zu beherrschen, um ernst genommen zu werden?

"Das auf jeden Fall. Vor allem in dieser Szene, also Drum & Bass, Future Bass und Trap, wird man als Dj, der nur mit Laptop auflegt, schnell rausgeschmissen. Da wird man dann einfach nicht ernst genommen, würde ich mal behaupten, außer man ist ein großer Name. Soweit ich weiß, legen Steve Aoki oder Robin Schulz teilweise auch mit Controller auf, aber man sollte eigentlich schon mit CDJs, also CD-Playern, auflegen können. Und wenn man als Frau ankommt und sich dann auch noch mit Controller und Laptop ans DJ-Pult stellt, kann man das komplett vergessen. Das ist auch einer der Gründe, warum ich gelernt habe, richtig aufzulegen, weil mir damals der Kumpel, der mir die ersten Handgriffe gezeigt hat und schon lange in dieser Szene involviert war, sagte, dass einen niemand ernst nimmt, wenn man mit Controller und Laptop Musik auflegt. Erst recht als Frau nicht, schon gar nicht, wenn man eigentlich Moderatorin ist. Man muss das Handwerk also definitiv beherrschen. Ein Kumpel von mir, der auch Moderator ist, hat auch mit Laptop angefangen aufzulegen und danach habe ich ihm beigebracht, CDJs zu benutzen, und er hat gesagt, es wäre ein Unterschied, wie Tag und Nacht. Er wird jetzt in den Clubs ganz anders wahrgenommen."

Am 31.03.2018 legst du im Skaters Palace in Münster auf. Wie würdest du jemandem, der mit deiner Musik nicht vertraut ist, erklären, warum es eine gute Idee wäre, da mal vorbeizuschauen und sich Lari Luke live anzuhören?

"Weil ich kein DJ bin, der da einfach steht und auf sein DJ-Pult guckt, sondern mit den Leuten zusammen Spaß hat. Es gab schon mehrfach die Situation, dass ich mein DJ-Pult zwischendurch kurz verlassen habe, um auf die Tanzfläche zu gehen und mit den Leuten zusammen zu tanzen. Im Endeffekt ist es, wie eine kleine Hausparty. Und ich bleibe auch nicht stocksteif bei einer Musikrichtung. Ich war auch schon auf einer Party, bei der ich gemerkt habe, dass die Leute mehr auf House stehen, also habe ich House gespielt. Ich bin dann zwar in meiner Richtung, meinem Lari Luke Set, geblieben, es gab aber auch schon Abende, an denen ich dann plötzlich nur noch Drum & Bass gespielt habe, oder angefangen habe, Techno aufzulegen, weil es auf die Leute ankommt. Ich glaube, das ist der Vorteil, wenn man keine Musik aus den Charts auflegt. Ich glaube nämlich, da wird man irgendwann faul, weil die Leute dann eh jeden Scheiß feiern. Aber wenn man die Richtung Musik spielt, in der ich mich bewege, muss man sich auf das Publikum einlassen und kann nicht einfach ein fertiges Set spielen. Man muss darauf achten, zu welcher Musik die Leute Bock haben, zu feiern, und sich danach richten. Ich würde sagen, dass auch jemand, der gar nicht mit der Musik vertraut ist, die ich spiele, die Musik gut findet. Ansonsten kriegt derjenige von mir einen Schnaps ausgegeben.


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