Gustav Mahler in Zeiten der Spätromantik

Mahler schaffte eine untrennbare Verbindung zwischen dem Schönen und dem Traurigen. Auf neuen Wegen gelang er an die Schwelle zur Neuen Musik.

Die Epoche der Romantik ist im Gegensatz zu anderen Epochen der klassischen Musik recht lang, hat verschiedene Ausprägungen, die sich teils auch widersprechen und überschneidet sich mit anderen Strömungen. In der Romantik dominieren vor allem das Gefühl, die Subjektivität und die Fantasie die Musik. Die Komponisten wollen sich von den rationalen, klassischen Ansichten frei machen. Dazu gehört der Fokus auf ein emotionales Erlebnis, aber auch musikalisch wird die Dynamik differenzierter, die Klangfarbe ändert sich mit der Instrumentation und der immer extremer werdenden Harmonik.
Der Komponist Gustav Mahler lässt sich in der Spätromantik verorten. Er wurde am 7. Juli 1860 in Kalischt, Böhmen geboren. Zunächst besuchte Mahler das Gymnasium in Inglau und Prag, und in Wien das Konservatorium und die Universität, um Musik zu studieren. 1880 begann er seine Dirigentenlaufbahn in Hall und machte später an verschiedenen Stationen wie Leipzig, Prag und Budapest Halt. Mahler war aber eben nicht nur Dirigent sondern auch Komponist. Viele seiner frühen Kompositionen sind jedoch entweder vernichtet worden oder verloren gegangen. Manche Stücke liegen nur fragmentarisch vor. Eines seiner ersten Werke sind die "Lieder aus Des Knaben Wunderhorn", die zwischen 1883 und 1885 entstanden.
"Lieder aus des Knaben Wunderhorn" sind in der Gattung des Kunstlieds zu verorten. In der Romantik ist das Kunstlied, d.h. die Vertonung eines Gedichtes für Singstimme und Klavier die zentrale Gattung. Mahler vertonte die Volksliedsammlung "Des Knaben Wunderhorn" von Clemens Bretano und Achim von Arnim. Sie zeigen das Ursprüngliche und Charakteristische für Mahlers frühe Phase. Ebenso gehört auch die erste Symphonie von Mahler, die er 1889 fertig stellte zu dieser Phase. Sie bestand ursprünglich aus fünf Sätzen, später wurde allerdings der zweite Satz entfernt, sodass wieder eine viersätzige Symphonie entstand. Zu der Symphonie gab es ein Programm mit dem Titel "Der Titan", dass dem Hörer sogenannte "Wegtafeln" für seine Fantasie bieten sollte, dennoch steht die Musik für sich. Schon in der Einleitung hört man das Erwachen der Natur ganz früh am Morgen. Man hört den morgendlichen Kuckuck und das weiche Hornthema verbreitet dazu noch eine Natur- und Waldstimmung.

Mahler war von Haus aus Jude und hatte immer wieder während seines Lebens mit antisemitischer Hetze zu kämpfen, obwohl er selbst dem jüdischen Glauben nicht besonders nahe stand. Er war eher zu einer naturreligiösen und philosophischen Weltanschauung angezogen, was sich auch teilweise in seinen Angaben und Texten zur Werken von ihm wieder finden lässt. Dennoch empfand er seine jüdische Herkunft als Hindernis:
„Mein Judentum verwehrt mir, wie die Sachen jetzt in der Welt stehen, den Eintritt in jedes Hoftheater. – Nicht Wien, nicht Berlin, nicht Dresden, nicht München steht mir offen. Überall bläst der gleiche Wind."
Daher konvertierte er 1897 zum Katholizismus und wurde im selben Jahr noch zum Kapellmeister der Wiener Hofoper ernannt. Relativ schnell stieg er dann auch zum Direktor der Hofoper auf. Diese herausragende Stelle behielt er bis 1907 inne. Mahler setzte sich als Operndirektor, Regisseur und Dirigent mit kompromissloser Hingabe für die jeweiligen Werke ein. Er wollte dabei vor allem die Musik mit der szenischen Realisierung verbinden. Er propagierte die Idee der Oper als Gesamtkunstwerk und wollte die Oper damit reformieren.

„Die Fünfte ist ein verfluchtes Werk. Niemand capiert sie!"

