HIV und AIDS - IQ

In unserer Sendung zum Weltaidstag geht es um das HI-Virus. Was das Virus auslöst, wie man es behandelt und eventuell sogar heilt, erfahrt ihr hier. Außerdem geht es darum, wie AIDS in der Gesellschaft besprochen wird.

Wie immer gibt es auch diese Woche eine neue Ausgabe von "Nobelpreisverdächtig - Das Wissenschaftsupdate".

HIV-positiv – mit dieser Diagnose leben heute rund 36,7 Millionen Menschen weltweit. Weniger als die Hälfte von ihnen erhält aber eine spezielle/passende Behandlung, die lebensnotwendig für die Erkrankten ist.

Was genau passiert im Körper, wenn man sich mit HIV infiziert? Und welche Folgen hat es, wenn eine HIV-Infektion unbehandelt bleibt?

HIV – das steht für human immunodeficiency virus, also menschliches Immunschwäche-Virus. Eine Ansteckung mit diesem Virus kann zu dem Krankheitsbild AIDS führen. Dringt das Virus bei einer Ansteckung in den Körper ein, schädigt es das Immunsystem des Körpers, sodass die körpereigene Abwehr nicht mehr richtig funktioniert. Wie sich das Virus im Körper ausbreiten kann, erklärt Monika Brosda, Ärztin und Aids-Koordinatorin der Stadt Münster:

„Das Virus kommt in den Körper rein und sucht sich ganz gezielt Zellen aus, die für das menschliche Abwehrsystem zuständig sind. Das Virus gibt seine Erbinformationen an diese Zellen ab, das bedeutet, dann wenn sich diese Zellen teilen, dann können sie keine funktionsfähigen Abwehrzellen produzieren, sondern setzen Zellen frei, die wieder dieses Virus-Erbmaterial haben.“

Das HI-Virus befällt also ganz gezielt Abwehrzellen im Körper, die sogenannten T-Lymphozyten. Über die infizierten T-Lymphozyten kann sich das Virus im ganzen Körper ausbreiten. Da die Zellen gezwungen werden, das Virus zu vermehren, sind sie nicht mehr in der Lage ihre Abwehrfunktion zu erfüllen und werden schließlich sogar ganz zerstört. Zusätzlich werden infizierte T-Lymphozyten auch von anderen Immunzellen erkannt und vernichtet. So werden täglich rund eine Milliarde neuer Viren gebildet und ebenso viele Abwehrzellen zerstört.

Wenn eine HIV-Infektion nicht behandelt und das Immunsystem so weit geschwächt wird, dass die Zahl der geschädigten T-Lymphozyten die Anzahl gesunder Abwehrzellen übersteigt, kommt es zum Ausbruch der Krankheit Aids. Aids, das ist die Abkürzung für acquired immune deficiency syndrome, also erworbenes Immunschwächesyndrom. Die Immunabwehr des Körpers wurde so schwer geschädigt, dass nun eine Vielzahl verschiedener Krankheitsbilder auftreten, die für den Erkrankten lebensgefährlich sind.

Bis zu diesem Zeitpunkt sind kaum Symptome für eine Erkrankung erkennbar. Monika Brosda erklärt:

„Das Virus befällt ja dann die Zellen, die für das Immunsystem zuständig sind und macht erst dann ernsthafte Krankheitserscheinungen, wenn das Immunsystem massiv geschädigt ist, das heißt nach der Ansteckung bis zu den Krankheiten da können Jahre vergehen, das können 10-12 Jahre sein und in dieser Zeit fühlen die Menschen sich nicht krank, in dieser Zwischenzeit.“

Kurz nach der Ansteckung mit HIV kann es zwar zu einer akuten Infektionskrankheit kommen, doch die bleibt von den meisten unbemerkt, da die Symptome einer Grippe ähneln. Um eine Infektion dennoch frühzeitig zu erkennen oder zu verhindern, ist daher eine Sensibilisierung für dieses Thema besonders wichtig. Ziel ist es, durch eine frühe Diagnostik den Ausbruch von Aids zu verhindern.

Der Hauptübertragungsweg ist nach wie vor ungeschützter Geschlechtsverkehr. Das Risiko für eine Ansteckung über Blutkontakt ist in Deutschland dank effektiver Testverfahren inzwischen kaum noch vorhanden. Bei HIV-Tests, die deutschlandweit kostenlos und anonym angeboten werden, wird nicht das Virus nachgewiesen, sondern vom Körper gebildete Antikörper. Die früheste Möglichkeit, eine HIV-Infektion so nachzuweisen besteht nach 6 Wochen. Über die anonyme Meldepflicht in Deutschland werden diese Neudiagnosen erfasst. Zusätzlich sollen dabei Ansteckungswege erkannt werden. Sie sind wichtig für die Prävention.

