Nachbericht Eurosonic Noorderslag Festival 2016

 

Text: Sören Heuer, Sophia Kisfeld

Das Nachtleben in Groningen war für 4 Tage ein anderes: getränkt mit Musik, Musikern, Journalisten und Businessmenschen aus der ganzen Welt. Das Eurosonic Noorderslag Festival zieht die Musikwelt an und stellt die besten europäischen Newcomer vor! Auch wenn es immer “Eurosonic Noorderslag Festival” genannt wird, muss eine ganz wichtige Unterscheidung gemacht werden: Eurosonic = internationale Acts, Noorderslag = nur niederländische Acts. So finden diese beiden Festivals auch an verschiedenen Zeitpunkten statt. Das Eurosonic von Mittwoch bis Donnerstag, in unzähligen Clubs, Plattenläden und Cafés der Stadt, das Noorderslag nur am Samstag und nur im Osterpoort, der großen Konzerthalle.

Das Eurosonic Noorderslag hat 2016 zum 30sten Mal in der Provinzhauptstadt stattgefunden. Zu dem Festival werden vor allem aufstrebende, junge und teilweise noch recht unbekannte Bands eingeladen. Sie haben auf dem Showcase-Festival auf verschiedenen Bühnen die Möglichkeit, (Festival-)Bookern, Journalisten, Promofirmen und Labels zu zeigen, wie gut sie sind.
Dieses Jahr haben rund 300 Bands an dem viertägigen Festival teilgenommen. Die internationale Bandszene hatte vom 13.-15.Januar während des Eurosonics die Aufmerksamkeit für sich.

EBBA – European Border Breakers Awards
Die EBBAs sind eine Preisverleihung für die Künstler, die über ihre Landesgrenzen hinaus musikalische Bekanntheit erreicht haben – und die für ihr Land den größten Durchbruch erreicht haben. Die Show zur Preisverleihung wird in der Stadsschouwburg (dem Stadtstheater) aufgenommen und vom altbekannten Musikkenner Jools Holland moderiert wird.

 

Die diesjährigen Gewinner sind:
Belgien: Oscar and the Wolf
Deutschland: Robin Schulz
Frankreich: Christine and the Queens
Großbritannien: Years & Years
Irland: Soak
Lettland: Carnival Youth
Niederlande: Kovacs
Norwegen: Aurora
Schweden: Seinabo Sey
Spanien: Álvaro Soler

 

Carnival Youth haben dabei nicht nur den Preis als Border Breakers für Lettland gewonnen, darüber hinaus durften sie sich auch mit dem Public Choice Award rühmen lassen.

 Mehr als 300 Band in 4 Tagen – eine Zusammenfassung

Tag eins

A.O.S.O.O.N.
Das junge Duo aus London beschreibt humoristisch ihre Musik selber als “Gangster Folk” – eigentlich handelt es sich dabei aber eigentlich um eine spannende Mischung aus Singer-Songwriter, R’n'B und Pop. Die Stimme von Marisa Hylton wird getragen von sanften Gitarren- und Bassläufen, bei denen sich Marisa und Manny Folorunso gerne auch abwechseln. A.O.S.O.O.N. steht übrigens passend für “Alot of Something Out of Nothing” – live zwar noch mit einem Drummer, aber dennoch sehr minimalistisch auf der Bühen, verbreiten sie viel Stimmung und reißen schnell mit. Aktuell gibt es nur die selbstbenannte EP, bald wird aber mehr folgen! Wir dürfen gespannt sein!

Lea Porcelain
Das Duo aus Frankfurt am Main lebt seit einiger Zeit nun schon in London und verbreitet eine sehr spezielle Stimmung auf der Bühne: Joy Division trifft auf noch düstere und industriellere Sounds, New Wave und vielleicht sogar Krautrock. Julien Bracht und Markus Nikolaus setzen diese Musik stark um und zeigen dort ihre richtige Größe. Mechanisch und düster stehen die beiden in Nebelschwarden, Licht nur von Hinten und ein heftiger Sound! Eines unserer Highlights! Bisher gibt es nur eine gleichnamige EP – hoffentlich kommt da bald mehr.

Have You Ever Seen The Jane Fonda VHS?
Wenn nicht, dann müsst ihr das so schnell wie möglich ändern! Die finnische Band lässt auf den Namen eine weiter Besonderheit folgen: sie kommen komplett ohne Gitarren aus! Diese werden von einer teilweise verzerrten Hammond Orgel ersetzt, ein Dynamikproblem haben sie damit allerdings überhaupt nicht – der Sound wild, verspielt und schnell. Musikalisch geht das in Richtung Garagerock gemischt mit Punk und 60er Jahre Soul. Eine ziemlich schwer zu beschreibende Mischung, live allerdings eine Wucht! Ihr Debutalbum kam im Herbst 2015 raus.

