Caribou – Suddenly

Rezensiert von am 2. März 2020

       

Wolfgang Amadeus Mozart’s Musik erzeugt bei mir beim Hören immer den Eindruck, sie wäre sehr leicht und unkompliziert. Sie geht organisch dahin und entwickelt sich scheinbar aus dem Nichts, als wäre es viel zu einfach, sie zu komponieren. Die vergangenen neun Platten des kanadischen Elektronik- Musikers Caribou haben einen ähnlichen Effekt und auch sie sind, wie die Musik von Mozart, unter der Oberfläche so komplex in ihrer Struktur und ihren musikalischen Gedanken. 

Caribou – ein Name mit vielen Bedeutungen, sei es eine amerikanische Bezeichnung für das Rentier, die Beschreibung eines Heißgetränks, ein Album von Elton John oder mehrere Städte in den USA – was genau Daniel Victor Snaith zu dem Namen seines Elektroprojekts inspiriert hat ist unklar. Der kanadische Musiker und studierte Mathematiker beginnt 2000 noch unter dem Namen Maitoba seine Musik zu veröffentlichen, in einer Zeit in der ähnliche Indie Projekte wie Grizzly Bear ebenfalls in den Kinderschuhen stecken. Mit seinem Debütalbum „Start Breaking My Heart“ überrascht Snaith 2001 mit einem groovigen und warmen Sampling auf denen er bereits geschickt, vielfältige Genres sanft in seine Songs eingebettet. 2005 beginnt der Musiker dann unter dem Namen Caribou zu veröffentlichen. Und nach zwei eher kommerzielleren und poppiger ausgerichteten Alben erschien nun sein siebter Longplayer „Suddenly“, das inhaltlich da weitermacht, wo die meisten Popsongs stehenbleiben: bei der Beschreibung vom alltäglichen Familienleben mit all seinen Schwierigkeiten wie Krankheiten, Geburten oder Scheidungen.

Aber dieses Thema wird eben auf total unkompliziert wirkende Art und Weise in einer Musik umgesetzt, die sich sehr organisch entwickelt und körperlich wirkt. Die zwölf Songs auf „Suddenly“ kann man nicht wirklich als Pop beschreiben, aber auch nicht als reine Dance- Musik. Dafür sind sie viel zu voll von überraschenden Brüchen und sich sphärisch von einer zur anderen Seite bewegenden Klangwellen – die Essenz aus hunderten, von dem Künstler im eigenen Kellerstudio produzierten Loops.

Caribou eröffnet das Album mit einem politischeren Statement: in „Sister“ entschuldigt er sich bei den Frauen der #metoo- Bewegung dafür, dass er selbst all die Jahre auch zu passiv gewesen wäre in diesem Thema. Nach diesem Bekenntnis folgt „You and I“, welches sich zuerst noch traurig über einem Bett aus recht poppigen 80ies- Synthies aufbaut – dann aber mit dem Einsatz einer hohen Stimme abbricht, auf die ein klassischer Dance-Beat folgt. Trap-Rap als Gleichgewicht zu dem in den letzte sehr ausgereizten Elektro-Clubsound und dazu viele musikalische Wechsel, Abbrüche, Stillstände und dann wieder Ausbrüche in andere Richtungen – die einzelnen Tracks auf diesem Album scheint Snaith skizzenhaft aufzubauen, wie auch in New Jade“ oder „Sunnys Time“, in dem auf einen langen Klavier-Part auf einmal ein Rap-Sample folgt. Gleichförmigere Songs wie „Home“ mit Soulsängerin Gloria Barnes, das durchweg poppigere gestaltete „Like I Loved You“ oder das elektronischer „Ravi“ zum Ende des Albums bilden Ruhepole in diesen immer wieder neu auftretenen Klangideen.

Elektro als Genre bildet auf „Suddenly“ nur die Grundlage, den Klangteppich über welchen Caribou, aka Daniel Snaith viele weitere Richtungen legt und ineinander verschmelzen lässt. Ob Elemente aus Funk, Jazz oder Soul – lediglich die immer wieder überraschenden Wendungen in den Songs dieses Albums lassen einen zwischendurch merken, wie genial der Musiker, Mozart-ähnlich hier unter der Oberfläche agiert und alle Fäden ständig in der Hand hat.

Rezensiert von Carlotta Rölleke


Label: CITY SLANG/ ROUGH TRADE
Veröffentlicht am: 28.02.2020
Interpret: Caribou
Name: Suddenly
Online: Zur Seite des Interpreten.


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