Rosberg-Rücktritt (Kommentar)

Nico Rosberg tritt mit sofortiger Wirkung zurück. Ein Kommentar über Beweggründe des Weltmeisters und Folgen der Entscheidung .

“Es ist als werde einem mit einem riesigen Goldbarren, der in Zitronenscheiben gehüllt ist, das Gehirn aus dem Kopf gedroschen” - so steht es zumindest in “Per Anhalter durch die Galaxis” vom britischen Kultautor Douglas Adams. Als Nico Rosberg heute seinen sofortigen Rücktritt verkündet hat, ging es dem gängigen Formel 1-Fan genau so. Mich trafen die News als ich nach der Arbeit aufs Handy geschaut habe - inklusive der folgenden Fast-Kollision mit einer entgegenkommenden Radfahrerin. Nachdem der erste spontane Herzstillstand überwunden ist, sollten wir nun einmal in Ruhe über die Ursachen und Folgen von Rosbergs Entscheidung nachdenken.

Nico Rosberg nennt als Hauptgrund, dass er seinen Kindheitstraum erreicht habe. Für den diesjährigen Titel habe er aber auch enorme Opfer bringen müssen. Besonders seine Frau und die gemeinsame Tochter Alaia haben den Formel 1-Fahrer in diesem Jahr selten zu Gesicht bekommen. Dieser private Aspekt ist einer von zwei Teilsträngen seiner Entscheidung. Der andere ist der sportliche Aspekt. Gegen den Teamkollegen, der unter dem Strich wohl das entscheidende Bischen schneller ist, hat er sich im dritten Versuch durchgesetzt. Dabei halfen ihm auch technische Probleme bei Hamilton. Sonst wäre wohl der Brite ganz vorne gestanden. Eine klare Niederlage im Jahr 2017 gegen Hamilton würde Rosbergs Weltmeistertitel als Eintagsfliege da stehen lassen. So tritt er auf dem sportlichen Höhepunkt ab. Der sofortige Rücktritt, so überraschend er auch ist, ist durchaus nachvollziehbar.

Für Nico Rosberg ist die Geschichte damit beendet, aber der Formel 1-Zirkus dreht sich ohne Unterbrechung weiter. Heute morgen sah das Fahrerfeld für das kommende Jahr schon so sicher aus - lediglich ein Sauber-Cockpit und die beiden Manors waren noch frei. Jetzt ist auf einmal das heißeste Mädchen der Schule ohne Partner für den Abschlussball. Schon jetzt gibt es gefühlt tausende Bewerber. Mercedes selbst will das Cockpit auf jeden Fall noch vor Weihnachten besetzen. Am wahrscheinlichsten ist die Lösung Pascal Wehrlein. Der ist Mercedes-Junior, hat bei Manor erste Erfahrungen sammeln können und schon zahlreiche Testkilometer im Mercedes mit den neuen 2017er-Reifen auf dem Buckel. Und: Wehrlein hat noch keinen Vertrag für das kommende Jahr.

Wie wir aber alle wissen, hat ein unterzeichneter Vertrag in der Formel 1 die gleiche Bedeutung wie ein freundlicher Händedruck. Aktuellstes Beispiel ist Nico Hülkenberg, der bei Renault unterschrieben hat, obwohl er eigentlich einen gültigen Vertrag für Force India hatte. Daher kann in der Theorie eigentlich jeder den Platz bei Mercedes bekommen. Der mit Abstand interessanteste Name ist Fernando Alonso. Trotz einigen unerfolgreichen Jahren bei McLaren zählt Alonso immer noch zur absoluten Spitzenklasse der Piloten. Eine Fahrerpaarung Hamilton-Alonso wäre für die Formel 1 ein Traum und von allen Optionen die spannendste. Das gemeinsame Jahr der beiden bei McLaren ist wohl allen noch in Erinnerung.

Warten wir ab für wen sich Mercedes entscheidet. Die sichere Variante Wehrlein, das Risiko Alonso, oder doch jemand, mit dem man bisher gar nicht rechnet. Eines aber zeigt der Rosberg-Rücktritt: Wie kaum ein anderer Sport bietet die Formel 1 Überraschungen und lässt uns ohne Chance auf Gegenwehr die Kinnlade runterklappen.

 

Philipp Moser


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