Weitere Empfehlungen vom ersten Tag:
SAVEUS, Alina Orlova, Axel Flóvent, Carnival Youth, The Jacques, Hooton Tennis Club

Tag zwei

Alex Vargas
Der dänische Singer-Songwriter Alex Vargas hat zwei Seiten in seiner Musik: ruhige Gitarrenpicking-Songs, warme Synthies im Hintergrund und seine klare, kräftige Stimme on top oder die wildere Seite. Seine Tourunterstützung haut progrockige Gitarrenriffs raus, Vargas loopt sich auf dem Boden liegend selber und haut dann noch auf’s Keyboard ein! Von schlicht und ruhig hin zu wild und absolut impulsiv! Sein Sound geht hauptsächlich Richtung R’n'B, kann aber auch immer wieder folkigere Elemente beihalten – oder eben Progrock! Live ist Alex Vargas allerdings nochmal ein ganzes Stück besser, wuchtiger und spannender, als auf seiner bisher erschienenden EP “Giving Up The Ghost”. Wer die Möglichkeit bekommt, Alex Vargas zu erleben, sollte sich das nicht engehen lassen!

FúGó MANGO
Die vierköpfige Band kommt aus Belgien, klingt allerdings viel mehr nach Südamerika! Afrikanische Rhythmen durchziehen die Musik von FúGó MANGO, mischen sich mit tanzbaren Bassläufen und komplexen Drums. Sowieso, jeder der vier Musiker haut immer wieder auf Bongos, Rasseln oder andere Trommeln. Es entsteht ein Mix aus Dance, Indiepop und Soul. Letzteres liegt gerade an dem Gesang. Keine Minute nach Beginn ihrer Show wurde vor der Bühne getanzt und es entstand ein herrlich ausgelassene Stimmung. Dabei ist es aber auch sehr schwer nicht mitzutanzen, wenn die Mitglieder selber die Bühne komplett zum tanzen nutzen.
Ihre aktuelle EP heißt “Mango Chicks” und beinhaltet auch ein Cover des The Stranglers Songs “Golden Brown” – Highlight!

wrongONyou
Marco Zitelli alias wrongONyou kommt aus Italien und wird gerne mal mit den frühen Alben von John Frusciante verglichen. Zuviel des Lobes? WrongONyou kann sich definitiv mit Alben wie “Shadows Collide With People” messen, auch wenn noch etwas die Wucht in der Musik fehlt. Aber an Idee, Kreativität und Songwriting ähnelt sich das schon. Die Mischung aus Gitarrensound, elektonischen Elementen und flexibler Stimme passt auch. Abseits des großen Vergleiches funktioniert die Musik von wrongOnyou aber auch ziemlich gut, ist stimmungsvoll und scheint sehr zerbrechlich zu sein. Ein Musiker, auf den Band ein Auge haben sollte!
Seine “As Usual EP” gibt es umsonst bei Bandcamp: https://wrongonyou.bandcamp.com/

Georgia
Georgia scheint zwar aus dem Nichts gekommen zu sein, der Schein täuscht aber! Georgia war schon als Drummerin für Kate Tempest aktiv, ist die Tochter der Trip-Hop Legende Neil Barnes (Leftfield) und wurde von Domino Records-Gründer Laurence Bell persönlich gesigned! Ihr selbstbetiteltes Debutalbum wurde euphorisch empfangen und hoch gelobt. Eine irre Mischung aus den Elementen ihrer Karriere und Einflüsse: Sprechgesang, Trip-Hop-Elemente und Popmusik – alles lässt sich in ihrer Musik erkennen. Live ist Georgia dazu eine ziemliche Wucht!

Weitere Empfehlungen vom zweiten Tag:
DeWolf, OKAY KAYA, Go!Zilla, Kid Simius, And The Golden Choir

Tag drei

Jeanne Added
Die französische Musikerin Jeanne Added hat schon bei The Dø mitgespielt und geht nun Solo schon seit 2011 andere Wege. Diese Verbindung hört man auch raus – die Synthies und ruhigeren Stellen erinnern an diese Zeit zurück. Doch sonst hat Jeanne Added mit ihrem Solodebut “Be Sentational” klar andere Wege eingeschlagen. Der Mix aus Rock und Elektro, gemischt mit Rap und Gesang – gerade live dreht diese Mischung ordentlich auf und lässt einen nur verblüfft zurück!