Aufgrund der aktuellen Therapiemöglichkeiten kann die Virusmenge durch eine Behandlung unter der Nachweisgrenze gehalten werden. So bedeutet HIV zwar eine chronische Infektion, die lebenslang mit Medikamenten behandelt werden muss, bei guter Gesundheitsversorgung unterscheiden sich die Lebensqualität und die Lebenserwartung jedoch kaum von denen eines gesunden Menschen.

Als die Nachricht im Jahr 2007 kam, konnte man es kaum glauben. Konnte das wirklich sein? Ein HIV-Patient, komplett geheilt?

Der Arzt des Mannes, der heute als „Der Berliner Patient“ bekannt ist, war einen ungewöhnlichen Weg gegangen. Einen Weg, den viele seiner Kollegen zuvor für aussichtslos gehalten hatten.

Dr. Gero Hütter, der erste Arzt, der HIV heilte, erinnert sich:

„Die Experten, die ich vor der Transplantation gefragt hatte, und ob sie dem ne Chance geben, die haben sich alle eher ablehnend geäußert und gesagt: "das kann nichts bringen.“

Heute weiß man: Es hat etwas gebracht. Timothy Ray Brown, wie der Berliner Patient wirklich heißt, ist heute gesund. Das Virus ist in seinem Körper nicht mehr nachweisbar, und das, obwohl er seit Jahren ohne Medikamente lebt.

Geheilt wurde er durch einen Umstand, der wie das größtmögliche Unglück klingt: 2006, elf Jahre nach seiner HIV-Infektion, wurde bei ihm eine akute myeloische Leukämie festgestellt – Blutkrebs.

Brown wird in die Onkologie der Berliner Charité überwiesen. Dort arbeitet Gero Hütter, der eine Schwäche des HI-Virus ausnutzen möchte: Um menschliche Immunzellen befallen zu können, braucht das Virus einen Zugang. Eine Tür. Bei den meisten Formen von HIV ist diese Tür der CCR5-Rezeptor. Fehlt der Rezeptor, dann hat der Virus keine Chance, die Zelle zu befallen. Dr. Gero Hütter:

„Es gibt eine Laune der Natur, das ist eine Mutation in diesem CCR5-Gen, die dazu führt, etwa ein Prozent der europäischen Bevölkerung diesen Rezeptor nicht ausbilden können an der Zelloberfläche, und daher für HIV nicht infizierbar sind.“

Um die akute Leukämie zu heilen, braucht Timothy Ray Brown unbedingt eine Stammzellentransplantation.

Er hat Glück. Die Liste an möglichen Spendern ist lang. Hütter und sein Team haben quasi freie Auswahl. Warum also nicht die Chance ergreifen, und einen Spender mit der HIV-Immunität auswählen?

Die Operation ist hochriskant. Bei einer Stammzellentransplantation muss das Immunsystem komplett ausgetauscht werden. Etwa die Hälfte der Patienten stirbt bei dem Eingriff oder an dessen Folgen. Timothy Ray Brown überlebt.

Die neuen, resistenten Zellen in seinem Körper ersetzen nach und nach die infizierten Zellen, bis davon keine mehr übrig sind.

Timothy Ray Brown, der heute wieder in den USA lebt, hat es geschafft. Das tödliche Virus ist vertrieben.

Dennoch gilt HIV bis heute als unheilbar. Die überwiegende Mehrheit der Infizierten eignet sich nicht für die Therapie, die dem Berliner Patienten geholfen hat. Zu groß ist das Risiko durch die Stammzellentransplantation, erklärt Dr. Gero Hütter:

„Die Transplantation hat selber Nebenwirkungen und Gefahren, sodass man eben Patienten, die an HIV erkrankt sind, zumal es ja auch jetzt sehr gute Behandlungsmöglichkeiten gibt, nicht ohne Weiteres so einer lebensbedrohlichen Therapie aussetzen würde.“

Gero Hütter wünscht sich dennoch, dass sich mehr Ärzte trauen, seinen Weg zu gehen. Besonders bei Patienten, bei denen das tödliche Virus bereits ausgebrochen ist: „Man müsste, denke ich, über diese Option nachdenken, weil es letztendlich so ist, dass Menschen mit AIDS eine ähnlich schlechte Prognose haben wie Patienten mit einer unbehandelten Leukämie. Das heißt das sind Patienten mit einer ganz reduzierten Lebenserwartung.“

Drei Mal ist die Operation seit 2007 gelungen. Bei keinem davon ist sicher, ob das Virus auch ohne Medikamente nicht zurückkommt. Bis man AIDS endgültig heilbar nennen kann, ist es noch ein weiter Weg.

