Sebastian Vettel vs. Lewis Hamilton in Aserbaidschan (Kommentar)

Die Kollision zwischen Sebastian Vettel und Lewis Hamilton beim Safety Car - Restart sorgte für viele Diskussionen. Diese Diskussionen sind jedoch überflüssig, da der Vorfall vollkommen klar ist. Meint zumindest QMotors-Redakteur Philipp Moser.

Eine Kollision zwischen den WM-Rivalen Sebastian Vettel und Lewis Hamilton sorgt nach dem Aserbaidschan Grand Prix für Diskussionen. Aber warum wird überhaupt diskutiert? In meinen Augen ist die Sache eindeutig. Wollen wir uns zu Beginn erst einmal die Situation anschauen. Wir befinden uns am Ende einer Safety Car-Phase, Lewis Hamilton führt das Rennen vor Sebastian Vettel zum Restart. Vettel touchiert dabei Lewis Hamiltons Heck. Unmittelbar danach zieht Vettel gestikulierend neben Hamilton und lenkt in den Mercedes des Briten hinein. Der Restart erfolgt, einige Runden später gibt es eine rote Flagge. Der Vorfall wird von den Kommissaren untersucht. Im weiteren Rennverlauf muss Hamilton nochmal an die Box, da seine Kopfstütze sich gelöst hat. Zeitgleich bekommt Sebastian Vettel für den Zwischenfall unter Safety Car eine 10 Sekunden Stop/Go Strafe aufgebrummt. Das Rennergebnis: Vettel wird Vierter und holt 12 WM-Punkte. Hamilton muss sich mit deren 10 und Rang 5 begnügen.

Weltweit kamen hitzige Diskussion auf. Der Großteil forderte eine Strafe für beide Piloten.  Diese Forderung ist jedoch angesichts der Fakten unsinnig. 1. Jeder Pilot verlangsamt am Ende einer Safety Car-Phase das Tempo, damit das Safety Car vorne weg in die Box ziehen kann. Erst dann versucht der Führende seine Verfolger zu überlisten, indem er auf einmal Vollgas gibt. Insofern war das Verhalten Hamiltons normal. So wie sich jeder andere Führende, auch Vettel, in jeder anderen Safety Car-Phase verhält. 2. Lewis Hamilton hat keinen Bremstest, wie Vettel es über Funk beschrieb, vorgenommen. Telemetriedaten belegen, dass Hamilton seine Geschwindigkeit an dieser Stelle um 3 km/h verringert hat. Dadurch ist die Frage, ob Hamilton hätte bestraft werden müssen, geklärt: Es gab keine Strafe für Lewis Hamilton und das ist auch richtig. wir uns nun der Strafe für Sebastian Vettel zu. Auch hier wollen wir uns erst die genauen Umstände anschauen. Eine 10 Sekunden Stop/Go Strafe ist die härteste Strafe nach einer Disqualifikation. Es gibt keine genaue Regel, die besagt, dass man für eine absichtlich herbeigeführte Kollision disqualifiziert werden muss - das Strafmaß liegt im Ermessen der Stewards. Trotzdem wäre ein Disqualifikation richtig gewesen. Eine vergleichbare Situation gab es 2015 in der britischen Formel 4. Dan Ticktum fuhr damals mit Absicht in das Auto seines Kollegen Ricky Collard. Seine Strafe: Ein Jahr Verbannung aus jeglichen Motorsport-Rennen plus ein weiteres Jahr auf Bewährung. Man setzte ein eindeutiges Zeichen an alle Nachwuchspiloten: Ihr spielt hier nicht Playstation - denkt daran, dass ihr euch verletzen könnt! Eine sehr harte Strafe, aber im Vergleich dazu sind die 10 Sekunden für Vettel ein Hauch von Nichts. Vettel hat in dieser Situation gezeigt, dass er seine Emotionen nicht im Griff hat, dass er im Kampf um die Weltmeisterschaft auch zu Selbstjustiz greift. Es kann keine Entschuldigung sein, dass Vettel emotional erregt war oder die Kollision bei niedrigem Tempo geschah. Es ist hier wie im Fußball: Eine Tätlichkeit gibt eine rote Karte. Es spielt dabei keine Rolle, ob man provoziert worden ist oder nicht - es spielt dabei keine Rolle, ob man dem Gegenspieler mit den Stollen voran ins Gesicht tritt oder ihm “nur” eine Backpfeife gibt. Für den aktuellen Spieltag ist dann Feierabend. Und genau so ein Zeichen hätte es für Vettel auch geben müssen: Stell dich unter die Dusche, beruhige dich und fahr in Spielberg bitte wieder vernünftig. Durch die fehlende Disqualifikation “gewinnt” Vettel 14 Punkte auf Hamilton. 12 für Platz 4, und zwei für den Platz, den Hamilton ohne Vettel weiter vorne gelandet wäre. Indem die Rennleitung milde straft, um nicht in den WM-Kampf einzugreifen, greift sie eben umso mehr in den WM-Kampf ein. Sollte Vettel am Ende der Saison mit weniger als 14 Punkten Vorsprung Weltmeister werden, wird man mit dem Finger auf Aserbaidschan zeigen müssen. 

Zum Abschluss will ich die Situation unabhängig vom Ergebnis und WM-Kampf beleuchten. Sebastian Vettel zeigt wieder, wie auch in Istanbul 2010 oder auch bei Multi21 in Malaysia 2013, dass er erhebliche charakterliche Schwächen vorzuweisen hat. Dass ihm die Sicherung durchbrennt, will ich ihm gerne verzeihen. Da kann man mit einer Disqualifikation einen Strich darunter ziehen. Aber das Verhalten im weiteren Rennen und in den Interviews danach lässt nur zwei Optionen zu. Entweder leidet Sebastian Vettel unter Realitätsverlust oder er hat einen, gelinde gesagt, alles andere als vorbildlichen Charakter. Ich erwarte nicht von ihm, dass er sich auf den Boden wirft und schreit: “Bitte bestraft mich!”, aber im Funk zu sagen “Wofür bekomme ich denn eine 10 Sekunden Strafe? Ich weiß gar nicht wofür, ich habe doch überhaupt nichts gemacht” ist an Scheinheiligkeit kaum zu überbieten. In den Interviews weicht er immer wieder aus “Ich bin ihm hinten drauf gefahren” - “Und dann bist du daneben gezogen und ihr seid erneut kollidiert..” - “Wie gesagt, ich bin ihm hinten drauf gefahren..”. Auf die Kritik von Lewis Hamilton angesprochen, Vettels Verhalten sei ein gefährliches Zeichen für den Motorsport-Nachwuchs und alle Kinder und er sei für viele ein Vorbild, sagt Vettel: “Die Formel 1 ist ein Sport für Erwachsene”. Lieber Sebastian Vettel, wenn das so ist, dann hast du in der Formel 1 keinen Platz verdient! Umso mehr müssen sich Vettel-Fans weltweit nun fragen, warum bin ich überhaupt Fan dieses Fahrers? Aufgrund der fahrerischen Leistung ist das mehr als nachvollziehbar, auf persönlicher Ebene gehen einem aber so langsam die Argumente aus. Nach Istanbul 2010 und Multi21 in Malaysia ist dies nun der dritte gravierende Vorfall in dem Sebastian Vettel zeigt, dass er nicht für 10 Cent einen Fehler eingestehen kann. Für ein Vorbild für viele, besonders junge Menschen, ist dies schlicht und ergreifend ein Trauerspiel. 

 

 

Philipp Moser


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