Auslandsstudium in Deutschland

Das Semester neigt sich dem Ende und damit auch der Aufenthalt mancher Studierenden, die für ein Auslandssemester die Uni Münster gewählt haben. Das gilt nicht für Vadym Zhuravlov, denn er ist 18 Jahre alt und kam aus Kiew nach Münster, um hier Kommunikationswissenschaft zu studieren. Nicht nur ein Semester, sondern sein gesamtes Studium. Wir haben haben mit ihm über Deutschland aus der Sicht eines Auslandsstudierenden gesprochen. 

                                                   

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  

 

 

Radio Q: Vadym, du bist erst 18 Jahre alt, daher ist es unwahrscheinlich, dass du schon ein Studium in der Ukraine begonnen hattest, bevor du in Münster begonnen hast zu studieren, ist das richtig?

 

Vadym Zhuravlov: Ja, das ist richtig. Ich habe kein Studium in der Ukraine begonnen, bevor ich hier nach Deutschland kam. Ich habe nur die Schule abgeschlossen. In der Ukraine geht man elf Jahre zur Schule und dann müssen wir entweder ein Jahr an der Uni in der Heimat studieren oder ein Jahr am Studienkolleg. Dabei habe ich mich dann für das Studienkolleg entschieden und dort ein Jahr absolviert. Anschließend habe ich mich dann in Münster beworben.

 

Radio Q: Wie bist du dann auf Deutschland gekommen?

 

Vadym: Als ich 16 Jahre alt war, habe ich Münster besucht. Es war Sommer und die Atmosphäre hat mir einfach gut gefallen. Mit 16 hat man noch so viele verrückte Ideen im Kopf, da habe ich mich gefragt, ob es nicht schön wäre Deutsch zu lernen. Ich wollte auf jeden Fall im Ausland studieren, weil ich bei uns in der Ukraine keine Entwicklungen sehen kann. Dort herrscht Krieg und unsere wirtschaftliche Lage ist auch nicht sonderlich gut. Daher versucht jeder, der die Möglichkeit hat ins Ausland zu ziehen, dies auch zu tun. Die Wahl fiel auf Deutschland. England war zu teuer. Polen machte keinen Sinn, da konnte ich auch gleich in der Ukraine bleiben. Die USA ist zu weit weg. Außerdem sind Ansehen und Qualität Deutschlands sehr gut im Ausland.

 

Radio Q: Jetzt studierst du Kommunikationswissenschaft (KoWi). Wie kamst du darauf?

 

Vadym: Also im Studienkolleg konnte ich verschiedene Kursen wählen. Es gab einen Medizinkurs, einen Wirtschaftskurs, einen Technikkurs und den Geisteswissenschaftskurs. Dabei habe ich den Geisteswissenschaftskurs ausgewählt, weil Mathe nicht wirklich mein Ding ist. Dann habe ich mir viele Studiengänge angesehen und bei KoWi verbindet viele unterschiedliche Themen in einem Fach und man hat damit die Möglichkeit nachher alles Mögliche zu machen. Es ist immer aktuell und nachgefragt. Für mich würde ein Geschichtsstudium beispielweise zu speziell und eingeschränkt sein. Mit Kommunikationswissenschaft kann ich anschließend zwischen verschiedenen Dingen wählen. Ich kann in die PR, ins Marketing oder auch Untersuchungen der Gesellschaft anstellen und so weiter. Es ist einfach super interessant und ich denke, es ist die richtige Wahl gewesen.

 

    "Die Menschen hier sind sehr kontaktfreudig."

 

Radio Q: Gefällt dir Deutschland bisher?

 

Vadym: Deutschland gefällt mir auf jeden Fall. Es ist so interessant, diese Kultur und die Menschen. Die Gewohnheiten und die Gesetze - das ist alles so anders als in der Ukraine. Wenn man aus den Entwicklungsländern in eher industrielle Länder wie Deutschland kommt, dann bemerkt man den Unterschied zwischen ihnen. Hier ist alles ein bisschen langsamer, es ist eine ganz andere Welt. Aber mit der Zeit werde ich mich bestimmt daran gewöhnen. In einem Jahr fühle ich mich bestimmt richtig daheim.

 

Radio Q: Und menschlich gesehen? Wie kommst du mit den Leuten aus? 

 

Vadym: Ich wohne jetzt seit eineinhalb Jahren in Deutschland. Ich habe ein Jahr in Thüringen gewohnt und dort sind die Menschen beispielsweise schon wieder ganz anders als hier in Münster. Ich denke, es gibt viele gute Menschen und viele schlechte Menschen, das ist ja überall so. Gott sei Dank habe ich bis jetzt aber nur gute Menschen getroffen, die immer hilfsbereit sind. Die Menschen hier sind sehr kontaktfreudig. Wenn man zum Beispiel in eine WG einzieht, dann kommt man in einen neuen Kreis von Menschen und da wird auch nicht zwischen Ausländern und Deutschen unterschieden. Die Leute sind bereit zu helfen, wenn man etwas nicht versteht. Was die Menschen hier angeht, kann ich sagen, dass sie immer gut drauf sind und das ist einfach cool.

 

    "Das ist optimal für ein Studium."

 

Radio Q: Wie kommst du so in Münster zurecht?