Seit 1996 ist die HIV-Infektion als eine chronische Erkrankung anerkannt. Die gute Nachricht: Die Infektion führt nur noch dann zu AIDS bzw. zum frühzeitigen Tod, wenn sie nicht rechtzeitig behandelt wird. Seit dem Jahr 1996 wird die sogenannte hochaktive antiretrovirale Therapie, eine Kombinationstherapie, verwendet. Diese besteht aus drei Wirkstoffen dafür sorgen, dass sich das HI-Virus nicht weiter vermehren kann und damit unter der Nachweisgrenze bleibt. Langfristig wird das Immunsystem wieder hergestellt und aufrecht gehalten. Ulrich Besting ist Psychologe und arbeitet bei der AidsHilfe Münster. Er erklärt, wie die Aidstherapie heute aussieht:

“Mittlerweile gibt es Kombinationstherapien, da ist alles in einer Pille einmal täglich drin, und erfreulicherweise sind so im Laufe der letzten 10-15 Jahre auch die Nebenwirkungen immer weniger geworden. Denn bei rechtzeitiger Behandlung hat man eine fast normale Lebenserwartung, bei in aller Regel sehr guter Lebensqualität. Schwere Nebenwirkungen sind wirklich selten geworden.”

Voraussetzung ist natürlich, dass der Betroffene von seiner Erkrankung weiß, indem er sich testen lässt. Je früher die Behandlung nach der Ansteckung beginnt, desto besser. Deshalb sollten sich Leute, die einem gewissen Risiko, zu erkranken, ausgesetzt sind, möglichst regelmäßig testen lassen. Wichtig ist außerdem, dass die Medikamente regelmäßig eingenommen werden. Früher kam es auf die Stunde an, neuere Präparaten könne auch schon mal ein, zwei Stunden früher oder später geschluckt werden, Hauptsache jeden Tag. Ansonsten kann im schlimmsten Fall die Kombinationstherapie wirkungslos werden, so Ulrich Besting:

“Wer immer wieder Pausen macht, zum Beispiel, weil ein junger Mensch am Wochenende auf Parties geht, und dann für zwei Tage die Kombinationstherapie nicht einnimmt, sondern erst wieder am Montag, das fördert die Gefahr von Resistenzmutationen, da HIV bei der Vermehrung relativ viele Mutationen aufweist. Das heißt: Wenn HIV sich vermehrt, besteht eine recht hohe Wahrscheinlichkeit, dass zufällig auch mal eine Resistenzmutation auftaucht.

Wenn dann die Medikamente verspätet wieder eingenommen werden, kann es sein, dass der resistente Stamm nicht mehr auf die Wirkstoffe reagiert und sich vermehren kann. Die Therapie wird somit wirkungslos. Bei regelmäßiger Einnahme jedoch geht die Infektiösität bei dem Großteil der Patienten vollständig verloren. Ulrich Besting:

“Von daher ist das gerade auch für Sexualpartner, die selber nicht HIV positiv sind, auch nochmal eine sehr erfreuliche Nachricht. Lange haben auch die Experten gestritten, aber mittlerweile ist ganz klar: Wenn seit mindestens sechs Monaten HIV nicht mehr im Blut nachgewiesen wird, und das erreichen heute mindestens neun von zehn Behandelten, ist auch die sexuelle Infektiösität praktisch nicht mehr vorhanden und dann kann sogar auch auf Kondom verzichtet werden.“

Das gilt wohlgemerkt nur für feste Partnerschaften. Bei sexuellen Abenteuern sollten weiterhin Kondome verwendet werden, zumal damit auch sexuell übertragene Krankheiten verhindert werden können. Wer mit Kondomen nicht zurecht kommt und noch nicht HIV-infiziert ist, für den gibt es seit Oktober 2016 in Deutschland die sogenannte Präexpositionsprophylaxe, kurz PrEP. Aber auch die PrEP schützt nicht vor Syphilis, Tripper und Co., und auch hier ist die regelmäßige Einnahme sehr wichtig, sagt Ulrich Besting:

“Im Prinzip geht es darum, auch vor einem hohen Risiko schon einen Schutz aufzubauen, indem man vorher anfängt, schon HIV-Medikamente zu nehmen. Und wenn diese Medikamente regelmäßig genommen werden, das zeigen die Studien der letzten zwei bis drei Jahre, bietet die PrEP einen sehr hohen Schutz, der mindestens so hoch ist wie bei der Kondombenutzung.”

Allerdings ist die PrEP sehr teuer. Eine Monatspackung kostet knapp 820 € und wird von den Krankenkassen nicht übernommen. Es sei denn, man lebt in Norwegen oder Frankreich. Generell kommt die PrEP nur für einen sehr begrenzten Patientenkreis in Frage. Was sich in der HIV-Therapie in den nächsten Jahren noch ändert, ist die Entwicklung einer Depotspritze. Das heißt, die Wirkstoffe der Kombinationstherapie würden nur noch alle acht Wochen gespritzt werden und dann langsam im Körper freigesetzt. Die Spritze wäre für HIV-Infizierte meist angenehmer, als jeden Tag Tabletten schlucken zu müssen.

Als AIDS entdeckt wurde, war es schnell als "Schwulenkrankheit" verschrien. Man wollte nichts damit zu tun haben. Doch wie sieht die Situation heute aus?

 


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