Interview mit Memória de Peixe

Wie klingt eine Raumstation? Was wäre der passende Soundtrack für einen Kometen und gibt es Musik, die nur für das Weltall geschrieben wurde? Diese Fragen haben sich Miguel Nicolau und Marco Franco wohl auch gestellt und einfach alle diese Ideen in Musik umgesetzt. Ihr Duo Memória de Peixe klingt wie eine skurrile Weiterentwicklung von Public Service Broadcasting und arbeitet sich an den Konstrukten, Ideen und Möglichkeiten des Weltalls und der Physik allgemein ab.  

Dahinter steckt allerdings viel mehr als seichte und träumerische Einschlafmusik - Memória de Peixe schnüren aus Jazz, experimentellem Rock, Indie und vielen Loops ein spannendes Paket instrumentaler Musik. Mit nur einer Gitarre und Drums entsteht gerade live eine beeindruckende Soundwand! Um die Einflüsse und Gedanken sowie Ideen der beiden Musiker zu erklären und verstehen, gibt die Bandcamp-Seite einen sehr guten Startpunkt ab -  dort steht ein kurze Erklärung zu dem Namen ihres aktuellen Albums "Himiko Cloud":

"Wissenschaftlich betrachtet ist Himiko Cloud eine nebelartige Gaswolke, die als Protogalaxie gedacht ist, festgehalten in dem Moment der Formierung."

Klingt so, als wären hier Wissenschafts-Nerds am Werk. Dabei sind Miguel Nicolau und Marco France nur sehr besessen von den vielen spannenden Ideen und Möglichkeiten, die die Wissenschaft mit sich bringt. Eine ihrer größten Einflüsse? Neil deGrasse Tyson - der lustige Kauz, der einem die Welt aus Sicht der Physik erklärt und selbst Themen wie Quantenphysiken verständlich rüberbringt. Seine TV-Sendung Cosmos schauen sich Memória de Peixe schon lange an und holen sich unter anderem hier Ideen für Songs und Musik allgemein:

"Es gibt so viel Fantasie in dieser Sendung und Wissenschaft braucht diese Fantasie ganz dringend um neue Dinge zu erfinden und Ideen auszudrücken. Wenn wir Cosmos sehen, dann sehen wir die Geschichte hinter all dem was passiert. Es geht um Leute, die außerhalb ihrer Zeit denken, weit in die Zukunft entwickeln und weiterdenken. Die Sendung gibt der Wissenschaft die sehr wichtige Fiktion, die wir so unbedingt brauchen um in der Wissenschaft Fortschritte zu erreichen. Das ist ganz sicher ein großer Einfluss für unsere Musik."

Nicolau und Franco geben ihrer Musik dadurch ihren ganz eigenen Kosmos, in der sie stattfindet. Mal beschreibt die Musik ein existierendes Konzept, mal ist sie deutlich abstrakter. So behandelt der Song “Immortality Drive” eine reale Raumkapsel, die mit Informationen über das menschliche Genom und die Lebensweise bestückt ist. Im Falle einer Katastrophe würde die an der Internationalen Raumstation angebrachte Raumkapsel abgestoßen werden und wichtige Information sichern. So gesehen beschreiben sie ihr Album aktuelles Album “Himiko Cloud” auch als Konzeptalbum - immer auf der Suche danach, wie ein wissenschaftliches Konzept oder Thema klingen könnte:

"Wir lieben es in diesen Fragen zu denken und in der Fantasie und Sciende Fiction nach Ideen zu suchen. Diese Begriffe und Konzepte inspirieren und ein Album und Musik ganz allgemein zu schreiben. Unsere Musik hat viele Konzepte und Ideen, die auch in der Wissenschaft existieren. Wir lieben diese Parallelen. Es ist eigentlich so, als würde man wissenschaftliche Ideen vertonen, wir bei Filmmusik. Es ist eine Art Antithese zu einem Song mit einer herkömmlichen Struktur. Wir machen das Gegenteil und nehmen diese Strukturen auseinander. Es ist aber auch nicht einfach, all diese wissenschaftlichen Koordinaten in einen Song zu bekommen. Du musst viel mit Dramaturgie arbeiten, eine besondere Geschichte erzählen."

Credit: Jorn Baars

Dass diese komplexe Herangehensweise nicht allein durch Jammen funktionieren kann, scheint klar zu sein. Doch wie viel komponierte Musik steckt in den Songs von Memória de Peixe und was sind hier ihre Einflüsse? Ich reiche den beiden ein Bild von Ludwig van Beethoven und auch wenn wir nicht zu lange über Beethoven redeten, so sind sie von einer nicht zu weit entfernten Person umso mehr beeindruckt:

"Stell dir unser Sonnensystem vor, die Planeten und die Monde. In unserem Sonnensystem ist Johann Sebastian Bach die Sonne. Er ist wichtig für jeden, auch wenn diese Personen noch nicht einmal seinen Namen kennen. Er ist ein Phänomen. Es ist so spannend Bachs Musik zu studieren, es fühlt sich an wie einen nie endende Reise. Er ist ein so großer Einfluss für so viele Musiker und Personen und ich selber würde sagen, dass er ein Gott ist. Daher würde ich ganz klar sagen, dass wir unsere Art Musik zu erschaffen ganz klar als Komponieren bezeichnen würden und weniger als Jammen."

Neben ihrer Liebe für klassische Musik, sehen sie aber auch andere Bands wie Pavement oder auch David Bowie als große Einflüsse. Letzteren bewundern sie vor allem für seine einzigartigen Methoden um Musik zu schreiben:

"Er hatte mit seinen Entscheidungen immer Recht und war ein fantastischer Songwriter. Dazu hat er sich immer sowohl der Popkultur als auch der klassischen Musik bedient. Es gibt so viele Dinge in Bowies Songs, die absolut klassisch geprägt sind. Er wusste einfach um die absolute Wichtigkeit und das Wissen der ästhetischen Musikproduktion. Er war ein Visionär und hat sich immer mit den Dingen, Personen und Kreativität umgeben, die so klangen, wie seine Musik klingen sollte."

Die Musik von Memória de Peixe ist nicht nur etwas für Freunde von Quarks und Co oder Physik-Leistungskurs. So spannend und frisch klang das Weltall noch nie! Ihre Musik überwindet spielend leicht das Imageproblem von Instrumentalmusik und erschafft eine ganz eigene Welt zum Träumen und Abschweifen. Allerdings nicht zu weit und tief, denn dann macht die Musik wieder eine Kehrwende, explodiert und fliegt weiter wie ein Komet durch das Weltall aus Bowie, Bach und Neil deGrasse Tyson.

 

Sören Heuer


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