Blaue Blume
Die Band Blaue Blume kommt aus Dänemark und hat den Namen von dem Symbol aus der Romantik. Dort steht die blaue Blume für Sehnsucht und Liebe. Genauso klingt das Debutalbum der Band, “Syzygy”.
Neben dem sehr verträumten aber teilweise auch knackig rockigen Sound der Band, ist die Stimme von Sänger Jonas Smith die große Besonderheit. Scheinbar leicht singt er im Falsett, mit viel Melodie und Schwung. Es entsteht ein sehr gefühlvoller Sound, der gerade live noch besser wirkt als auf dem Album.
Am 08.03. kommt die Band übrigens ins FZW Dortmund!

Ocellot
Ocellot sind eine der wohl unterschätztesten Bands aktuell! Die vier Musiker haben ihre Heimat in Barcelona, kommen aber gebürtig nicht nur aus Spanien. Irland und Deutschland sind ebenfalls dabei. Ihr neues Album heißt “Jelly Beats” und beschreibt den Sound der Band schon ziemlich gut. Ein wunderbar bunter Kosmos aus schillernden Synthies und Gitarren, hohen Gesangsstimmen und allerhand bunter Ideen und Klängen. Umgesetzt wird das alles in psychedelischem Elektro/Indie Pop. Live überzeugen sie auch bei nur 15 Leuten vor der Bühne, denn die waren allesamt am tanzen und feiern. Dass die Band nicht mehr lange ein Geheimtipp bleiben wird, ist ziemlich sicher!
https://ocellot.bandcamp.com/

Weitere Empfehlungen vom dritten Tag:
Chantal Acda, Leyya, Guts, Forever Pavot

Noorderslag

PAUW

Die Band PAUW hat mit ihrem Debutalbum “Macrocosm Microcosm” aus 2015 eine spannende Psychedelic-Rock Platte veröffentlicht und sich live bewiesen, diesen Sound auch umsetzten zu können. Mit lässiger 60er/70er Einstellung bei Auftreten und im Sound und der irren Lautstärke, wurden die Besucher des Konzertes wortwörtlichen umgeblasen. Dieses Erlebnis haben auch schon Besucher der Tours von Temples, Elephant Stone und Kasabian erleben dürfe, dort waren sie nämlich schon Supportact.
In der Genre beziehen werden PAUW in den kommenden Jahren noch größer werden, keine Frage!

Jo Goes Hunting
Nachdem Jimmi Jo Hueting 2015 das Konservatorium in Rotterdam mit Auszeichnung verlassen hat, trägt er seine vielseitige Musik auf die Bühnen Europas. Er selber spielt Drums, hat aber auch alle anderen Spuren und Ideen entwickelt und durchdacht: Analog Synthesizer, blubbernde Gitarren und variierende Rhythmen – der Sound von Jo Goes Hunting ist immer in Bewegung und wird durch die Stimme von Jimmi zusammengehalten. Seine Debut EP “Glow” wurde hoch gelobt und hat ihm weltweite Kritikeraufmerksamkeit gegeben. Der Song “The Acts of Leaving” war 2015 sogar schon auf Platz 5 der “Most Viral Songs Worldwide”! Ein Newcomer, dessen Debutalbum sicher spannend wird!

Haty Haty
Dass der für Indie-Folk-Rock bekannte niederländische Singer-Songwriter Blaudzun nochmal als Elektroact unterwegs sein wird, hat wohl keiner so richtig ahnen können. Zusammen mit dem Musiker David Douglas sind sie Haty Haty und machen “Electronic Indie”. Noch gibt es nur ein paar Songs des Duos im Internet, das Debut wird aber sicher folgen und spannend werden. Tanzbare Rhythmen mischen sich mit Ideen aus dem Indiesongwriting und komplexeren Elektroelementen.

Weitere Empfehlungen vom Noorderslag:
My Baby, All The Kings Daughters, Gallowstreet

Fazit
Das Eurosonic Noorderslag ist vor allem ein Festival für Menschen aus dem Musikbusiness – außer man wohnt eh in Groningen. Die Stadt versucht zwar, den Bewohnern der Stadt Groningen die Möglichkeit zu geben, das Festival mit zu genießen – wer jedoch kein Ticket und wer dann auch keinen Presseausweis hat, für den wird es schwierig, wirklich viel von diesem Festival zu genießen. Außerdem ist es zu kalt, um zu zelten – wer sich also nicht rechtzeitig um eine Übernachtungsmöglichkeit gekümmert hat, wird ordentlich für Hotels zahlen müssen.


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