Das notierte Gustav Mahler 1905 zu seiner eigenen Symphonie. 1901-1902 arbeitete er an diesem Werk und 1904 folgte die Uraufführung in Köln. Seine fünfte Symphonie stellt eine Wende zu seinen bisherigen Symphonien dar. Teilweise setzte Mahler in seine Symphonien Gesangseinlagen ein und übernahm dafür auch schon mal eigene Lieder. Bei der Fünften war das anders, das Orchester trat wieder stärker in den Vordergrund. Mahler beschäftigte sich während dieser Zeit stark mit Bachs Musik. „Eine größere Polyphonie war nie da! Unsagbar ist, was ich von Bach immer mehr und mehr lerne", äußerte er gegenüber seiner Vertrauten Natalie Bauer-Lechner 1901. Vielleicht war diese intensive Beschäftigung mit Bachs Musik der Grund für diese Wende. Fest steht jedenfalls, dass Mahlers Fünfte wesentlich komplexere Strukturen durch die polyphone Satztechnik aufweist, als noch davor. Außerdem nahm Mahler bei dieser Symphonie auch Abstand von erklärenden Programmen. „Es bedarf nicht des Wortes, alles ist rein musikalisch gesagt." In dem vierten Satz der Symphonie schafft Mahler eine Welt des absoluten Friedens. Später wurde der Satz in der Verfilmung von Thomas Manns Novelle „Tod in Venedig" aufgegriffen und löste damit nahezu einen Mahler-Hype aus. Einen ersten Mahler-Hype, wenn auch vielleicht in einer etwas anderen Form, gab es aber auch schon viel früher. Das Adagietto aus seiner fünften Symphonie schrieb Mahler wohl im November 1901 als wortlose Liebeserklärung an Alma, seiner zukünftigen Frau. "Statt eines Briefes sandte er ihr dieses im Manuscript, weiter kein Wort dazu. Sie hat es verstanden und schrieb ihm: Er solle kommen!!!", so ist es durch den niederländischen Dirigenten und engen Freund der Familie Willem Mengelberg glaubwürdig überliefert worden.

Ab 1901 beginnt die mittlere Phase von Gustav Mahlers Schaffen. Zwischen 1901 und 1904 komponierte er unter anderem auch die "Kindertotenlieder" nach Texten einer gleichnamigen Gedichtsammlung von Friedrich Rückert. Friedrich Rückert hatte eine Sammlung von 428 Kindertotengedichten verfasst, kurz nachdem zwei seiner zehn Kinder gestorben waren. Mahler wählte aus dieser Sammlung fünf Texte aus und vertonte sie. Das erste Lied komponierte er in d-Moll, das letzte in D-Dur, sodass sich ein abgeschlossener Zyklus ergibt. Seine Frau Alma konnte nicht verstehen, dass er 1904, während seine beiden Kinder im Garten spielten, seine "Kindertotenlieder" weiterkomponierte. Aber nicht nur seiner Frau stoßen die Lieder auf. Gustav Mahler hatte mit diesem Liederzyklus ein gesellschaftliches Tabu gerührt. In seinen "Kindertotenlieder" birgt die Trauer schon den Trost in sich und gleichzeitig ist jeder versöhnliche Ton von tiefer Melancholie durchdrungen. Dabei geht es weniger um den Tod des Kindes, sondern eher um das Leid der Hinterbliebenen. Bei der Uraufführung im Januar 1905 in Wien wurden die "Kindertotenlieder" sowohl bejubelt als auch stark kritisiert. Wenig später musste Gustav Mahler jedoch tatsächlich den Tod seiner Tochter Anna-Maria erleben. Ab diesem Zeitpunkt wollte er die Lieder nicht mehr selbst aufführen, da dieser Verlust ihn zu sehr mitgenommen hatte. Nur noch ein einziges Mal, 1910, dirigierte er sie in New York, wo er seit 1907 eine Stelle als Gastdirigent an der Metropolitan Opera und des Philharmonic Orchestra in New York hatte.