 

Vadym Zhuravlov: Münster gefällt mir sehr. Die ganze Atmosphäre mit den vielen Fahrrädern. Das ist einfach unfassbar und ich habe so etwas noch nie in anderen Ländern oder Städten erlebt. Ich komme aus Kiew, dort wohnen mehr als 2,5 Millionen Menschen. Da braucht man immer mehr als ein Fahrzeug. Dann fährt man erst mit dem Bus, dann mit der U-Bahn, dann mit der Straßenbahn und mit noch einer und manchmal muss man dann noch laufen. Das kostet so viel Zeit, um etwas zu erreichen. Münster ist klein, aber es ist alles in der Nähe und in fünf Minuten ist man überall. Dadurch ist das Leben hier auch anderes als zum Beispiel in Berlin oder in Hamburg. Ich denke, das ist optimal für ein Studium, sowie der Fakt, dass hier 40.000 Studenten unter den Einwohnern sind und man fast immer und überall mit Studenten zusammen ist.

 

Radio Q: Gerade Erasmusstudierende versuchen ja immer so viel wie möglich von ihren Studienort und der Umgebung zu sehen. Hast du schon andere Städte besucht?

 

Vadym Zhuravlov: Ich war in Hannover, Berlin und Dortmund. Aber ich denke, es reichen nicht zwei Tage aus, um eine Stadt oder ein Land und seine Kultur kennenzulernen und zu verstehen. Typisch deutsche Städte gibt es vielleicht auch, aber ich glaube, dass Münster schon etwas Anderes und Besonderes ist. Verglichen mit den anderen Städten gefällt Münster mir auf jeden Fall am besten.

 

Radio Q: Wahrscheinlich wäre es manchmal auch schön, seine Familie wiederzusehen, wenn man in einem anderen Land studiert. Warst du zwischendurch wieder zuhause und hast sie besucht?

 

Vadym Zhuravlov: Selbstverständlich vermisse ich meine Eltern und meine Familie, meine kleinen Schwestern. Aber ich studiere ja nicht in den USA oder noch weiter weg. Dadurch gibt es immer die Möglichkeit, in den Ferien oder sogar für ein Wochenende, dass meine Familie mich hier besucht oder ich in Ukraine fliege. In einem oder in zwei Monaten ist das Heimweh noch nicht so stark und, wenn man Freunde findet und mit dem Studium oder mit Sport beschäftigt ist, dann vergeht die Zeit auch schneller und man denkt nicht viel darüber nach.

 

    "Wer eine Sprache lernt, ist doppelt so klug."

 

Radio Q: Auf einer Sprache zu studieren, die man nicht als Muttersprache erlernt, stellt man sich sehr schwer vor. Wie bist du mit den Klausuren zurechtgekommen?

 

Vadym Zhuravlov: Auf einer Fremdsprache zu studieren ist super schwer. Bei uns sagt man, wenn man eine andere Sprache lernt. ist man doppelt so klug. Es gibt ganz andere Regeln, Deklinationen und die Grammatik ist auch komplett anders. Im Alltag fühle ich mich schon ganz sicher, aber was das Studium angeht, muss ich noch viel üben und lernen. Ich denke fast doppelt so viel. wie Deutsche es müssen. Selbstverständlich gibt es Sachen, die man einfach überhaupt nicht versteht. Was die Hausarbeiten angeht - die waren sehr schwierig. Ich musste alles zwei Mal lesen, dann für mich übersetzen, dann in der Muttersprache das Thema noch mal recherchieren und analysieren und bis das alles zusammenpasst, muss man den ganzen Prozess ein paar Mal durchgehen. Ich denke aber, dass es sich lohnt und man auch zu Ergebnissen kommt. Mit der Zeit wird es denke ich auch noch leichter, gerade durch den wachsenden Wortschatz.

Gerade regt es mich nur auf, dass ich mich, wenn Leute über schwere und wichtige Themen diskutieren, immer erst frage, ob ich jetzt einfach Schweigen soll. Aber nach dem ersten Semester ist es schon viel besser geworden.

 

Radio Q: Du hatttest ja aber auch schon vorher Deutsch gelernt, oder?

 

Vadym Zhuravlov: Im Studienkolleg habe ich acht Monate lang Deutsch gelernt und dann zwei Prüfungen geschrieben. Erst dann konnte ich mich an der Uni bewerben. In Thüringen habe ich dann auch viel Deutsch gelernt und geübt. Das Studienkolleg hat sich echt gelohnt. Wenn ich ein Jahr in der Ukraine studieren würde und dann hierhin käme, dann wäre das totaler Stress. Das Studienkolleg gibt einem alle Grundkenntnisse, die man braucht, um sich in der Uni schon ein bisschen sicherer zu fühlen.

 

Radio Q: Die Vorlesungen sind ja jetzt erst mal vorbei. Was planst du für die kommenden Wochen?

 

Vadym Zhuravlov:  Jetzt haben wir zwar Semesterferien, aber wir müssen ja trotzdem Hausarbeiten schreiben. Vielleicht gehe ich trotzdem arbeiten. Immerhin ist es jetzt nicht mehr ganz so stressig, wie mit den Vorlesungen. Ich möchte die Zeit genießen und Bücher lesen, um damit mein Deutsch noch zu verbessern.

 

 

Interview geführt von: Charlotte Möller


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