Wie viele der großen Komponisten hatte Gustav Mahler keine einfache Persönlichkeit. In seiner Kindheit wurde er regelmäßig mit dem Tod konfrontiert, 6 seiner 13 Geschwister starben früh. Er war der Zweitgeborene, doch sein älterer Bruder starb schon vor Gustavs Geburt. Seine Mutter Marie wurde vom Vater misshandelt und trug schwere körperliche Behinderungen davon. Diese häusliche Gewalt prägte ihn stark. Nach dem Tod beider Eltern, noch bevor Gustav 30 Jahre alt war, unterstützte er seine Geschwister, bis diese eigenständig leben konnten.
In seinen späteren Jahren entwickelte sich Gustav Mahler immer mehr zum Workaholic und Zwangsneurotiker. Er stürzte sich in seine Arbeit und vernachlässigte selbst im Urlaub seine Familie, um zu komponieren. Im Jahr 1910 fand er heraus, dass seine Frau Alma ein Verhältnis mit dem Architekten Walter Gropius hatte und fiel in eine tiefe Lebenskrise. Für ihn war Alma sein Lebensmittelpunkt. Dass er seiner 19 Jahre jüngeren Frau nun doch nicht genügte, zerstörte sein Selbstwertgefühl. Er schrieb ihr verworrene Briefe, wand sich weinend am Boden. Er war am Rande des Wahnsinns.
Unter Zureden von der Familie entschloss er sich schließlich, den Psychologen Sigmund Freud zu konsultieren. Zuvor hatte er drei Termine mit ihm verstreichen lassen. Obwohl die beiden Prominenten beide in Wien lebten, kam das Treffen im niederländischen Leiden zustande. Mahler nahm dafür eine Tagesreise auf sich, obwohl das Gespräch und ein Spaziergang mit Freud nur etwa vier Stunden dauerte. "Wir haben in höchst interessanten Streifzügen durch sein Leben seine Liebesbedingungen aufgedeckt. Ich hatte Anlass, die geniale Verständnisfähigkeit des Mannes zu bewundern. Auf die symptomatische Fassade seiner Zwangsneurose fiel kein Licht. Es war, wie wenn man einen einzigen, tiefen Schacht durch ein rätselhaftes Bauwerk graben würde.", schreibt Freud später. Er diagnostizierte Mahler unter anderem einen Mutterkomplex, die Besessenheit von der eigenen Mutter Marie. Wie sie litt auch er unter Angstzuständen und imitierte ihren humpelnden Gang, den sie durch die häusliche Gewalt erlitten hatte. Seine Obsession ging sogar so weit, dass er Frauen mit dem gleichen Namen wählte. Seine Frau Alma hieß eigentlich Anna-Marie, seine Tochter taufte er auf Marie. "Mahler hat in jeder Frau den Typus seiner Mutter gesucht. Sie war vergrämt und leidend, und dies wollte er unterbewusst auch von seiner Frau", erwähnte Freud in seinen Unterlagen. Tatsächlich liebte Mahler an jedem Ort seines abwechslungsreichen Lebens eine neue junge Frau, immer auf der Suche nach einer Frau, die seiner Mutter gleichkommt. Freud war von diesem Phänomen so fasziniert, dass er die psychische Störung nach Mahlers Krankheitsbild „Marien-Komplex" nannte. Die Ursache für sein Leiden sah Sigmund Freud in der Kindheit zwischen Tod und väterlicher Gewalt.

Mahlers Psyche hatte auch Auswirkungen auf sein künstlerisches Schaffen. Als kleiner Junge lief er oft weg und lauschte auf der Straße Volksliedern oder den Märschen des vorbeiziehenden Militärs. Von da an, so schloss Freud, gab es für Mahler eine untrennbare Verbindung zwischen dem Schönen und dem Traurigen. Das hört man auch in seinen Melodien, die oft eine Gradwanderung zwischen Heiterkeit und Bedrückung sind. In der Musik verarbeitete Mahler das Erlebte und setzte sich damit auseinander. Er beschäftigte sich mit Themen wie dem Abschied vom Leben, dem Sinn des Daseins, dem Leben nach dem Tod und der Liebe. So entstand auch „Das Lied von der Erde", in dem das Leben in seinen verschiedenen Aspekten und der Abschied vom Leben dargestellt wird. "Das Lied von der Erde" besteht aus sechs Teilen und ist eine Vertonung von Gedichten aus der Sammlung "Die chinesische Flöte" von Hans Bethge. Damit steht das Werk von der Form her auch zwischen Orchester-Liedzyklus und Symphonie. Mahler selbst hat zu diesem Werk gesagt: „Ich war sehr fleißig. [...] Ich weiß es selbst nicht zu sagen, wie das Ganze benannt werden könnte. Mir war eine schöne Zeit beschieden und ich glaube, daß es wohl das Persönlichste ist, was ich bis jetzt gemacht habe."

Am Ende seines Lebens ging es bei Mahler alles ziemlich schnell. 1910 führte er noch seine 8. Symphonie in München auf und fing seine Arbeit an seinen letzten beiden Symphonien an. Im Februar 1911 dirigierte er sein letztes Konzert in New York. Zu dieser Zeit litt er schon an einer bakteriellen Herzkrankheit. Sowohl Ärzte in Amerika, als auch in Paris und schließlich in Wien konnten nichts mehr für ihn tun. Am 18. Mai 1911 starb Mahler mit gerade einmal 51 Jahren in Wien und wurde auf dem Grinziger Friedhof begraben.
Gustav Mahler passte in kein Klischee. Seine romantisch-resignative Lebensanschauung prägte seine Musik mit hohem ideellen Anspruch, psychologisch vielschichtiger Struktur und farbenreicher Instrumentation. In langen Arbeitsprozessen veränderte er seine Werke immer wieder. Er suchte neue Wege und steht somit auch an der Schwelle zur Neuen Musik. So berufen sich später Arnold Schönberg, Alban Berg und Anton Webern auf ihn. Arnold Schönberg nannte Gustav Mahler „einen der größten Menschen und Künstler".


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